Amrum – Perle der Nordsee

Nein, einen berauschenden Empfang hat sie mir nicht bereitet, die kleine nordfriesische Insel im Wattenmeer. Blass und unscheinbar liegt sie in der grauen, von Wind und Wetter aufgewühlten See, als mein Schiff eines Sonntagabends an der Mole anlegt. Der Hafenort, Wittdün, scheint ausgestorben. Läden und Lokale haben geschlossen, kaum jemand ist unterwegs. Bus und Taxi sind auf den ersten Blick nicht auszumachen, also schleppe ich mein Gepäck geradewegs hinein in diese ein wenig abweisend wirkende kleine Ortschaft. Und habe Glück, die Inselstrasse bringt mich beinahe direkt zu meiner Unterkunft. Ermattet von der langen Reise sinke ich ins Bett – die ersten Erkundungen dürfen bis morgen warten.

DSCN1692Amrum, eine knapp 30 km2 große Insel – wobei allein der breite Sandstrand, der sich die über gesamte Westküste erstreckt, ein gutes Drittel ausmacht – gilt zu Recht als Naturparadies in der deutschen Nordsee. Nahe der Grenze zu Dänemark und England ruht dieses auf den ersten Blick unscheinbare Kleinod im Wattenmeer – jenem Teil der deutschen und niederländischen Nordseeküste, der 2009 von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt wurde. Eine sich ständig verändernde Landschaft, dominiert von Ebbe und Flut, in der Menschen nur am Rande und als Besucher geduldet sind. Amrum ist zu einem großen Teil Naturschutzgebiet, eine Insel der Tiere und Pflanzen. Die Menschen hier haben sich den Naturgewalten so gut es geht angepasst und sind bemüht, das sensible ökologische Gleichgewicht nicht zu stören.

Mein erster Eindruck von Amrum am nächsten Morgen: Wind. Beständiger starker Wind. Lange Haare offen zu tragen ist nicht ratsam, Käppis, Tücher und Mützen dagegen sehr empfehlenswert. Wittdün, der Empfangsort am Südzipfel der Insel, besteht aus der Inselhauptstrasse, einer zweiten kurzen Parallelstrasse, ein paar Verbindungswegen dazwischen, das war`s auch schon. An günstiger Stelle stehend, sieht man rechts die See – und links die See, zum Greifen nah.

Unter der Woche lebt Wittdün auf: Es duftet nach frischem Gebäck beim „Inselbäcker“, die „Inselpraline“ lockt mit Amrumer Tee- und Kaffeespezialitäten und Süßigkeiten, die sich beim Hinschauen schon auf die Hüften legen. Zwei Supermärkte, eine Apotheke, eine gut sortierte Buchhandlung, in der es sich endlos stöbern lässt, sowie ein Naturkostladen und eine kleine Galerie bieten sich entlang der Hauptstrasse an. Im Cafe „Pustekuchen“ lachen Torten aus der Vitrine, rote Grütze, Milchreis und Eis verführen auf der großzügigen Speisekarte.

DSCN1904Ein prachtvoller Designerkleiderladen, der Inselkiosk, der gut bestückt auch am Wochenende geöffnet hat, zwei weitere Kleiderläden (Wind- und Regenjacken, Kapuzensweater und Käppis sind hier der große Renner) und das Selbstbedienungsbistro „Mundart“, das mit Currywurst und knackigem Salat oder dem klassischen Backfisch mit Pommes den schnellen Hunger bekämpft, runden das Angebot im Ortszentrum ab.
Knapp außerhalb des Ortes versteckt sich in einem Wäldchen die „Blaue Maus“ – „hier tobt das Amrumer Nachtleben“, berichtet Matthias Jäger schmunzelnd. Matthias Jäger, das ist der Fahrer von Paul. Und Paul, das ist die kleine blau-weiße Amrumer Inselbahn, die von April bis Oktober mehrmals täglich die ganze Insel abklappert. Ich bin zugestiegen und lausche während der knapp einstündigen Fahrt neugierig den Geschichten über Amrum und seine (tierischen wie menschlichen) Bewohner.

Knapp 22 km liegt Amrum vom schleswig-holsteinschen Festland entfernt, es gibt vier Gemeinden, vier freiwillige Feuerwehren und ganze fünf Ortschaften, die wir gemächlich durchqueren.
Mittlerweile, so unser kundiger Fahrer, zählt die Insel an die 2200 Einwohner, doppelt so viel als noch um 1900 herum. 12.000 Gästebetten warten auf die Urlauber, bis zu 3000 Tagesgäste fallen zusätzlich auf der kleinen Insel ein, die gerade mal zwölf mal 2,5 Kilometer misst.

Mein zweiter Eindruck von Amrum: der Duft. Der Duft der Kartoffelrose hat mich sofort von sich eingenommen. Er überzieht im Frühsommer die ganze Insel, ein schwerer, süßlicher Duft, entfernt an Jasmin erinnernd, den diese prallen purpurfarbenen, manchmal weißen Blüten verströmen. Die Insel ist übersät von Kartoffelrosen, ein wild wucherndes, Wind und Wetter trotzendes Gewächs.
Überhaupt sind Rosen auf dieser Insel ein Muss – kein Haus, kein Garten, der ohne Rosenbusch auskommt. Auch roter Mohn wächst allerorts und sowieso sind Häuser und Gärten, die vielen kleinen Steinmäuerchen, Strassenrand und Wege liebevoll und üppig mit Blumenschmuck dekoriert.

friesenhaus7 Blitzblank sauber und gepflegt präsentieren sich die malerischen Friesenhäuser mit den Giebeln und kleinsprossigen Fenstern und den grau-schwarzen Reetdächern – ein Anblick wie aus dem Bilderbuch. 30 bis 40 Jahre halten die Reetdächer, die sehr robust wirken – bis heute auf der Insel reine Handwerkskunst. Reet wird mittlerweile auch aus Osteuropa und China importiert, so groß ist die Nachfrage.

Der einzige Haken: es brennt verdammt gut. Eine Zeitlang war es nach einer großen Feuersbrunst sogar verboten, heute achtet man darauf, dass zwischen einzelnen Reetdachhäusern ein größerer Abstand besteht, um ein mögliches Übergreifen von Flammen zu verhindern.

Nicht satt sehen kann ich mich auf unserer Fahrt an den kräftige Farben, die Fensterläden, Türen, Tore, Strandkörbe, Gartentische und -Stühle dominieren: blau und weiß und rot und grün und gelb…
Während die Landschaft ringsum, Heide und Wiesen, Wälder, Dünen und Strände großzügig und weitläufig sind, wirken die menschlichen Behausungen oft klein und geduckt, winzig und eng – als wollten sie sich möglichst unauffällig in die Gegend schmiegen.

Amrum darf sich nicht nur rühmen, einen der breitesten Sandstrände Europas zu haben. Es hat noch mehr zu bieten: Viele gepflegte Rad- und Wanderwege, bestens beschildert, kaum Autoverkehr, keine einzige Ampel (!), einen Fußballplatz (das „Mühlenstadion“), ein Kino. Die weithin bekannte Windmühle in Nebel gilt als Wahrzeichen der Insel und eine der letzten betriebsfähigen Mühlen in Schleswig-Holstein. Der mit 61 Meter höchste Leuchtturm an der deutschen Nordseeküste wurde 1875 in Betrieb genommen und kann von neugierigen Touristen erklettert werden. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein herrlicher Rundumblick bis zu den Nachbarinseln Sylt und Föhr.

Ein weiterer Eindruck von Amrum, unübersehbar: Die unglaubliche Tier- und Pflanzenwelt. Schon am ersten Abend hoppelt unbefangen ein Kaninchen über die Strasse, um sich im Gastgarten neben mir ein gemütliches Wiesendinner zu gönnen. Später erfahre ich, dass hier massenweise Wildkaninchen leben – einst vom dänischen König Waldemar auf der Insel ausgesetzt, der seinem Jagdtrieb frönen wollte. Die Kaninchen, die hier keine weiteren natürlichen Feinde hatten, gediehen prächtig – und vermehrten sich „wie die Karnickel“. Einzigartig auch die Vogelwelt:. Da kichern und schreien Sturm-, Lach- und Silbermöwen, Enten schnattern, Austernfischer, Krähen, Brandgänse, Seeschwalben trillern, pfeifen, zwitschern, kreischen… über 12.000 Brutpaare finden im Sommerhalbjahr auf Amrum ein vorübergehendes Zuhause. Zugvögel machen im Wattenmeer Zwischenstopp und tanken noch mal kräftig auf. Der kleine Süßwassersee, der Wriakhörnsee nahe Wittdün, ist ein absolutes und gut geschütztes Vogelparadies – hier wird geplanscht und gebadet, das Gefieder gesäubert und ordentlich getrunken. Wir Menschen dürfen nur auf einer Seeseite die Bohlenwege entlang spazieren und dieses Naturspektakel aus der Ferne beobachten.

 
inselbahn5Lange Zeit lebte die Bevölkerung ausschließlich von der Landwirtschaft – bis, ja bis die Urlauber kamen: „Kühe raus, Gäste rein“, beschreibt Matthias Jäger, während er mit Paul die Insel entlang zuckelt, diese Umstellung – heute lebt Amrum vom Fremdenverkehr. Und während in den 60er Jahren Pferde auf Amrum eine Seltenheit waren und viele Betriebe Rinder hielten, ist Amrum heute eine Insel der Pferde. Reiten ist auf allen öffentlichen Strassen und Wegen erlaubt, unzählige Pferdekoppeln säumen die Wege. Rinder gibt es heute nur noch wenige. Wer sich auf dem Rücken der Pferde nicht so sicher fühlt, wählt als Alternative das Fahrrad – es gibt genügend Verleihstellen auf der ganzen Insel – Radwandern wird groß geschrieben auf Amrum.

Auf meinen weiteren Inselerkundungen esse ich mich so nebenbei durch das lokale Speisenangebot – und bin entzückt. Von der Fischsuppe über Scampispieße, Backfisch, Garnelen, Matjes und Lachsfrikadellen bis hin zu Muschelpfännchen, Currywurst und einer „Schüssel voller Unkraut“ (Blattsalate mit Erdbeeren und Ribisel – lecker!) probiere ich alles aus, was der Appetit begehrt – und werde nicht enttäuscht. Die Portionen sind ordentlich, die Küche eher kräftig und deftig. Aber die frische Seeluft, der ständige Wind und die viele Bewegung lassen die Kalorienberge locker verkraften. Verführerisch auch das Nachspeisenangebot: Friesenwaffel und Friesentörtchen (mit Schlagobers und Pflaumenmus), Berliner Brezel (deftig, fettig, süß), Buttermilchblechkuchen, Milchreis mit Zimt und Zucker, rote Grütze, Waffeln mit Eis und Schlag. Amrum besitzt übrigens auch inseleigenes Trinkwasser von ausgezeichneter Wasserqualität.

Dünen2Zurück zur Natur: „Berge von Sand“ nennt sich die naturkundliche Dünenwanderung, die von der Schutzstation Wattenmeer neben anderen Führungen regelmäßig angeboten wird. Ich ergreife die Gelegenheit und wandere mit Zivildiener Philip und einer kleinen Gruppe knapp zwei Stunden über Sandstrand und durch beeindruckende Dünenlandschaft. Philip, jung, sympathisch, barfuss und mit langen Rastalocken führt uns trotz wilder Windattacken über den hellgelben Kniepsand, zeichnet mit seinem Wanderstock die Entstehung von Amrum, die Entwicklung der Sandbank, das Bemühen der Menschen in vergangenen Jahrhunderten, dem Meer Land abzutrotzen in den Sand – mit großer Sachkenntnis und immensen Wissen. Wir erfahren wie Dünen entstehen, wachsen, sich verändern, wie Pflanzen und Tiere sich diesen unwirtlichen Bedingungen nicht nur anpassen, sondern sogar Nutzen daraus ziehen. Der Strandhafer zum Beispiel hält die junge Düne fest, er verwurzelt sich tief im Boden und wächst mit der Düne in die Höhe, sein Blatt kann sich zusammenrollen, um so größter Hitze und Trockenheit standzuhalten. Der Strandhafer steht unter Naturschutz, aus Lehrgründen bekommen wir ausnahmsweise ein Blatt in die Hand – saftiggrün, zierlich und doch robust. Philip erklärt uns einiges über die Pflanzenwelt in den Amrumer Dünen, die Krähenbeere und das Heidekraut und den fleischfressenden Sonnentau, der sich unschuldig-harmlos am Boden duckt. Kiefern wachsen hier und Birken, da sie aber durstig sind und den übrigen Pflanzen alles wegtrinken würden, muss ihre Zahl in Grenzen gehalten werden. Auch viele Arten von Käfern, Spinnen und Schmetterlingen haben in den Amrumer Dünen ihren Lebensraum gefunden ebenso wie die zahlreichen Vogelarten und die Wildkaninchen.

Nachdem die Dünen früher viel gewandert sind und der Lebensraum schwer zu bewohnen und zu bewirtschaften war, hat man viele Bäume gepflanzt, erzählt Philip. Heute ist ein Großteil der Dünen „sesshaft“, dafür gibt es mittlerweile bereits 180 Hektar Wald auf der Insel. Und eine weite Heidenlandschaft, die vor allem im August und September, wenn sie blüht, eine wahre Augenweide darstellt. Die Amrumer Dünen wurden 1971 zum Naturschutzgebiet erklärt und dürfen seither nur auf speziellen Bohlenwegen durchwandert werden. Diese breiten, gut begehbaren Holzsteige durchziehen großzügig die gesamte Dünenlandschaft und machen auf den ersten Blick klar, dieses Fleckchen Erde gehört der Natur, den Tieren und Pflanzen, hier ist der Mensch nur Gast, ein tolerierter Besucher, aber immer nur ein Besucher. Der sich leider nicht immer an die Regeln hält: Immer wieder hören wir das Brummen von Flugzeugen über unseren Köpfen. Wie Philip erklärt, sind das meist Touristenflieger, die alle Regeln des Naturschutzes brechen und statt in 600 Meter Höhe weit tiefer fliegen, um ihren zahlenden Kunden möglichst viel zu bieten – eine ständige Bedrohung für die brütenden Vogelpaare auf Amrum. Die Schutzstation Wattenmeer kämpft seit langem gegen die Skrupellosigkeit der Touristenflieger an – bislang ohne großen Erfolg.

DSCN1822Viel zu schnell vergeht meine Zeit auf der Insel. Jeden Tag lande ich irgendwo in einem Strandkorb, in Gastgärten, im Garten meiner Pension, am Strand. Kuschelig und gemütlich sind sie, diese bunt gestreiften Strandkörbe, geschützt vor Wind und Wetter, aber auch vor fremden Blicken kann man genüsslich den Blick schweifen lassen oder ungestört in einem Buch vertiefen. Die Insel strahlt Ruhe aus und Frieden. Zeit hat eine andere Bedeutung hier. Sie geht langsamer, manchmal steht sie auch still. So wie jetzt, am frühen Nachmittag, die Sonne strahlt von einem nahezu blauen Himmel, ein frische Brise kommt vom Norden. Stille. Einzig zu hören: das Geschrei der Vögel. Menschen sitzen am Strand, verlieren ihren Blick in der Ferne, manche lesen, andere spazieren mit gemächlichen Schritt den Strand entlang oder stehen irgendwo im Sand, stehen still und stumm, starren auf ihre Zehen, die sich in den Schlick, den feinen Sand bohren – als hätte jemand die Zeit angehalten. Zeitlupentempo. In den Lokalen die Kellnerinnen arbeiten beständig, aber ohne Eile, in ihrem eigenem Tempo – immer eines nach dem anderen. Jedem Gast wird für einen kurzen Moment alle Aufmerksamkeit geschenkt, dann geht es weiter zum nächsten Tisch, zur Theke, in die Küche. Hier gibt es keine Hast, keine Hetze. Die Zeit hat ihren Geist aufgegeben auf Amrum, ein verschwenderisches Gefühl von Zeitlosigkeit hat sich breit gemacht.

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Und dann ist der doch da, der Tag meiner Abreise. Wehmütig werfe ich einen letzten Blick zurück vom Schiff auf meine Insel. Was ich mir mitnehme? Den Sand im Haar, die Sonne auf der Haut, ein paar Muscheln, handverlesen, drei Packungen Wattwürmer aus Fruchtgummi, das Kichern der Möwen und ein kleines Stückchen Zeitlosigkeit. Tschüss Amrum, ich komme wieder, gewiss!

 

 

IN: KLIPP, 2012 (hier die ursprünglich lange Version, für die Redaktion gekürzt)