Auf einen Kaffee nach Budapest

wenn man im „verdi“ vor der einladenden tortenvitrine steht, dauert es schon eine zeitlang, bis man sich für das eine oder andere stück entscheiden kann – köstlich sehen sie alle aus, und spätestens hier wirft man alle potentiellen diätvorhaben über den haufen. stilecht und nostalgisch präsentiert sich dieses kleine cafe in der karoly körút 1(karlsring) in budapest. die hübschen jungen kellnerinnen tragen bodenlange altmodische kleider mit rüschenschürzchen und sind ausgesprochen höflich und zuvorkommend.

die budapester kaffeehausszene lohnt einen besuch allemal. in ganz wien findet man wahrscheinlich nicht so viele cafes im wiener stil der jahrhundertwende wie hier im herzen dieser zwei-millionen-stadt. wer ein paar tage zeit hat, dem sei ein abstecher in die ungarischen hauptstadt ans herz gelegt.

im cafe mozart beispielsweise, einem zwilling des verdi, in der erzsebet körút 36 (elisabethring), einer der haupteinkaufsstraßen, scheint die zeit stillzustehen: mozart an den wänden, mozartweisen aus den lautsprechern, auch hier kellnerinnen in altertümlichen gewändern mit häubchen auf dem kopf, und die tortenauswahl genauso vielfältig und verlockend. das besondere im mozart ist aber das verblüffende angebot an kaffeespezialitäten. auf über drei seiten präsentieren sich cappuchino, espresso und co in unzähligen variationen. mit schlagsahne, grand manier, erdbeer- oder orangengeschmack, kalt oder warm, serviert in kleinsten schälchen oder wunderbar verzierten altmodischen häferln. das obligate stückchen schokolade und das glas wasser sind hier natürlich selbstverständlich. es macht spaß, im mozart zu sitzen (möglichst weit hinten, da hat man den besten überblick), an der kaffeetasse zu nippen, den blick schweifen zu lassen, ein stückchen torte auf der zunge zergehen zu lassen, und in diese atmosphäre einzutauchen. abseits jeden alltags wird hier dem gast ein stückchen ruhe und zeitlosigkeit geschenkt. man kann sich herrlich entspannen und abschalten von der hektische hetze des tages. es scheint auch viele aus diesem grund hier herzuziehen. da sieht man männer wie frauen allein bei ihren tischchen sitzen, in eine zeitung oder ein buch vertieft, großeltern, die mit ihren enkerln hier ein wenig rast machen, gruppen junger leute und ältere damen, die sich hier zu einem plauderstündchen treffen.

für einen kleinen verdauungsspaziergang empfiehlt sich sodann ein bummel über die erzsebet kötút. unzählige geschäfte, verträumte kleine hinterhöfe, in denen sich miniboutiquen, jeansshops oder winzige cd-läden verbergen, die vielen alten gebäude aus der gründerzeit mit üppigen fassaden und den reich verzierten portalen machen diese straße so bunt und lebendig. altes vermischt mit neuem, die jahrhunderte prallen aufeinander, es gibt so viel zu entdecken, zu bestaunen, der ring pulsiert vor leben.

der elisabeth- und davor der theresien ring (terez körút) umschließen die pester altstadt, die östlich der donau liegt. die gebäude stammen größtenteils aus dem 19. jh. und sollten ein spiegelbild der damaligen haupt- und residenzstadt wien werden. im jahre 1867, nach der krönung kaiser franz josefs zum könig von ungarn, wurden die städte pest und buda (westlich der donau) zusammengelegt – die eigentliche geburtsstunde von budapest, dem „paris des ostens“ und der „königin der donau“, wie viele – ohne zu übertreiben – auch heute noch behaupten.

über zahllose brücken, auf denen hektischer großstadtverkehr herrscht, gelangt man von pest nach buda, das mehr wie ein vorort denn weiteres zentrum der stadt wirkt. auf mehreren hügeln verteilt sich hier die altsstadt – unbedingt sollte man sich mittels urromantischer standseilbahn auf den burgberg hinaufbringen lassen – nicht nur die aussicht ist einzigartig, auch die vielen berühmten sehenswürdigkeiten und hoffnungslos verträumten, schmalen gepflasterten gässchen zwischen perfekt renovierten alten bürgerhäusern und nicht zuletzt die konditoreien lassen jedes besucherherz höherschlagen. galt hier vor jahren noch absolutes verkehrsverbot, so hat die heutige schnellebigkeit auch vor nostalgischem kopfsteinpflaster nicht halt gemacht. und das hilton, fünf-stern-nobelabsteige neben der fischerbastei, das mit seiner modernen spiegelglaswänden ende der siebziger direkt mit einer kirche und einem kloster aus dem 13. jh. verschmolzen wurde, hat für weiteren (verkehrs-)aufschwung gesorgt.

aber zurück zur kaffeehauskultur. buda steht pest in nichts nach, wenn es um kaffee und kuchen geht. zwei konditoreien, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten, seien besonders hervorgehoben: da ist zu nächst einmal das ruszwurm: in dem winzig kleinen biedermeier-cafe werden exquisite törtchen und feinstes gebäck serviert. eine der berühmtesten konditoreien in ganz budapest. kein lokal für raucher, aber es lohnt sich auch für hartnäckige nikotinanhänger einen blick ins ruszwurm zu riskieren und sich das eine oder andere tortenstück einpacken zu lassen. ein paar schritte weiter der sprung zurück in unser jahrhundert: das miro, transparent und luftig, mit glasfront, innen in rot- und blautönen gehalten, mit tischen und stühlen, sofa und vitrine ganz im stil des berühmten malers. beleuchtete sternchen an der decke, eigenwillige stehlampen und kleiderablagen. das angebot ist nicht so üppig wie anderswo, aber auch hier findet man einige feine cremetorten und kuchen. deutsch wird übrigens überall gesprochen, und trotz großstadt und nobellokal sind die preise für unsere verhältnisse ausgesprochen niedrig.

über die kettenbrücke, einer 1:1 rekonstruktion aus dem jahr 1849, geht`s wieder zurück nach pest, denn hier warten noch zwei einmalige cafehäuser, die man sich in keinem fall entgehen lassen sollte. am vörösmarty ter 7 findet man das gerbeaud, die konditorei budapests. 1858 vom schweizer konditormeister gerbeaud ins leben gerufen, riesengroß und edelst. marmortischchen, biedermeierstühle, ausladende kronleuchter und eine tortenvitrine, zu deren inspektion man allein schon ein halbes stündchen rechnen muß. man läßt sich die ausgewählten spezialitäten von den damen hinter der vitrine notieren, denn die namen sind für sprachunkundige kaum zu behalten, den zettel gibt man dann bei der bestellung am tisch ab. auch hier bunt gemischtes publikum in allen sälen, die man in der hoffnung auf einem freien platz durchwandern muß. die wartezeit hält sich jedoch in grenzen.

vom gerbeaud aus schlendert man am besten durch die v…ci utca, fußgängerzone nördlich und südlich des vörösmartyr ter. hier zeigen straßenkünstler ihr können, an kleinen verkaufsständen werden ansichtskarten, zeitschriften und bücher angeboten, eine nobelboutique mit exquisiten modellen reiht sich an die andere, dreistöckige musikgeschäfte und flippige jeansläden prägen das bild dieser straße. gesäumt ist die v…ci utca mit mehrstöckigen palästen im jugend- und gründerzeitstil mit eigenwilligen schnörkeleien und vorsprüngen, skulpturen und auffälligen wandmalereien.

zum krönenden abschluß beim streifzug durch die budapester kaffeehäuser kommen wir wieder zurück in die erzsšbet kör—t, ins new york. eingefleischten ungarnreisenden von früher als hungaria bekannt, hat das cafe-restaurant im new york palais trotz zahlloser umbauten doch nichts von seinem flair verloren. das bittersüße leben der künstler und literaten der ungarischen boheme ist noch allgegenwärtig. man sieht sie direkt noch dort am ecktisch oder zwei tische weiter sitzen, die verarmten schriftsteller, wie sie hier ihre werke zu papier bringen – tinte und papier gab es damals gratis. angeblich soll franz molnar einst den schlüssel des cafes in die donau geworfen haben, auf daß das cafe niemals geschlossen werden möge.

nach dem zweiten weltkrieg hatte jedoch der kommunismus auch (oder gerade) vor dem intellektuellen leben und treiben im new york nicht halt gemacht – das cafe wurde kurzerhand in ein sportgeschäft umgewandelt. ein sturm der entrüstung konnte nicht ausbleiben: in den fünfzigern wurde das new york wieder zum cafe und szene-treffpunkt für literaten und journalisten. im ganzen palais sind auch heute noch mehrere zeitungs- und zeitschriftenredaktionen untergebracht.

budapest hat viel zu bieten, viel zu erzählen, weit mehr als nur diesen winzigen abstecher in originelle und nostalgische cafehäuser im herzen der stadt. jedes gebäude hat seine eigene geschichte, atmet vergangenheit und beeindruckt durch seine majestätische bauweise. wer budapest wirklich entdecken und erforschen will, braucht mehr als nur ein paar tage zeit. aber es lohnt sich allemal.

 

IN: ROLLING PIN,1996