Die Kunst des Wartens

Wer von uns wartet heutzutage schon gerne? Warten ist vergeudete Zeit, ist lästig. Die Schlange vor der Kassa, der Stau vor der Ampel, das Warten im Amt, warten auf die große Liebe, den Lottogewinn, den Karrieresprung, warten auf die zu spät kommende Freundin, den Zug, die Straßenbahn, bis das Hauptabendprogramm anfängt, das Essen fertig ist… ja, Wartezeiten gibt es genug in unserem Leben.

Wobei wir sehr bemüht sind, möglichst wenig Zeit mit Warten zu verbringen, jede Minute zu nützen. Handy und Laptop sind praktische Hilfsmittel dazu. Immer verfügbar. Im Zeitalter des Multitasking gibt es keine Leerläufe mehr, wir sind produktiv, immer am tun. Am besten rund um die Uhr. Und natürlich so schnell wie möglich.

Wir sind sehr erfinderisch darin, Dinge zu beschleunigen. Was gestern 3 Tage brauchte, geht heute schon in 1 Tag. Geschwindigkeitsweltrekorde werden tagtäglich gebrochen, immer schneller bewegen wir uns durch unser Leben. Ein Brief, der ein paar Tage brauchte, landet heute als Email innerhalb von Sekunden in unserem Posteingang. Eine tagelange Reise früher mit Schiff oder Bahn oder gar zu Fuß wird heute abgekürzt mit dem Flieger, der Körper ist schneller da, als die Seele noch mitkann. Was beim neuen Auto zählt, sind die PS – wie schnell beschleunigt er von Null auf Hundert?

Langsame Menschen gehen uns auf die Nerven. Menschen, die alt sind, krank oder in ihren Fähigkeiten eingeschränkt, die brauchen Zeit. Die halten uns auf. Die können nicht mehr mithalten mit unserem Tempo.
Dass dieses Tempo auch seinen Preis hat, übersehen wir dabei meist gern. Unser Körper ist auf einen bestimmten Rhythmus eingestellt. Wir brauchen Zeit zum Schlafen und Zeit zum Wachsein, für Bewegung und Ruhe, Zeit für Aktivität, Arbeit und Zeit für Entspannung, Abschalten, Nichtstun. So wie unser Herz im Rhythmus schlägt, das Ein- und das Ausatmen einander notwendigerweise abwechseln, unsere Organe bestimmte Zeiten der Aktivität, Erneuerung haben und Zeiten, da sie auf Sparflamme arbeiten.

Nur Wachsein, nur aktiv sein, nur einatmen – geht nicht, wir wären nicht lebensfähig. Es braucht Zeit, bis ein Kind heranwächst. Es braucht Zeit, bis aus kleinen Pflänzchen große Büsche, Bäume werden. Es braucht Zeit, bis die Perle in der Muschel reift. Bis die Haare wieder lang, der Kuchen fertiggebacken, die Arbeitswoche herum ist. Bis ein Kummer vergeht. Nicht alles lässt sich beschleunigen. Nicht alles sollte beschleunigt werden.

Glücklicherweise hat noch niemand einen Schwangerschaftsbeschleuniger erfunden. Eine Schwangerschaft dauert neun Monate, ob es uns nun passt oder nicht. Auch wenn ich mich noch so drauf freue, noch so ungeduldig bin – das Kind im Mutterleib braucht seine Zeit, es lässt sich nicht drängen – um lebensfähig zu sein.
Früher mal, da gab es den Wechsel zwischen der harten Arbeit am Feld und den Ruhephasen im Winter. Oder die Siesta zu Mittag: wichtige Zeit der Regeneration, des Kräftesammelns. Um dann mit neuer Energie in die zweite Hälfte des Tages zu starten.

Manche Dinge brauchen eben Zeit. Und für manche Dinge sollten wir uns auch Zeit lassen. Die neue Partnerschaft zum Beispiel, dieses langsame Aneinandergewöhnen, das Beschnuppern, Kennen lernen. Die Umstellung, wenn zwei zusammenziehen, das braucht Zeit, bis man sich arrangiert, die Vorlieben und Gewohnheiten des anderen erforscht und mit den eigenen abgestimmt hat. Vor allem, wenn Kinder da sind, die sich ebenfalls umstellen müssen – so etwas geht nicht von heute auf morgen. Und wie viel Zeit braucht es erst, wenn sich zwei trennen – das Gewöhnen daran, dass niemand mehr da ist. Das wieder mit sich selbst auskommen müssen, wieder Alleinsein können – alles braucht seine Zeit. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Tröstlich – und wahr. Gefühle wie Trauer und Schmerz müssen gelebt und durchlitten werden. Da helfen keine Antidepressiva und Schmerzmittel, unsere Seele lässt sich nicht übertölpeln. Sie hat ihr eigenes Tempo. Da nützt alle Ungeduld nichts.

„Die im Leben und in der Liebe wirklich glücklichen Menschen sind solche, die gezielt warten können. Nur wenige verstehen es, zu warten oder sich in Geduld zu üben. Doch Warten stellt eine große Kraft dar, die uns viel Gutes bringt“, meint Melody Beattle in ihrem Buch „Die Kraft zum Loslassen“. Vieles, das wir uns wünschen ist vielleicht gerade jetzt nicht für uns erreichbar – und wenn wir mit dem Kopf durch die Wand wollen – in einem Monat, einem Jahr aber fällt es uns möglicherweise ganz mühelos in den Schoß.

Und vergessen wir nicht die Vorfreude, diese gespannte, erwartungsvolle Ungeduld:
Das Warten aufs Christkind, die erste eigene Wohnung, auf den Anruf des Geliebten, den baldigen Urlaub, das Wochenende… unser Leben wäre ein wenig glanzloser, wenn wir es nicht hätten, dieses sehnsüchtige Warten, bis es endlich soweit ist…

Es hängt von uns selbst ab, wie und ob wir Wartezeiten erleben: Wenn ich es eilig habe und in Gedanken schon wer weiß wo bin, dann kommt möglicherweise Ärger auf über eine unkontrollierbare Situation, ein Gefühl von Hilflosigkeit, Ohnmacht – ich habe keine Wahl, ich sollte schon längst… grummel…

Oder: wir nehmen, was kommt. Wie kann ich den Moment jetzt gut nutzen? Gelassen. Statt getrieben. Das setzt voraus, dass wir achtsam sind. Im Augenblick sind. Nicht alles kontrollieren wollen. Planen. Im Griff haben. Sondern schauen, was passiert. Vielleicht lerne ich gerade beim Warten an der Supermarktkassa den Mann meines Lebens kennen.

Im Laufe eines Tages werden uns viele kleine Pausen geschenkt, habe ich kürzlich gelesen. Was wir oftmals als störend betrachten, kann also auch ein Geschenk sein, eine Zeit des Nichtstuns, einmal kurz verschnaufen, innehalten, zu sich kommen, nach innen hören, die eigene Stimmen vernehmen. Warten als heilsame Unterbrechung. Leben im Augenblick – wu wei, nennt sich diese Kunst des Taoismus, im Fluss des Lebens zu sein. Es ist die Kunst des Nichthandeln bzw. die Kunst zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun.

 

IN: KLIPP, 2009