10 Jahre im Dienste der Studierenden

Der Verein „Wirtschaftshilfe für Studenten Steiermark“ feiert Geburtstag:

Anfang der 20er Jahre in Österreich: Der Erste Weltkrieg war vorbei, die gesamte Bevölkerung und vor allem die Studenten lebten unter schwierigsten Bedingungen. In dieser Situation taten sich in Wien einige Personen aus allen Bereichen der Arbeiterorganisationen zusammen, um Studenten aus finanziell schwachen Familien wirtschaftlichen Beistand zu sichern. Auf Initiative des Stadtrats für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, Univ.-Prof. Dr. Julius Tandler, des damaligen Parlamentsklubsekretärs Dr. Adolf Schärf sowie der Führer der sozialistischen Studenten, Stark und Maresch, wurde die „Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten Österreichs“ (WIHAST) gegründet.

Ziel des Vereines war es, den Studierenden kostengünstige Unterkünfte und Verpflegung sicherzustellen. Mehrere Studentenhäuser und Mensen konnten im Laufe der folgenden Jahre eröffnet werden.
Aus allen Bundesländern strömten quartiersuchende Studierende nach Wien. Doch auch in anderen Landeshauptstädten stieg der Bedarf an günstigen Studentenunterkünften. So konnte es nicht ausbleiben, daß sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte selbständige WIHAST-Landesvereine in Oberösterreich, Salzburg, Innsbruck und Graz bildeten.

1950 wurde in Graz der erste Antrag auf Zulassung des Vereines „Wirtschaftshilfe für Arbeiterstudenten Österreichs“ (WIHAST) gestellt. Doch die Anfänge der WIHAST in Graz waren nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt. Erst mit der Generalversammlung im März 1987, als aus der Wirtschaftshilfe für Arbeiterstudenten (WIHAST) die Wirtschaftshilfe für Studenten Steiermark (WIST Steiermark) hervorging, begann die rege und erfolgreiche Arbeit des Vereines. Univ.-Prof. Dr. Helmut Seel wurde als Obmann in den Vorstand gewählt. Obmann-Stellvertreter wurden Dr. Siegfried Kristan und Dr. Ludwig Sik. Dr. Wolfgang Messner als Wirtschaftsexperte und langjähriger Leiter der katholischen Mensa des afro-asiatischen Institutes, sowie der Finanzreferent Dr. Peter Nebel übernahmen die Agenden des Kassiers und Kassier-Stellvertreters. Als Schriftführer fungierte Dr. Helmut-Theobald Müller, der bereits das Heim der WIST Oberösterreich in Graz geleitet hatte. Sein Stellvertreter wurde Dr. Kurt Weber.

In dieser ersten Generalversammlung der WIST Steiermark wurde bereits intenisv über ein Studentenhaus in der Wienerstraße in Graz verhandelt. Auch wurde der Vorschlag eingebracht, bei der Errichtung des Studentenheimes ein Kulturzentrum einzuplanen. Damit war der Grundstein für die künftigen Aktivitäten der WIST Steiermark gelegt.

Bereits im Herbst 1987 wurde das erste Grundstück in der Wienerstraße erworben und zu einem baukünstlerischem Wettbewerb für die Errichtung eines modernen Studentenwohnhauses geladen. Der Architekt Klaus Kada ging mit einem aufsehenerregenden Projekt, das Zweckmäßigkeit, Transparenz und avantgardistische Architektur in sich vereinte, als Sieger hervor. Nach einer Bauzeit von weniger als drei Jahren konnte im Oktober 1991 das erste WIST-Studentenwohnhaus in der Wienerstraße 58a seinen Betrieb aufnehmen.
Im Juni 1992 wurde das angeschlossene Kulturzentrum „Roter Saal“ eröffnet, das sich seither mit seinem anspruchsvollen Programm zwischen Jazz und Blues, Ausstellungen, Kabarett, Tanz und Theater zu einem Anziehungspunkt für Kunstfreunde- und Interessierte entwickelt hat. Auch das miteingeplante Café nahm zur selben Zeit seinen Betrieb auf.

Mit ihrer zeitgemäßen Architektur und Infrastruktur setzte die WIST Steiermark neue revolutionäre Maßstäbe für studentisches Wohnen. Ein großes Angebot an kommunikativen Einrichtungen – wie das angeschlossene Kulturzentrum, das Café, verschiedene Seminar- und Studierräume, ein Fitneßraum, ein Musikzimmer, eine Sauna – sollte den über 200 Studierenden Möglichkeiten und Anreiz nicht nur zu einem erfolgreichen Studium, sondern auch einem intensiven Zusammenleben schaffen.

Das neuerbaute WIST-Studentenwohnhaus in der Wienerstraße, mit 224 Plätzen das damals fünftgrößte in Graz, bedeutete einen zehnprozentigen Zuwachs an Studentenheimwohnplätzen und brachte mit seiner Konzeption neue Anregungen in die Studentenheimszene.

Die Finanzierung dieses ersten WIST-Wohnprojektes wurde vor allem durch Subventionen und Wohnbauförderungsmittel des Landes Steiermark und der Stadt Graz sowie Subventionen des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung und zahlreicher Kontingentnehmer sichergestellt.
Bereits im Juli 1992 wurden zwei weitere Gebäude in der Keplerstraße angekauft. Als Bauträger fungierte abermals die Siedlungsgenossenschaft Neue Heimat. Nach einer relativ kurzen Adaptierungszeit konnte im Oktober 1992 das WIST-Studentenwohnhaus Keplerstraße mit 74 Wohnplätzen in Betrieb gehen.
Auf der Suche nach weiteren möglichen Standorten für künftige WIST-Heime wurden mehrere Projekte geprüft und schließlich in der Moserhofgasse einige unbebaute Grundstücke in günstiger Lage zur Technischen Universität gefunden.

Im Sommer 1993 wurde mit der Grazer Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft (GGW) als Partner das Projekt in Angriff genommen. Das Projekt Moserhofgasse II wurde von der Neuen Heimat übernommen. Noch während der Planungsphase des für ursprünglich 216 Studierende konzipierten Hauses wurde ein weiteres angrenzendes Grundstück erworben und das Projekt auf 267 Heimplätze erweitert. Der Baubeginn erfolgte im November 1995.
Schließlich wurde die WIST als aktivster Heimträger in Graz von der ÖWG auch als Träger für das Großprojekt Ghegagasse gewonnen. Im Oktober 1996 war das erste Studentenwohnhaus in der Moserhofgasse bezugsfertig. Ebenfalls im Frühjahr 1997 öffnete das angeschlossene Café seine Pforten. Kurze Zeit später wurde der zweite WIST-Veranstaltungssaal fertiggestellt. Im September 1997 konnten schließlich die Studentenwohnhäuser Moserhofgasse II und Ghegagasse bezogen werden. Die offizielle und feierliche Übergabe dieser beiden Studentenwohnhäuser erfolgt am 6. November 1997.

Damit hat die WIST Steiermark in den vergangenen 10 Jahren bislang bereits für über 1.000 Studierende eine erschwingliche Wohnmöglichkeit in Graz geschaffen. Der „alte“ Leitgedanke dabei: Trotz freiem Zugang zu unseren Universitäten und damit zu einem wichtigen Bildungsangebot, war (und ist) es oftmals nur finanziell besser gestellten Familien möglich, ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. Denn Studierende sind während ihrer Studienjahre angewiesen auf die Unterstützung ihrer Familien, auf Stipendien und öffentliche Gelder und/oder auf Ferialjobs und Gelegenheitsarbeiten, um sich ihr Studium finanzieren zu können. Vor allem für jene StudentInnen, die aus dem In- und Ausland nach Graz kommen und sich hier eine Wohnmöglichkeit suchen müssen, spielen die Kosten für ihre Unterkunft eine bedeutende Rolle. Großes Augenmerk wurde daher auf die Wohnversorgung jener Gruppen von Studierenden gelegt, die am Wohnungsmarkt besonders benachteiligt sind, wie ausländische, aber auch alleinerziehende oder behinderte Studierende und Studentenfamilien.

Zwei Ziele hatte die WIST Steiermark von Anfang an vor Augen: Die Bereitstellung kostengünstiger Wohnmöglichkeiten für Studierende, kombiniert mit einer moderner Architektur. Denn günstig zu wohnen sollte nicht den Verzicht auf Ästhetik, Moderne und ansprechende Raumgestaltung bedeuten. Die Gebäude der WIST Steiermark wurden nach speziellen architektonischen Kriterien, wie Klarheit, Transparenz und Zweckmäßigkeit entworfen. Zudem sollte dem Bedürfnis der Bewohner nach Individualität ebenso Rechnung getragen werden wie dem Wunsch nach Gemeinschaft und Kommunikation.

Ausreichende Grünflächen rund um die Studentenwohnhäuser sowie eigene Fahrradabstellplätze und Tiefgaragen wurden bei den Neubauten miteingeplant. Hauptaugenmerk wurde stets auch auf gute Lichtverhältnisse gelegt – vorbei sind die Zeiten der düsteren, muffigen Studentenklausen – die Räume der WIST-Studentenhäuser sind lichtdurchflutete und sonnig. Balkone, Grünflächen und Dachterrassen bei jedem Haus bieten zusätzlich genügend (Frei-)Raum für mentalen wie physischen Bewegungsdrang.
Eine Novität beim Bau von Studentenheimen stellt das vom Institut für Wärmetechnik der TU Graz erarbeitete Energiesparkonzept dar, das effiziente energiesparende Maßnahmen für die Raumwärme und Warmwasserbereitung vorsieht. So kommt in den neuen Häusern auch eine Solaranlage zum Einsatz.
Eine weitere Besonderheit der WIST-Studentenhäuser ist die ganzheitliche EDV-Vernetzung.

Graz hatte und hat einen hohen Nachholbedarf an Studentenheimplätzen gegenüber anderen Hochschulstädten. Mit ihrer regen Bautätigkeit hat die WIST Steiermark dazu beigetragen, die Wohnraummisere der Grazer StudentInnen ein wenig erträglicher zu machen. Doch der Bedarf an Studentenwohnplätzen wächst. Nicht nur der Beitritt Österreichs zur EU, sondern auch die Gründung neuer Fachhochschulen in Graz sowie der ausgezeichnete Ruf, den die Grazer Universitäten im In- und Ausland genießen, ziehen jährlich mehr Studierende in die steirische Landeshauptstadt

Heute, im Herbst 1997, stehen den StudentInnen 26 Studentenwohnheime in Graz zur Verfügung. Eines davon ist das Oberösterreicherheim der „Wirtschaftshilfe für Studenten OÖ“ – insgesamt fünf Studentenwohnhäuser jedoch kann die WIST Steiermark als mittlerweile größter Heimträger des Bundeslandes auf ihr Konto verbuchen.

 

IN: SOLIDARITÄT, 1997