Die Kunst des Alleinseins

Ich kann alleine und trotzdem nicht einsam sein. Umgekehrt kann Ich unter Menschen sein, mit einem Partner sein und mich trotzdem sehr einsam fühlen. Einsam sein ist nicht gleich Alleinsein. Mal ohne andere sein zu können ist wichtig, ist eine Kunst. Wer gut mit und für sich sein kann, kann auch gut mit anderen sein. Wer nie alleine sein will, ist immer irgendwie getrieben, auf der Suche nach Gesellschaft. Dahinter steckt die Angst, was wenn gerade niemand da ist für mich, was mach ich denn dann? Wer allein sein und diese Momente für sich nutzen und genießen kann, ist glücklich dran. So manche Prozesse setzen dieses nur-für-mich-sein voraus. Gedanken klären, Gefühle ordnen, Eindrücke verarbeiten, zum Beispiel. Auch ein kreatives Tun, ein künstlerischer Schaffensprozess braucht Zeiten ohne die Anwesenheit anderer.

Einige brauchen mehr, andere weniger: Es gibt natürlich individuelle Unterschiede. Manche Menschen brauchen mehr Zeit für sich – um sich zu erholen, regenerieren, ihr Innenleben zu ordnen, Entscheidungen zu treffen. Andere tun sich sehr viel schwerer damit. Sie sind es vielleicht nicht gewohnt. Sie fürchten die Leere, die Stille, die womöglich einsetzen könnte, wenn sonst niemand da ist.

Verdrängte Gefühle zulassen: Manchmal haben Menschen Angst vor dem, was in ihnen hochkommen könnte, wenn sie mal nur für sich sind. Vor den unerwünschten Gedanken, Zweifeln, Fragen, Erkenntnissen, die womöglich wehtun. Denen man sich nicht gern stellen will. Vielleicht hat man schon lange vieles unter den Teppich gekehrt, Probleme vor sich hergeschoben. Nicht wahrnehmen wollen, dass sich die Beziehung auseinanderentwickelt hat. Dass der Job eigentlich nur mehr nervt. Dass man sich körperlich schon lange unwohl fühlt, Beschwerden hat. Gut: und nun hinschauen, raus damit, endlich etwas dagegen unternehmen!
Ich kann es lernen: Alleinsein kann man üben. Am besten in kleinen Schritten. Mal ein kleiner Spaziergang, nur mit sich selbst. Oder abends mal eine halbe Stunde auf die Couch, Fernseher und Handy ausschalten, ein Nickerchen machen, vor sich hinträumen. Oder Tür zu und mal in Ruhe alte Fotos anschauen. Einen Wellness Abend daheim einplanen. Ein Buch schnappen und lesen. Fragen Sie andere, wie sie Zeiten des Alleinseins nutzen. Sie werden sehen, viele träumen und schwärmen geradezu davon.

Auftanken und Kraft schöpfen: Wer schon geübter ist im für-sich-sein-können, der setzt sich mal nur so ins Caféhaus. Oder geht ins Kino, ganz für sich allein. Die Fortgeschritteneren ziehen sich für ein Wochenende in die Therme zurück und lassen sich verwöhnen. Oder wohnen ein paar Tage auf der Almhütte. Auch Schweige- und Meditationstage in Klöstern werden gerne gebucht. Wer es geschafft hat mal ganz mit sich alleine auszukommen, kann seine Batterien auftanken. Gestärkt und voller Selbstvertrauen können wir dann wieder zurückkehren zu unseren Lieben.

 

Leserbriefanfrage

Problem: Meine Freundin hat einen neuen Partner, der sie aber nur ausnutzt. Er behandelt sie schlecht und sie lässt sich alles gefallen. Sie ruft mich dann oft an und klagt mir ihr Leid und weint auch viel. Trotzdem will sie nicht von ihm lassen. Ich mag mir das nicht mehr mit anschauen…
Ilka S. (48), aus Hamburg

Lösung: Es ist sicher schwer mitanzusehen, wenn eine gute Freundin leidet, noch dazu, wenn man den Eindruck hat, dass sie das Leid doch jederzeit beenden könnte. Und wenn man selbst dabei so wenig tun kann, sich hilflos fühlt. Sie können Ihrer Freundin jedoch diese Entscheidung für oder gegen ihren Partner nicht abnehmen. Sie können für sie da sein, ihr zuhören, ihr immer wieder auch klarmachen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse eintreten soll. Wichtig ist aber auch, nicht selber zum seelischen Mülleimer zu werden, sondern auch mal stopp sagen, jetzt ist genug, jetzt kann ich dir nicht zuhören, jetzt möchte ich mal über etwas anderes reden. Versuchen sie andere Themen zu finden, etwas zu unternehmen, was Ihre Freundin auf andere Gedanken bringt. Und im Notfall: Besprechen Sie mit ihr, ob es eventuell sinnvoll wäre sich professionelle Unterstützung zu holen.

 

IN: DAS GOLDENE BLATT, 2013