Ab in den Süden: Überwintern auf Djerba

der winter ist im anmarsch und mit ihm eis und schnee, frost und klirrende kälte. diesmal aber habe ich ein mittel, um den trüben grauen wintertagen zumindest kurzzeitig zu entkommen und luft, licht und sonne zu tanken: das zauberwort heißt djerba, kleine insel im mittelmeer.

ich lasse die gedanken schweifen – wie war das letzten winter? bis mitte dezember habe ich tapfer durchgehalten, aber dann hatte ich genug von den viel zu kurzen tagen, dem stets wolkenverhangenen himmel und der eiseskälte. nichts wie rein ins reisebüro und ab in den sonnigen süden. wenn das so leicht wäre: der ansturm auf reisen in sonnigere gefilde scheint im dezember seinen höhepunkt zu erreichen. es ist fast alles ausgebucht, nur ein winziges plätzchen im flieger nach djerba ist noch zu ergattern.

ich greife sofort zu, auch wenn ich gestehen muß, daß ich nicht mal so genau weiß, wo es eigentlich liegt, dieses djerba. der polyglott-reiseführer klärt mich auf: djerba gehört zu tunesien und ist afrikas größte mittelmeerinsel, über den sogenannten römerdamm mit dem festland verbunden, und nur knapp 140 km übers meer von sizilien entfernt. nun gut, die badesachen kann ich auf jeden fall einpacken, hat man mir im reisebüro erklärt – und nicht zuviel versprochen: mitten im winter tauche ich ein in eine völlig fremde, bunte, quirlige welt, fühle die wärmenden sonnenstrahlen auf meiner ausgehungerten winterhaut und sauge den anblick von palmenstränden und endlosen olivenhainen in mich auf. auch wenn für die menschen hier immer sommer zu sein scheint, für sie es jetzt kalt und sie sind dick angezogen, dicker als wir europäer, die wir hier begeistert winterpulli und hose gegen t-shirt und short tauschen. die tagestemperaturen bewegen sich im winter zwischen 15 und 25 grad, die nächte sind lau, die wassertemperatur sinkt kaum unter 15 grad ab – wagemutige können sich jederzeit ins wasser trauen. überfüllt von schwimmlustigen ist das meer zwar nicht gerade, aber es ist herrlich: wer den ersten kälteschock einmal überstanden hat, fühlt sich nach seinem bad im meer wie neugeboren.

noch ein weiterer vorteil meiner winterreise: während sich im sommer, der hauptsaison, überall touristen tummeln, zeigen sich die strände und wege zur winterlichen jahreszeit von ihrer ruhigen, beschaulichen seite.
kulturell gesehen gibt es hier wenig, das sehenswürdigkeiten-sammler anziehen könnte. die rund 250 moscheen, die über die insel verteilt sind, dürfen nicht betreten werden – die streng gläubigen moslems wehren sich gegen besucher. djerba ist vom tourismus und europäischer zivilisation zwar nicht unberührt geblieben – ein großteil der einheimischen lebt mittlerweile von fremdenverkehr – aber das leben, die landschaft sind dennoch geprägt von einer schlichten einfachheit. das nicht alles so wunderbar ist, wie es sein könnte, fällt mir bei meiner kutschenfahrt auf. denn man kommt nicht drum herum: wo man geht und steht wird man angesprochen – kamelreiten, kutschenfahrten, teppichkauf – wie soll man da widerstehen können? also unternehme ich meine sight-seeing-tour per kutsche, begleitet von zwei kleinen jungen, die sich damit ihr taschengeld verdienen. etwas außerhalb der ortschaften finden sich kilometerlange wilde mülldeponien. autowracks und ausgeronnenes öl prägen oftmals die landschaft. müllentsorgung wie in der steinzeit…

zu sehen und zu unternehmen gibt es auf djerba dennoch genug. zunächst einmal die hauptstadt houmt-souk mit ihrem bazar, der einen rundgang lohnt. nichts, was es hier nicht zu kaufen gäbe. und es fällt auch schwer, angesichts der bunten vielfalt von schmuck, teppichen, keramik und der findigen verkäufer, die jedem vorübergehenden das angebot ihres lebens versprechen, nicht stehenzubleiben und sich in ein gespräch verwickeln zu lassen. die preisspanne ist unglaublich, handeln ist nicht nur erwünscht, sondern unbedingt nötig – will man den händler nicht vergrämen. anfangs frage ich bei den hübschen ohrringe noch zaghaft um fünf, vielleicht zehn prozent preisnachlaß, zwei tage später bin ich mutiger und biete für die schmuckschatulle den halbem preis – nach zähem feilschen drückt sie mir der händler grinsend in die hand, zu meinem preis! ein wahrer rausch für die sinne ist der lebensmittelmarkt: zu bergen getürmt finden sich hier wohlriechende kräuter und gewürze, frisches obst und gemüse, pfefferminzblätter – das nationalgetränk in tunesien – und natürlich fisch und fleisch. letzteres allerdings meist bluttriefend und von fliegen übersät – und daher wenig appetitanregend. die verständigung ist übrigens kein problem. obwohl die amtssprachen arabisch und französisch sind, kann ich mich vor allem in den größeren orten mit den meisten einheimischen auf deutsch unterhalten.

in zarzis findet regelmäßig ein berbermarkt statt – eine attraktion für sich. die berber, ureinwohner tunesiens, breiten ihre waren am boden aus – ein kunterbuntes allerlei von gemüse und kleidungsstücken, kräutern, strumpfhosen, geschirr und stoffen. auch schafe und ziegen, kamele, kühe und esel werden feilgeboten. etwas weiter beim fleischmarkt beende ich meine runde jedoch mit schaudern: hier hängen die abgehackten köpfe und hufe von kamel und kuh zum trocknen…

was mir auffällt: im hotel wie auch sonst überall arbeiten ausschließlich männer, vom koch bis zum putzmann, vom rezeptionisten bis zum boutique-verkäufer. miki, der junge djerbe, der am strand ausritte mit pferden und kamelen anbietet, erzählt mir, daß die arbeit hier, abseits der großen städte, noch streng nach geschlechtern verteilt ist: „frauen arbeiten hier nicht, sie kochen und putzen bloß!“ sie dürfen, wenn überhaupt, nur zum markt einkaufen gehen, und auch dann müssen sie sich komplett verhüllen. während man die kleinen mädchen noch in jeans und t-shirts auf der straße herumtollen sieht, müssen sich die älteren mädchen ins haus zurückziehen und die traditionellen schleier tragen. die straßen und cafés sind ausschließlich von männern bevölkert. doch dazwischen tummeln sich auch touristinnen – der zusammenprall von europäischer und orientalischer kultur wird auch auf djerba die alten regeln und rituale aufweichen.

 

IN: KLIPP, 1996