Der schöne Mann

Wie sagte schon die selige Tante Jolesch (*): „Was ein Mann schöner is wie ein Aff, is ein Luxus!“ Und sie sprach gewiss aus langjähriger Lebenserfahrung, der man auch heute noch Gültigkeit beimessen sollte. Aber nichts, die Männerwelt hat den Schönheits- Kosmetik- Perfektionswahn entdeckt. Oder umgekehrt: die Kosmetikindustrie hat die Männerwelt entdeckt!

Und seither wird unermüdlich suggeriert: was ein echter Mann ist, der lässt nicht nur Wasser und Seife an seine raue Haut und rasiert sich grade mal seine kantigen Gesichtszüge frei (und das auch nicht alle Tage, weil er schließlich wichtigeres zu tun hat) – nein, ein richtiger Mann muss heutzutage schon ausschauen wie aus dem Ei gepellt: frisch von der Kosmetikerin entschlüpft, die er mindestens alle zwei Wochen aufsucht, gepeelt und ausgedampft, massiert, gecremt, mit Feuchtigkeitsmaske erfrischt und fein säuberlich aller Nasen- und Ohrhärchen beraubt, die Augenbrauen von kundiger Frauenhand sanft in Form gezupft, die Problemhaut mit verschiedenen Mittelchen und Wässerchen in zarte Babyhaut verwandelt. Pediküre, Maniküre sowieso und obendrauf ein Düfterchen, das neue Parfum für den Mann – und natürlich, der letzte Schrei: von Kopf bis Fuß enthaart. Beine, Arme, Rücken, Brustkorb und was immer hipper wird bei stylishen Leuten: natürlich intimzonenrasiert (damit sein bestes Stück besser zur Geltung kommt und sauber, lecker und haarlos serviert werden kann) – Haare waren gestern, heute glänzt der perfekte, duftende, glatte Männerbody sauber und haarlos. Leider!

Kosmetiksalons boomen, vor allem jene, die Haarentfernung per Laser oder Lichttherapie anbieten – da huschen nicht nur wir Frauen rein, um uns auf haarlose Schönheit zu trimmen, nein, immer mehr Männer lassen sich in langwierigen Prozeduren aller Körperhaare berauben – auf dass sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden, die Haare, nicht die Männer. Blöd nur, wenn sich das Schönheitsideal dann noch zu Lebzeiten wieder wandeln sollte. Aber was soll`s: Der Wirtschaft tut`s gut, keine Frage. Ein neuer Markt ist erschlossen: Alle Produkte, die ob ihrer undurchschaubaren Notwendigkeit und Vielfalt schon die Frauenwelt verwirrten, können jetzt als Pendant für die Herren auf den Markt geworfen werden und finden reißend Absatz. Das kurbelt die marode Wirtschaft an. Vorbei also die Zeiten der Cowboys, der harten Männer, die ungewaschen mit Dreitagebart in den Sonnenuntergang reiten. Vorbei diese herrlich beharrten Männerarme, die sich um zarte Frauenschultern schließen (ein sorry vielmals an die feministische Frauen- und Männerszene), die kräftigen haarigen Wadeln, die eindeutig den Mann markierten – heute geht der Trend woanders hin. Leider!

Männer haben nun zusätzliche Verpflichtungen (waschen, zupfen, cremen….), zusätzliche Termine (Kosmetik, Fußpflege…), zusätzliche Geldausgaben und müssen viel mehr Zeit vorm Spiegel verbringen, um das Ergebnis ihrer Bemühungen zu prüfen. Wo in aller Welt sollen sie nun noch die Zeit und Energie hernehmen, um mit uns Frauen essen zu gehen, uns Komplimente zu machen (das läuft jetzt andersrum: „Hast du eine neue Frisur, Schatzi? Und dieses schicke Tangahöschen steht dir wirklich gut!“ – muß SIE jetzt betonen, damit ER nicht gekränkt ist) oder einfach ungeniert Spaß zu haben???

Ach, was sehne ich mich nach den alten Männern – verschwitzt und haarig. Natürlich ein bisschen Körperpflege kann nie schaden – ich gebe zu, es gibt sie ja auch noch, die anderen, das andere Extrem: ungepflegt, stinkend, mit fettigem Haarbüschel, das einmal rund um die kahle Kopfhälfte geschlungen wird, mit gelben Zähnen, Hornhaut auf Fersen, Händen und im Gesicht – nein danke, das will Frau nun auch nicht. Seien wir also der Wirtschaft dankbar, dass sie nun so eine breite Palette an Möglichkeiten bietet, den Mann schöner werden zu lassen als wir es sind. Geben wir unser Terrain ab – Schönheitswahn ist nun nicht nur unser Metier, wir können es mit dem Manne teilen und uns geschwisterlich darüber austauschen, welche Maske nun besser mit welcher Feuchtigkeitspflege harmoniert. Dafür dass wir Frauen in Männerdomänen eindringen und Karrieren und Führungsrollen an uns reißen und plötzlich selber wissen, wo´s langgeht, dafür dürfen die Herren der Schöpfung sich nun ganz dem Genuss der Körperpflege und des schön-schöner-am schönsten hingeben.

Neues Stammtischgespräch: „Sag hast du schon diesen neuen Epilierer probiert, der macht sagenhaft glatte Haut und es tut auch kaum weh!“ Oder: „Ich finde ja, Bruce Willis sieht nach seiner vierzehnten Schönheitsop nun endlich aus wie Demi Moore vor zwanzig Jahren“…
Ach, gestatten sie mir einen dezenten Aufruf an die Männerwelt: Versucht nicht schöner zu werden als wir! Das ist unser Metier und es macht Komplexe, wenn wir nun auch noch mit euch konkurrieren müssen! Behaltet ein Stückchen von eurer prachtvollen ungeschminkten haarigen Männlichkeit und: lasst euch von Kosmetik- und Werbeindustrie nicht zum Affen machen!

(* Zitat aus dem Buch von Friedrich Torberg „Die Tante Jolesch“)

 

IN: KLIPP, 2010