Hoher Wellengang

Kaum bin ich wieder daheim aus dem Urlaub, noch vollgefüllt mit Eindrücken, Erlebnissen, Erinnerungen – schon platzt der Alltag über mich herein. Nicht die kleinste Verschnaufpause gönnt er mir…. Emails, Anrufe, Erledigungen, Arbeiten aller Art warten schon gaaaanz dringend, Termine wollen vereinbart werden, Freunde freuen sich auf ein Treffen, vieles will nachgeholt werden, was in den vergangenen Wochen liegenblieb.

SAM_0951fDabei trage ich noch das Meer in mir. Stundenlang bin ich am Strand gesessen, letzte Woche, und habe aufs Meer geschaut. Selbstvergessen, versunken in einer unendlichen Weite, im Rhythmus der Wellen, dem permanenten Rauschen und Tösen des Ozeans. Das Wasser war wild bewegt, ein hoher Wellengang.

Ich wollte aber nicht nur schauen, ich wollte auch rein ins Wasser. Mein erstes Bad im Meer war entsprechend ein ungewollter Tauchgang: kaum bis zu den Knien drin hat mich die erste größere Welle gleich einmal umgehauen… spuckend und prustend bin ich aus dem Schaumgebirge wieder aufgetaucht… und musste mich augenblicklich vor der nächsten Welle in acht nehmen, die schon heranrollte.

SAM_1001kNach einer Weile jedoch ist es mir gelungen: ich habe mich zum rechten Moment in die Wellen hineingeworfen, auf den Kamm, und mich mittragen lassen… abspringen und auf der Welle „surfen“, irgendwann hat es funktioniert und es hat angefangen richtig Spaß zu machen… nicht von der Gewalt des Wassers umgeworfen, hinabgezogen zu werden, sondern es zu beherrschen, mit den Wellen umgehen zu können, auf den Wellen reiten…

Warum ich das alles erzähle? Weil es auch in meinem Leben immer wieder einmal hohen Wellengang gibt. Da geht es die längste Zeit ruhig und beschaulich zur Sache, der Alltag tröpfelt dahin, man denkt sich nichts böses – und plötzlich ist der Wind da. Und die Wellen. Das Wasser, das dich gerade noch gemütlich getragen hat, ist wild geworden, in heftige Bewegung geraten. Es tost und schäumt, türmt sich zu Bergen und entwickelt gewaltige Kraft.

SAM_0952gIm ersten Moment, wenn das Leben gerade mal wieder stürmisch wird, kann es sein, dass man mal untertaucht, eine Ladung Wasser schluckt, spukt, Angst kriegt, mit den Armen hilflos paddelt und rudert, wieder schluckt und spukt… und dann, ja dann kann es sein, wird es sein, dass man lernt, die Wellen zu reiten… damit umzugehen… Möglichkeiten zu finden, das Unbeherrschbare beherrschbar zu machen, die Kraft des Wassers zu nutzen, sich davon tragen, weiterbewegen zu lassen, sogar seinen Spaß daran zu haben…

Ein oder zwei Tage, nachdem ich Teneriffa verlassen habe, hat der Wind aufgehört… immer zu Septemberbeginn, wie ich erfahren habe… das Wasser liegt ruhig, nahezu unbewegt… als wäre es nie anders gewesen…

So geht es wohl auch im Leben… irgendwann sind die Stürme vorbei, kehrt wieder Ruhe ein… möglicherweise hat sich das eine oder andere verändert, hat man sich dadurch verändert, ein Stück weiter bewegt…

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Ich vertraue darauf, dass die Ruhe wieder einkehren wird…  ein neuer Alltag… dass Wind und Wellen Sinn machen… das manchmal altes zerstört werden muss, damit neues wachsen kann…