Der unwiderstehliche Garten

Nach langem wieder einmal ein Besuch im Grazer Literaturhaus: Barbara Frischmuth liest aus ihrem neuesten Buch: Der unwiderstehliche Garten. Eine Beziehungsgeschichte.

SAM_0882Ich bin schon ein bisschen früher da, hole die reservierten Karten, suche ein gemütliches Plätzchen, etwas abseits der vielen bereitgestellten Tische und Stühle… und schaue zu, wie sich der Raum allmählich füllt. Sie ist gut besucht, die Lesung der Barbara F., vor allem Frauen scheinen sich dafür zu begeistern, aber das ist vielleicht generell in Lesungen so…

Die Autorin beginnt zu lesen. Und ich tauche ein in ein neues, mir unbekanntes Universum. Die Welt der Pflanzen. Mir als schon längst zur Städterin Gewordenen ist dieser Bezug irgendwann langsam abhanden gekommen. Barbara F. lebt schon lange, sehr lange in und mit (und für?) ihren Garten. Dass sie mit ihm verbandelt, verwurzelt ist, dass sie ihn kennt wie ihre Jackentasche (und er sie!), das liest sich aus jeder Zeile heraus…

Die Macht der Pflanzen… so viel älter als wir, in anderen Zeitdimensionen existierend… lange vor uns, vermutlich lange nach uns… wir als kleine Brösel im Universum, was sind wir schon gegen die Welt der Pflanzen? Womöglich haben gar sie uns domestiziert, für ihre Zwecke eingespannt… wir kultivieren sie, sorgen für ihr Wohlergehen (zumindest der uns nützlichen Pflanzen), sorgen für ihre Verbreitung, für ihren Erhalt, für ihr Weiterbestehen – sind tatsächlich wir die Herrscher oder ginge es nicht auch anders rum?

Es sind faszinierende Gedankengänge, zu denen die Autorin einlädt, ungewohnte Sichtweisen, neue Perspektiven, Rahmen sprengende Überlegungen… mir wird regelrecht mulmig, wenn ich an meinen Schnittlauch im Kräuterkisterl denke oder die Rosen im Topf, den Farn im Zimmer – sie leben… und herrschen über mich??? Lächelnd, gelassen??? Aus einer anderen Zeitdimension heraus… Von den Pilzen, Bakterien und Kleinstlebewesen mal ganz abgesehen, die in Wahrheit die Welt regieren und für die wir nur lästige „Mückenstiche“ dazwischen sind…

Das Sexleben der Pflanzen beschreibt sie ebenfalls ganz ausführlich und in aller Schwummrigkeit , die Barbara F. … warum sollten die denn keinen Spaß an der Sache haben dürfen? Sie laden sich manchmal sogar einen Dritten ein für eine flotte Menage á troi, ein Insekt, das zum Bestäuben kommen darf… das muss man erst einmal anlocken, seine Reize präsentieren… Sie hat sich schlau gemacht, die Gartenliebhaberin, da scheint es doch einige Forscher zu geben, die tief in das Innere der Pflanzenbiologie gedrungen sind, die sich mit der Kommunikation der Pflanzen untereinander und mit uns Menschen beschäftigen… und die offenbar Erstaunliches zu Tage gefördert haben…

Wenn man einmal anfängt den Spieß  umzudrehen und die Welt aus Sicht der Pflanzen und Kleinstlebenwesen zu betrachten, eröffnen sich tatsächlich neue Horizonte… nicht mehr das einseitige: wir sind so toll und weit entwickelt, die Besten, die Evolutionssieger… nein, aus Sicht der Pflanzen könnte unser kleines Universum gänzlich anders ausschauen… wir haben es bloß bis heute noch nicht in seiner ganzer Bandbreite erfasst…

Ich danke für diesen Blick über den Horizont, für die Erweiterung meiner Vorstellungen, für die Anregungen… und für die wunderschöne, poetische, leichte, fließende Sprache, in der diese Ideen verpackt sind… ich weiß jetzt wieder, warum sie zu den ganz Großen gehört, die Barbara F.!

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