Aufbruch

Sie steht im leeren Haus. Steht und schaut. Die Möbel sind weg, allesamt – verkauft, verschenkt, bei den Kindern am Dachboden verstaut. Ihre Habseligkeiten hat sie in den letzten Monaten sortiert, geordnet, ausgemistet… nur wenig ist übriggeblieben. Es passt in ein paar Taschen und Kisten. Sie braucht nicht viel. Nach einem prallvollen Leben in dem großen Haus mit Familie, Hunden und vielen Gästen, die gerne kamen und blieben.

Es fühlt sich gut an. Leicht. Der ganze alte Ballast ist weg. Das knarzige, schwere Bett, mit dem sie sich nie wirklich anfreunden konnte – ein gutgemeintes Geschenk ihrer Schwiegereltern. Die Schränke, die Teppiche, selbst die Küche ist leergeräumt. Nicht mal ein Glas ist noch da, um schnell einen Schluck Wasser zu trinken. Aber die Wasserflasche wartet bereits draußen im Wagen.

Die Kinder haben auch den Keller ausgeräumt. Das Werkzeug, die Bau- und Bastelmaterialien ihres Mannes, die im Laufe des Lebens mehr und mehr geworden sind, den ganzen Keller irgendwann in Beschlag genommen haben. Es war sein Reich gewesen, das Reich ihres Mannes. Sie hatte sich lange schwer getan, es zu betreten nach seinem Tod. Aber jetzt ist es leer, das ganze Haus ist leergeräumt, vom Keller bis zum Dachboden. Sie fühlt einen wohligen Frieden in sich aufsteigen. Sie hat losgelassen, das alte Leben ist zu Ende, das spürt sie nun deutlich. Ihr Mann ist vor über zwei Jahren von ihr gegangen, die Kinder sind erwachsen, selbständig, brauchen sie nicht mehr. Sie ist frei. Elsbeth und Lothar, ihre zwei Großen, hatten sie, unabhängig voneinander, zwar eingeladen, bei ihnen zu wohnen – „du hättest dein eigenes Plätzchen, ganz ungestört“ – und die Enkelkinder würden sich auch freuen, Sara und Jonathan. Aber sie hatte abgelehnt. Sie hatte einen anderen Plan. Schon ihr ganzes Leben lang. Und jetzt will sie ihn sich erfüllen. Es war schwer gewesen, das den Kindern klar zu machen. Vor allem Lothar war fassungslos, verstand die Welt nicht mehr. Elsbeth hatte sich nach einiger Zeit mit ihrer Idee angefreundet, schien fast ein wenig stolz auf sie zu sein. „Aber dass du uns ja oft besuchst, wir wollen dich nicht aus unserem Leben verlieren!“ „Ach Kind, es gibt das Telefon, das Internet und natürlich komme ich so oft es geht.“ Selbst ihre Freunde waren geteilter Ansicht, manche hoch begeistert, andere entsetzt. Egal, sie wusste, was sie wollte. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes über ein Jahr gebraucht, um aus dem Seelentief, dem Verlust ihres alten Lebens, ihrer gemeinsamen Gewohnheiten herauszufinden. Dann hatte sie angefangen zu überlegen, wie es nun weitergehen sollte. Und ihr wurde klar, dass sie nun alle Freiheit besaß, ihren alten Traum zu verwirklichen. Nichts konnte sie mehr daran hindern. Und sie war bereit. Fast zehn Monate lang hatte sie ihr Geheimnis gehütet. Hatte sich informiert, alles organisiert, vorbereitet, Pläne geschmiedet, angefangen, das Haus leerzuräumen.

Nun ist sie ein letztes Mal hier, um noch einmal die Fensterläden zu schließen, sich endgültig zu verabschieden. Sie wandert durch die Räume, die Erinnerungen sind stark, fest in ihr verankert, aber dieses Leben ist vorbei. Sie geht zur Tür hinaus, dreht den Schlüssel um. Dann öffnet sie die Tür des Wohnmobils, das gegenüber am Straßenrand steht. Sie lässt sich in den Fahrersitz fallen, zieht die Sonnenbrille auf die Nase herunter, lächelt und startet den Motor. Sie ist bereit für ihr neues Leben und dies hier ist jetzt ihr Zuhause.

 

 

(Veröffentlicht in „Die Feder“ 2021)

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