Herbst

Die dritte Jahreszeit. Sommerende. Übergang. Loslassen. Die Ernte einfahren. Kürzer werdende Tage, kühlere Nächte. Almabtrieb. Blätter, die durch den Wind wirbeln. Verblühendes. Sandalen wegräumen, Stiefel hervorholen. Eine wärmende Jacke. Die Balkontüren, die Fenster, die wochenlang weit offenstanden, schließen. Vorkehrungen für kältere Zeiten. Schulbeginn. Der Beginn eines neuen Arbeitsjahres.

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Der Herbst hat etwas Melancholisches. Nichts währt ewig – der Herbst ist die Jahreszeit, in der so etwas wie Vergänglichkeit wohl am deutlichsten sichtbar, spürbar wird. Die fröhliche Unbekümmertheit eines Sommers ist vorüber. In den Sommer-Touristenorten werden Sonnenschirme und Liegen wieder zusammengepackt. Für die nächste Saison.

In der chinesische Philosophie und Medizin (TCM) spricht man von Wandlungsphasen. Das Symbol für den Herbst ist das Metall. Die zugeordneten Organe sind Lunge und Dickdarm. „Die Lunge ist das Meisterorgan des Qi, sie stellt die Verbindung zwischen dem Universum und dem Inneren des Menschen her und verteilt die Energie des Himmels im Menschen. Über die  Atmung nehmen wir die frische, klare Luft auf und atmen die verbrauchte Luft wieder aus. Das Kommen und Gehen des Atems ist unser Rhythmus, unser eigener Takt und gibt Aufschluss über unsere Befindlichkeit“, so der Feng Shui-Experte Frank Ranz.

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Nach einem aktiven, erlebnis- und abenteuerreichen heißen Sommer ist der Herbst die Zeit der Abkühlung, der Reflexion. Was war gut, was will behalten werden? Wovon muss ich mich verabschieden? Zeit der Neuorientierung. Des Neustarts vielleicht.

Der Herbst macht sich selbst in meinem Email-Posteingang bemerkbar. War dieser über die Sommermonate angenehm wenig überlaufen (selbst die Spam-Verschicker haben Pause gemacht!), fängt er von einem Tag auf den anderen wieder an sich zu füllen. Alle sind zurück, der Alltag geht wieder los. Die Unis starten, gekürzte Öffnungszeiten werden wieder verlängert, Kindergärten nehmen ihren Normalbetrieb auf. Man macht Pläne für das kommende Arbeitsjahr, überlegt vielleicht auch schon, was sich heuer noch alles ausgehen sollte/müsste. Die Weihnachtsfeiern müssen bereits unter Dach und Fach sein, sonst findet sich kaum noch ein freies Plätzchen. Und ja: in knapp dreieinhalb Monaten ist Weihnachten. Kekse und Kerzen inklusive.

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Aber davor noch: Erntedankfeste, Zugvögel, Allerheiligen, Kürbis und Weinlese, Kastanien essen, Sturm trinken. In den Buschenschenken die kostbaren Sonnenstunden genießen…

 

Eines der schönsten Herbstgedichte, die ich kenne, stammt von einem österreichischen Lyriker, Rainer Maria Rilke:

 

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Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. 
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, 
und auf den Fluren laß die Winde los. 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; 
gib ihnen noch zwei südlichere Tage, 
dränge sie zur Vollendung hin und jage 
die letzte Süße in den schweren Wein. 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. 
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, 
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben 
und wird in den Alleen hin und her 
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. 

 

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