Arbeitslos – Erschütterung der Seele

wer etwas auf sich halten will, muß hart arbeiten, geld verdienen und karriere machen. in unserer hochgezüchteten leistungsgesellschaft wird ein mensch vor allem nach berufsart, menge der überstunden, kontostand und anzahl der minütlich per handy eintreffenden wichtigen anrufe beurteilt. pech für denjenigen, der aus diese kreislauf rausgepurzelt ist. soll er doch selber sehen, wie er wieder zu lob, anerkennung und deren finanzieller entsprechung kommt…

es ist ein schleichender prozeß: ganz allmählich schrumpft das selbstvertrauen, und man fragt sich, was man falsch macht. und immer unvorstellbarer wird die vorstellung, wieder einmal zur arbeit gehen zu können – zu dürfen. ganz schlimm sind die montage und dienstage, der wochenanfang, wenn alle frühmorgens zur arbeit hetzen, und man selbst daheim sitzt – ratlos, tatenlos. am wochenende geht’s noch, die halbe menschheit hat frei, man kann sich mit freunden treffen, der partner hat zeit – an wochenenden haben auch arbeitslose offiziell frei. nur die fragen der freunde quälen: „und hast du schon etwas gefunden, gibt’s was neues?“ ganz schlimm sind auch die fragen von fremden, mit denen man in ein gespräch verwickelt wird: „und was machen sie beruflich?“ arbeitslos? notstand? schweigen, schulterzucken, gerunzelte augenbrauen, blicke, aus denen zu lesen ist: na, die will halt nicht. wird schon selber schuld sein. was, schon seit acht monaten?!

arbeitslos. beinahe unvorstellbar für jene, die täglich zehn stunden und mehr in den arbeitsprozeß eingespannt sind. ein wunschtraum für viele, die sich vor lauter überstunden nicht mehr ein noch aus sehen. „endlich einmal zeit haben, ist doch schön. ich würde die zeit nützen, meinen hobbys nachgehen, lesen, faulenzen, spazierengehen. und – wer will, findet auch eine arbeit!“

es ist ein unmerklicher prozeß. anfangs, wenn einem der berufsalltag noch in den knochen steckt, ist man aktiv, zuversichtlich. man wird sich halt umschauen, eine neue arbeit finden. vielleicht genießt man eine kurze zeit die ungewöhnlich ausgiebige freizeit. länger schlafen, seine tage selbst einteilen, bewerbungen schreiben – voller hoffnung. es ist ja nur vorübergehend. dann trudeln die ersten absagen ein. man rennt zu vorstellungsgesprächen, wird durchleuchtet, getestet, mit den absonderlichsten fragen konfrontiert – und dann ein lapidares „sie hören von uns!“. in den seltensten fällen hört man tatsächlich noch etwas. manche firmen machen sich vielleicht die mühe und schicken ein vorgefertigtes standardschreiben „…derzeit leider nicht, … werden in evidenz halten“.

man besucht regelmäßig das arbeitsamt. stellt sich stundenlang an, um ein kurzes gespräch mit seinem berater zu führen, der zum wiederholten mal ein paar daten abfragt, und den computer nach freien stellen durchkämmt, um dann abschließend zu bemerken, daß es derzeit nicht gut ausschaut. „im moment haben wir keine stelle für sie, wir können ihnen auch keinen kurs anbieten, sie sind über/unterqualifiziert, zu jung/zu alt, zu wenig praxis, und überhaupt als frau ist es natürlich ein bißchen schwerer, vor allem, wenn die arbeitsmarktlage so angespannt ist wie jetzt. kommen sie in vier wochen wieder.“ nochmals anstellen vor der leistungsabteilung mit zig unterlagen und formularen. habe ich anspruch auf arbeitslose, auf notstand? „ledig, kinder, bisherige tätigkeiten, bisheriger verdienst, wohnform, wieviel verdient der ehe/lebenspartner…“ fragen über fragen, bis abschließend endlich bewilligt wird: ein paar tausender im monat, zum überleben reicht´s gerade, in ein paar monaten muß man wieder ansuchen – die gleiche prozedur, die gleichen fragen und: „arbeitsstelle haben wir für sie derzeit leider keine!“

man liest regelmäßig die zeitung, antwortet auf jedes noch so skurrile arbeitsangebot – die restliche zeit: warten und hoffen. allmählich fällt es immer schwerer, sich zu irgend etwas aufzuraffen. man beginnt seine zeit zu vertrödeln. schläft morgens immer länger, läßt sich gehen, wird unsicher, beginnt ängste zu entwickeln vor den vorstellterminen – wo man frisch und selbstbewußt, dynamisch und zuversichtlich, motiviert und engagiert auftreten sollte, während man sich in wirklichkeit nur mehr mühsam aufrafft, die kleinen grauen zellen nur mehr mit größter anstrengung auf das gespräch konzentrieren und den mutlosen blick kaum mehr überspielen kann. und dann die konkurrenz: anfänger unter den arbeitslosen, die tatsächlich noch frisch und selbstbewußt auftreten – und man ahnt, daß man da nicht mehr mithalten kann. zu tief ist man schon gesunken, zu wenig traut man sich noch zu, zu apathisch wirkt man schon. man geht nur mehr selten aus dem haus, trifft sich nur noch selten mit freunden, schon die fragen der lebensmittelverkäuferin schmerzen, am liebsten möchte man nur noch mäuschen spielen, sich in luft auflösen. man quält sich mit selbstvorwürfen, und was noch schlimmer ist: man traut sich auch die einfachste tätigkeit plötzlich nicht mehr zu. man wird überempfindlich – hinter jedem wort wittert man anklagen. die guten ratschläge der freunde, des partners werden zum alptraum. man ist launisch, gereizt, mutlos und müde. arbeitslos.

scham, schuld, selbstvorwürfe und depressionen sind nur einige der gefühle, die entstehen, wenn man zu lange aus dem arbeitsprozeß ausgegliedert ist. unser beruf macht einen großteil unseres lebens aus. er bestimmt unseren tagesablauf, und damit auch dauer und zum teil möglichkeiten unserer freizeit. er ist bestandteil unserer gespräche, anlaß für ärger und frust, aber auch stolz und freude. durch unsere arbeit erhalten wir rückmeldungen über uns, anerkennung, lob und kritik, anregungen. all das fällt weg, wenn man ohne arbeit ist. das stolze gefühl, etwas geleistet zu haben, seine pflicht erfüllt zu haben, eine aufgabe zu haben. sicher fallen auch die negativen seiten weg, die viele berufstätige so bejammern: das frühe aufstehen, keine zeit zu haben, der unbeliebte vorgesetzte, der fremdbestimmte tagesablauf, die nervtötenden kollegen… aber auch wer jammert, ist doch eingebunden in ein gesellschaftlichen leben, erfährt höhen und tiefen einer arbeitswelt, steht mittendrin im geschehen. der arbeitslose steht abseits, herausgerissen aus dem alltäglichen leben, und sehr oft einsam und allein. die gespräche unter freunden drehen sich selten um die probleme, die entstehen, wenn man keine arbeit hat, sondern eher um die probleme, die man mit seinem arbeitsplatz hat.

die finanzielle seite der arbeitslosigkeit ist ein weiterer stolperstein – die sorgen um die laufenden kosten, die beglichen werden müssen, keine neuen anschaffungen, kein urlaub, kein neues outfit für das vorstellungsgespräch, kein kino, und essen gehen mit freunden ist auch nicht mehr drin. da nützt es wenig, wenn gute freunde großzügig die rechnung begleichen wollen, die scham über die eigene situation hat sich schon zu tief eingegraben – ein freundlich gemeinte einladung kann brennen wie ein stachel im herzen.
es ist ein teufelskreis, der sich da auftut, eine rasante abwärtsfahrt, die man oft erst bemerkt, wenn man schon ziemlich weit unten ist. herauskatapultiert aus dem normalen, alltäglichen leben. und es ist schwer, sehr schwer, wieder fuß zu fassen, sich wieder einzuklinken, wenn einem die eigenen seele bereits fallstricke baut.

 

tipps: arbeitslos – was tun?

+ nicht auf stellenangebote warten, selber aktiv werden: einfach bewerbungen losschicken
(die trefferquote bei den sogenannten blindbewerbungen ist sogar relativ hoch).

+ beim arbeitsamt nachfragen: fast überall werden aktivgruppen angeboten, die gezieltes
know-how bei der arbeitsuche vermitteln (vom schreiben einer ansprechenden bewerbung
über tips für´s vorstellungsgespräch bis hin videotrainings).

+ oft gibt es spezielle anlaufstellen beispielsweise für wiedereinsteigerinnen, leute, die
umsatteln wollen, langzeitarbeitslose… (beim arbeitsamt nachfragen, prospekte und
plakate beachten, zeitungsmeldungen studieren).

+ wer die arbeitsuche als selbständige arbeit betrachten kann, hat schon halb gewonnen:
wer aktiv ist, kann sehr viel tun – die arbeitsuche wird zum fulltimejob.

+ auch alternativen überlegen – muß es unbedingt die exakt selbe tätigkeit sein, kann ich
meine fähigkeiten und qualifikationen nicht auch in anderen bereichen einsetzen?

+ eventuell weiterbildungsmaßnahmen überlegen, in absprache mit dem arbeitsamt – wie
kann ich die zeit am besten nützen, wo habe ich noch schwachstellen, an denen ich jetzt
gezielt arbeiten kann? zum teil werden weiterbildungsmaßnahmen über´s arbeitsamt
finanziert, zum teil erhalten arbeitslose kräftige ermäßigungen bei kursen und seminaren.

+ kontakte mit kolleginnen aufrechterhalten, zeitungen und fachliteratur lesen, um am
laufenden zu bleiben (damit hat man bald einen vorsprung vor jenen, die keine zeit mehr
zum lesen haben)

 

IN: SOLIDARITÄT, Feb. 1997