Angsthasen oder Alltagshelden?

… warum wir wegschauen statt zu handeln…

stellen sie sich vor: sie sitzen in einem bus, der voll ist mit menschen. drei männer steigen ein, stellen sich knapp neben sie und fangen an, sie anzupöbeln. zuerst versuchen sie, alles zu ignorieren, schauen demonstrativ beim fenster hinaus, aber die männer geben keine ruhe, greifen nach ihnen, werden immer aggressiver. sie beginnen sich zu wehren, keine chance… und niemand, keiner der mitfahrenden greift ein, keiner sagt ein wort, hilft ihnen, verständigt die polizei oder zumindest den buschauffeur. sie sind ganz auf sich allein gestellt – inmitten all der menschen…

ein horrorszenario? gewiß, für jeden von uns. unverständlich, nicht zu begreifen. nur leider auch alltägliche realität. und erst kürzlich wieder passiert. wie ist das möglich? dass eine ganze menschenmenge zuschaut, wegschaut, ignoriert. dass keiner den mut hat einzugreifen, zu helfen?

angst ist natürlich ein gewichtiger, triftiger grund. und sicher auch oft zu recht. es gilt die situation richtig einzuschätzen. eingreifen, sich dazwischen werfen um jeden preis ist nicht immer das klügste – keine frage. aber was hindert uns daran, zum handy zu greifen, die polizei zu verständigen (wenn´s sein muß, still und heimlich), zum buschauffeuer nach vorn zu gehen und ihn zu informieren? kann das alles mit angst abgetan werden? sind wir alle angsthasen, die kneifen, sobald not am mann ist? angst mag ein grund sein, aber sicher nur einer von vielen.

in der sozialpsychologie wird seit langem schon geforscht und es sind viele faktoren, die man zusammengetragen hat, viele gründe, die eine rolle spielen in situationen, in denen es brenzlig wird. wann greifen wir ein? warum und warum nicht?

es sind keine speziellen persönlichkeitsfaktoren, die uns zu angsthasen oder alltagshelden machen. viel eher zeigt sich beispielsweise, dass je größer die zahl der potentiellen helfer, desto geringer die chance auf hilfe. paradox, oder auch nicht? aber: verantwortung und verantwortungsgefühl werden in einer größeren menschenmenge schnell abgegeben. außerdem gehorchen wir gerne der „macht der mehrheit“ – wenn die mehrheit nicht handelt, wird es für den einzelnen schwerer, im alleingang etwas zu unternehmen.
wir sind ein klein wenig herdentiere, ein bisschen wie die lemminge: wenn einer aufsteht, tun´s die anderen vielleicht auch. wenn keiner aufsteht – wieso soll´s ich dann tun? es braucht eben oft einen ersten, der handelt. das kennen wir auf dem tanzparkett ebenso wie in gesprächsgruppen: jeder wartet darauf, dass irgendwer den anfang macht. dann sind plötzlich alle anderen auch dabei.

untersuchungen haben außerdem gezeigt, dass die chancen auf hilfe größer sind, wenn die zuschauer zur zeit in freundlicher stimmung und nicht gerade in ihrer freizeit sind. das heißt, während der arbeitszeit sind wir eher geneigt zu helfen als in unserer freizeit. und gestresst, gereizt und genervt sollten wir auch gerade nicht sein, wenn jemand unsere hilfe braucht.

was leider oft der fall ist, denn streß und hektik werden immer größer und unser leben wird immer schneller, immer rastloser. dummerweise haben studien bewiesen, dass menschen, die in eile sind, weniger bereit sind zu helfen, als jene, die zeit haben – und wer hat die heutzutage schon?

und noch etwas kommt dazu: die anonymität der großstadt. je anonymer wir sind, je besser wir unerkannt, unbestraft und ohne furcht vor sozialer missbilligung untertauchen können, desto weniger werden wir bereit sein einzugreifen, wenn andere in not sind. ebenfalls nachgewiesen: die bereitschaft, fremden zu helfen ist in kleinstädten eindeutig größer als in großstädten.

auch das ist ein stichwort: wer ist das opfer? ist es ein mensch, den ich kenne, der mir zumindest ähnlich ist, dann werde ich umso eher eingreifen. oder handelt es sich um eine person, die ich sogar eher ablehne (weil mir ihr äußeres unsympathisch ist, sie einer gruppe angehört, die ich nicht mag, wie zb punks, bettler, ausländer…) wir neigen manchmal dazu, manch anderen ihr menschsein abzusprechen und sie als nummer, fall, feind oder belastung zu sehen – warum sollten wir dann helfen?

und noch etwas kommt dazu: eine situation muß eindeutig und klar als notfall erkannt werden. das opfer muß sich wehren, um hilfe rufen, schreien, dann steigen die chancen, dass eingegriffen wird. wenn unklar ist, was da vor sich geht, ist es spaß und spiel oder bitterer ernst, ist eingreifen überhaupt erwünscht, dann werden viele zögern, aus angst, sich zu blamieren, lächerlich zu machen.

und nicht zuletzt gilt es die situation einzuschätzen: wer sind die täter? wie viele sind es? sind sie bewaffnet? welche chance habe ich zu helfen? was kann ich überhaupt tun? nicht immer macht es sinn sich bedenkenlos dazwischen zu werfen. aber: handy zücken oder ein telefon suchen, macht immer sinn. und kontakt zu den anderen aufnehmen als opfer wie auch als zuschauer, der eingreift. „verständigen sie den buschauffeur!“ „helfen sie mir, den mann festzuhalten!“ oder ähnliches lässt andere nicht in ihrer anonymität versinken. und konkrete aufträge verhindern die angst allein dazustehen, sich zu blamieren. zivilcourage heißt nicht immer, mit körperlichen einsatz große heldentaten zu vollbringen. auch kleinigkeiten können leben retten.

manchmal zeigt sich: wären alle, die da gesessen haben, aufgestanden und hätten den angreifern zugerufen „hört auf!“, dann wäre dem opfer nichts geschehen. viele menschen haben viel macht – und fühlen sich doch oft so ohnmächtig einem einzelnen oder wenigen gegenüber. ein angriff erfolgt schließlich nur dort, wo es potentielle opfer gibt. und jeder, der sich nicht wehrt, der nicht eingreift, nicht handelt, sondern wegschaut, geschehen lässt, lässt zu dass menschen zu opfern gemacht werden.

jeder von uns wird sich wünschen, dass in notsituationen jemand da ist, der uns hilft. was wir für uns erwarten, müssen wir auch bereit sein, anderen zu geben. und natürlich gibt es sie auch, jene alltagshelden, die beherzt eingreifen, einen täter in die flucht schlagen, hilfe holen, einfach handeln. hoffen wir, dass diese gerade zur stelle sind, wenn wir selbst einmal in not geraten.

 

IN: KLIPP, März 2005