Berlin für Anfänger

Ich sitze in der „Filmbühne am Steinplatz“, genauer gesagt im beschaulichen ruhigen Gastgarten, umgeben von Büschen und Bäumen, vor mir Kaffee, Saft, Gebäck und ein Teller voller Köstlichkeiten – Schinken, Lachs, Ei, Melone, Joghurt mit Früchten, Käse. All das wartet nur darauf von mir verspeist zu werden… Ein Morgen in Berlin.
Die Filmbühne, mein Lieblingscafe, gleich am ersten Tag entdeckt: verlockende Speisekarte, freundliches Personal, schöner Gastgarten, freche Spatzen. Drinnen: Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Clark Gable und Vivien Leigh und noch einige andere – die von den Wänden lächeln.

SAM_0659Gestern erst bin ich angekommen in der Millionenstadt Berlin. Pünktlich gelandet am Flughafen Tegel. Ich schnappe mir eines der zahllosen Taxis, die gleich vor der Glastür beim Ausgang warten. Und erwische einen etwas muffeligen, wortkargen Fahrer – aber die Berliner sind ja ohnehin nicht bekannt für ihren feinen Charme, mehr für ihr poltriges Mundwerk. Rein also in eines der typischen beigen Taxis, die in Mengen herumstehen und los geht’s mit der ersten Stadtfahrt. Eine unüberschaubare Flotte von beigefarbenen Taxis wälzt sich im Strom vom Flughafen in Richtung Zentrum.

18 Euro später werde ich vorm Hotel ausgeladen, das aletto Ku´damm, direkt am Bahnhof Zoo (wer sich erinnert: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das legendäre Buch von Christiane F.). Das aletto ist jung, modern, bunt und freundlich… und vor allem ein Jugend- und Backpackerhotel (Backpacker sind jene Weltenbummler, die nur mit dem Nötigsten im Rucksack auf ausgedehnte Reisen gehen). Das aletto hat sich mit Mehrbettzimmern, Waschküche, Aufenthaltsräumen und Sportmöglichkeiten auf diese Zielgruppe eingestellt. Es gibt aber auch ausreichend Ein- und Zweibettzimmer, und unter den Gästen finden sich Familien, Paare und Einzelreisende aller Altersgruppen – ein schöner, bunter Mix, ein erstaunlich harmonisches Miteinander. Der absolute Hit: Das ausgiebige Frühstücksbuffet, mitsamt Getränken um nur 5,50 Euro.

Ich erkunde zunächst das (riesige) Hotel mit seinem Angebot, den Gastgarten, die ausladende Dachterrasse, die kleine Bar und laufe dann die nächstgelegenen Straßen ab. Die Hardenbergstraße, auf der ich „mein“ Lieblingscafe entdecke. Weiter zum Ernst-Reuter-Platz mit seiner kleinen grünen Inseloase inmitten brausenden Verkehrs. Die breite Straße des 17. Juni im Herzen von Berlin, jene Prachtallee, die zum „Großen Stern“ führt, dem Platz, an dem sich die berühmte Siegessäule, die geflügelte Viktoria, reichlich eingegoldet, mit Wendeltreppe und Aussichtsplattform befindet – ein Zeichen siegreicher Feldzüge gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Das aber lasse er bei seinen Fahrten mit den jeweiligen ausländischen Gästen meist weg, berichtet mir ein anderer Taxifahrer, einer mit der berüchtigten Berliner Schnauze.

SAM_0670Was mache ich als Berlin-Anfängerin nun in der deutschen Bundeshauptstadt am besten? Zu unüberschaubar sind die Möglichkeiten, zu weit verstreut alles, was gesehen, erlebt, erobert werden will. Ich lasse mich treiben. Berlin hat ein dermaßen dichtes, gut ausgebautes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, dass praktisch überall und allerorts irgendwo eine Bus- oder S- oder U-Bahn Haltestelle in Reichweite ist. Es gibt eine günstige Welcome-Card für zwei bis fünf Tage, es gibt Einzel-, Kurzstrecken-, Tages-, Zonenkarten, je nach Bedarf. Und es gibt Sightseeing-Busse aller Art. Doppeldecker mit „oben ohne“, bei denen man jederzeit aussteigen, herumbummeln und wieder einsteigen kann. Ich aber nehme auf Empfehlung meines Merian-Reiseführers den Bus 100 vom Bahnhof Zoo. Der fährt gemütlich entlang vieler Sehenswürdigkeiten zum unüberschaubar großen Alexanderplatz in Berlin Mitte – Fußgängerzone mit Geschäften, Lokalen, Neptunbrunnen, Hotdog-Verkäufern, dem 368 Meter hohen Fernsehturm und Fußball spielenden Jugendlichen.
Wer in Graz übrigens jemals gejammert hat über die vielen Baustellen, der sollte sich mal Berlin geben – auch in der Metropole wird gegraben, was das Zeug hält. Die eigentliche Prachtstraße „Unter den Linden“ eine einzige durchgehende Großbaustelle!

SAM_0703Ich staune mich durch die berühmten Hackeschen Höfe, dem angeblich größten zusammenhängenden Wohn- und Gewerbekomplex Europas… eine Welt für sich, Stuckfassaden, bunte Häuserwände aus glasierten Ziegeln, Innenhöfe mit komplett bemalten Mauern. Kleine und große Kunstwerke, offenbar von vielen unbekannten Künstlern geschaffen und über die Jahre gewachsen. Dazwischen Geschäfte, Nobelboutiquen, Cafes – Underground und High-Society im wilden Durcheinander.

Ich schlendere durch die Straßen, schaue in die Schaufenster am Kurfürstendamm, trinke köstlichen frisch gepressten Erdbeer-Ingwer-Ananas-Saft in der Saftbar, genieße Erbsensuppe im modernen Urbano-Cafe, spaziere durch den Tiergarten, lasse mich mit dem Bus durch ganz Kreuzberg chauffieren, besichtige Kirchen, lasse immer wieder die Seele in den zahlreichen kleinen Parks, die über die ganze Stadt verstreut sind, baumeln.

Ich tanze Tango in Clärchens Ballhaus, genieße einen ganz exquisiten Vorspeisenteller und himmlischen selbstgemachten Eistee mit Limetten im Thai inside. Ich spaziere am Waldorf Astoria vorbei, fahre durch das ruhige grüne Dahlem im Süden der Stadt, da wo die Freie Universität Berlin beheimatet ist, und ich probiere die berühmte Currywurst im Curry 36, wie es mir der Reiseführer ans Herz legt.

Viel zu schnell ist die Zeit herum. So viele Museen warten noch darauf, erkundet zu werden: Das Anne Frank Zentrum oder die Berliner Unterwelten, das verborgene Museum und das Deutsche Currywurst-Museum, das Museum der Unerhörten Dinge, der Tränenpalast oder der Hamburger Bahnhof, das Museum der Gegenwart, von den Klassikern wie Alte Nationalgalerie etc. ganz zu schweigen.

Ich war noch nicht im Zoologischen Garten, nicht im Aquarium, habe weder das Reichstagsgebäude noch das Berliner Rathaus noch die „schwangerer Auster“, das Haus der Kulturen der Welt besichtigt. Vieles will noch entdeckt werden. Viele kleine feine Lokale und Schiffsrundfahrten warten noch darauf ausprobiert zu werden.
Ich verlasse Berlin ein paar Tage später, vollgefüllt mit Eindrücken – und mit dem klaren Ziel: Ich komme wieder!

 

IN: KLIPP Okt. 2014