Alte Wörter, neu zusammengesetzt

Seit vielen Jahren bin ich MItglied in einem wunderbaren Netzwerk, dem texttreff –  „wortstarke“, schreibende Frauen unterstützen sich hier gegenseitig, informieren, inspirieren, lassen Dampf ab, geben kostbare Tipps oder halten einfach mal ein Plauderstündchen… eine ganz besondere Sache ist das alljährliche Blogwichteln: da dürfen wir uns gegenseitig einen Beitrag für unsere Blogs schenken. Und hier, tadaaaaa, ist mein Weihnachtsgeschenk – von Simone Harland, der „Fachfrau für alles rund ums Wort“ –  freiberufliche Autorin, Redakteurin und Diplom-Sozialwirtin… und weil es ein Geschenk ist, wird es auch heute ausgepackt und präsentiert – hier also der Text von Simone:

*****

„Ich mag zusammengesetzte Wörter. Die einfachsten von ihnen bestehen aus zwei Wörtern, etwa Blumenstrauß, Kuchenblech, Nestbeschmutzer, Mondschein, Krümelmonster, Notizbuch, Blätterrascheln, Buchmarkt, Kellertür, Taschenlexikon oder der schöne Regalmeter.

Unter den Wörtern, die sich aus drei Wörtern zusammensetzen, gibt es so wunderbare Kreationen wie das Dreimeterbrett, die Regenmantelkapuze, die Katzenhaarallergie oder den Bierflaschenöffner.

Wörter, die aus vier Wörtern bestehen, können ebenfalls hübsch sein. Das beweisen die Dreimeterbrettspringerin, der Hundehaarshampooverkäufer, die Haarnetzbefestigungsspange. Und die ganz langen wie Oberweserdampfschifffahrtsgesellschaftskapitänsmützenabzeichen haben auch was, obwohl die Gefahr besteht, dass sich bei ihrer Aussprache die Zunge verknotet.

Kombiniere, mein lieber Watson!

Sprache ist nicht statisch, sie verändert sich ständig – durch diejenigen, die sie benutzen. Schreibende können die Veränderungen beschleunigen. Etwa indem sie durch neue Wortkombinationen Wörter erschaffen, die Dinge, Taten oder Gefühle ausdrücken, für die es bislang keinen Ausdruck gibt. Meister darin sind Stephen King und seine Übersetzerinnen und Übersetzer. In Kings Buch „Love“ (im Original „Lisey’s Story“) prägen sie zum Beispiel das Wort „Bösmülligkeit“, das genau das trifft, was es aussagen soll.

Oelherz1Wortschöpfungen in belletristischen Texten können poetisch oder skurril sein, sie dürfen sogar der Grammatik trotzen, zum Beispiel wenn dies der Charakterisierung einer Figur in einer Geschichte dient. Werbetexten geben neue Wortkombinationen manchmal erst das gewisse Extra.

Selbst in erzählenden Sachtexten haben sie unter Umständen ihre Berechtigung, etwa in den Fällen, in denen andere Begriffe den Sachverhalt nicht so exakt treffen wie das neue Wort.

Wortschöpfungen ja, aber bitte passend!

Sparsam eingesetzt, bereichern Wortneuschöpfungen einen Text. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf bestimmte Textstellen und verleihen diesen Gewicht. Das ist zugleich einer der Gründe, warum sie besser sparsam eingesetzt werden. Leserinnen und Leser stolpern über unbekannte Wörter und das behindert den Lesefluss. Zu viele neue Wörter in einem Text sind deshalb genauso nervig wie lange Umschreibungen oder Erklärungen.

Auch sollte das Erfinden neuer Wörter nicht zum Selbstzweck verkommen. Die Texte von Schreibenden, die der Ansicht sind, ihr Text habe nur dann eine persönliche Note, beinhalte er neue Wortkreationen, wirken oft aufgesetzt, statt originell. Stattdessen sind neue Wörter immer dann genau richtig, wenn sie passender sind als alle anderen, die es gibt.

Beispiele für neue Wortkombinationen
Rachefrust: Kommt immer dann, wenn die lang ersehnte Rache schief gelaufen ist.
Leidenschaftslesen: Der Gegensatz zum Musslesen in der Schule.
Zuckerkuss: Kuss mit Zucker auf den Lippen oder ein besonders süßer Kuss – nicht zu verwechseln mit Zuckerguss.
Klebemensch: Nervige Klette.
Schwerlastarbeit: Niederdrückende Tätigkeit

Ölherz – auch ein eher unbekanntes zusammengesetztes Wort“

(s. Bild, zur Verfügung gestellt von der Autorin)