Auf nach Hygge – kleiner Wegweiser ins Wohlfühlwunderland

Hygge macht Sie glücklich – und nein, Hygge finden Sie auf keiner Landkarte dieser Welt. Hygge ist kein Ort, sondern vielmehr ein Zustand. Ein Zustand des Wohlfühlens. Der Behaglichkeit. Wenn die Katze schnurrt, sozusagen…

Seit einiger Zeit geistert da dieser seltsame Begriff durch die Medien, immer öfter stolpere ich darüber. Hygge. Kommt aus dem Dänischen zu uns „Südländern“ heruntergeschwappt und macht sich hier nun allmählich breit. Hygge. Ein Begriff für Wohlbefinden. Atmosphäre. Sinnlichkeit. Genuss. Geborgenheit. Gegenwärtigkeit. Gemeinsamkeit. Gemütlichkeit.

Nein, die leutselige, lautstarke Biertrinkergemütlichkeit. Auch nicht das träge Versumpfen auf der Couch mit Chips und Gummibärchen. Hygge meint mehr als das. Eine wirklich schöne Atmosphäre. Eine entspannte Zeit mit vertrauten Menschen . Ein liebevoll gestaltetes Umfeld. Leckeres Essen. In Ruhe genießen. Handy aus. Glotze aus. Richtige Gespräche. Ein schönes Tischtuch. Der Duft von selbstgebackenem Kuchen. Kerzenlicht statt Neonröhre. Kissen und Decken zum Reinknotzen. Gemütliche Kleidung. Qualitätsvoll, aber schlicht.

Ein bisschen das neue Biedermeier könnte man meinen. Der Rückzug ins traute Heim. Hygge als Gegenreaktion zur globalisierten Welt. Weltweite Unruhen und Krisen, die das Bedürfnis nach Geborgenheit verstärken. Es sich zuhause gemütlich machen, um der bösen Welt draußen zu trotzen.  Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Hygge will einfach ein Lebensgefühl sein. Das in unserer heutigen Zeit und Welt ohnehin schon viel zu kurz kommt. Statt Hektik und Stress die Kunst der Zufriedenheit.

Und immerhin: Was mittlerweile als einer der Trends für das Jahr 2017 ausgerufen wurde, praktizieren die Dänen schon lange. Dänemark gilt in weltweiten Glücksrankings als eines der glücklichsten Länder. Die zufriedensten Menschen der Welt leben in Dänemark. Wie machen die Dänen das also?

Was den Italienern ihre Dolce Vita und den Franzosen ihr Savoir-vivre ist den Dänen ihr Hygge.

Das Rezept: Ein Lebensstil, der in den Alltag integriert wird. Nicht einmal Hygge, sondern immer Hygge.  Hygge hat viel mit Achtsamkeit zu tun. Die Sinne sollen angesprochen werden – sehen, hören, riechen, schmecken, spüren. Alles, was Hygge ausmacht, muss ich auch wahrnehmen können. Ein liebevoll zubereitetes Essen. Ein schön gedeckter Tisch. Angenehme Düfte. Sanfte Musik. Ein bewusst gestaltetes, schön dekoriertes Umfeld. Genuss braucht die Fähigkeit wahrnehmen zu können. Hygge soll heißen das Einfache wieder zu schätzen. Weg vom Dauer-Konsumrausch und Hektik-Alltag. Stattdessen sich wieder auf die wichtigen Dinge und Menschen im Leben konzentrieren. Ganz wichtig: Das Zusammensein mit vertrauten Menschen. Geborgenheit.

In Dänemark lebt sich „Hygge“ das ganze Jahr über. Raus in die Natur, sich mit Freunden im Park ein Picknick gönnen, eine gemütliche Radtour unternehmen – Hygge meint auch: sich Zeit nehmen, den Moment leben.

Der dänische Lebensstil wird inzwischen auch in Großbritannien und den USA als eine Art Gegenbewegung zur modernen Schnelllebigkeit gefeiert.

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, die hinter Hygge einfach nur eine neue Verkaufsmasche wittern, um den Absatz von Kerzen, Pölstern, Dekoartikeln und Brotbacköfen anzukurbeln.

Das kann man sehen, wie man will. Man kann sich aber auf jeden Fall das Beste abschauen und rausholen aus Hygge.

Wer mehr wissen will, liest das Buch von Meik Wiking, Geschäftsführer des Happiness Research Institutes in Kopenhagen. Er versucht in seinem kürzlich erschienenen Buch „The Little Book of Hygge“ die dänische Lebensphilosophie zu erklären – auf deutsch: „Hygge – ein Lebensgefühl, das einfach glücklich macht“. Lübbe Verlag, 2016.

 

IN: KLIPP, Feb/März 2017