Die Laufschuhe, mein Schweinehund und ich

Sie kennen ihn, den Schweinehund? Nicht meinen, den Ihrigen! Den inneren, den hauseigenen sozusagen. Lieblingshaustier der meisten Menschen. Jeder hat einen. Er ist bekannt bei alt und jung. Einstmals in freier Wildbahn sein Unwesen treibend, lebt er jetzt bequem in unser aller Haushalte – uns nicht mehr von der Seite weichend. Und übernimmt allmählich das Regime.

Er ist verantwortlich dafür, dass die neuen Laufschuhe noch immer gut verpackt im Schrank stehen. Er trägt Schuld, dass der Zeiger der Waage kontinuierlich nach oben ausschlägt. Dank ihm verbringen wir unsere Abende gemütlich mit Chips und Popcorn vorm Fernseher – und ihm können wir es anrechnen, dass unser Cholesterinspiegel die absolute Schmerzgrenze überschreitet, die Hosen vom letzten Jahr nicht mehr passen und wir den Kontakt zu unseren Freunden allmählich verlieren, weil wir so gar nicht mehr aus dem Haus zu kriegen sind.

Wir lieben ihn und wir hassen ihn. Wie lieben unsere gemeinsamen Fernsehabende. Wir hassen ihn, wenn Arzt bedenklich den Kopf schüttelt und uns dringend zu mehr Bewegung und weniger Rindsgulasch aus der Dose rät. Es ist wie in jeder guten Beziehung: wir können nicht mit ihm, wir können nicht ohne ihn.

Und so rangeln wir tagein tagaus mit ihm, gehen wir nun joggen, ins Fitnesscenter, zum Pilatestraining oder doch lieber zum Supermarkt, um uns dort mit Nougat-Nuss-Schokolade und Gummibärlis für die nächsten 30 Folgen von Dr. House einzudecken. Es ist ein täglicher Kampf, tägliche Auseinandersetzung. Die mürbt.

Ich habe mich mittlerweile für eine saubere Lösung entschieden. Nach schier endlosen Diskussionen habe ich mich mit meinem inneren Schweinehund darauf geeinigt, dass wir gelegentlich getrennte Wege gehen. Er darf sich daheim am Sofa zusammenrollen während ich mich todesmutig bei Wind und Wetter zum laufen raus schicke. Er darf sich die langweiligen Krimis im Fernsehen antun, während ich im Theater (wahlweise Konzert oder Kino) sitze. Er grummelt allein daheim vor sich hin, während ich mit meinen Freunden einen ausführlich gepflegten Tratsch im Kaffeehaus hinlege. Über Schweinehunde zum Beispiel. Die inneren. Es ist wie in jeder guten Beziehung: Man muss nicht immer alles gemeinsam machen, man darf auch mal getrennte Wege gehen.
Und so haben wir uns geeinigt, mein innerer Schweinhund und ich – mal unternehmen wir etwas gemeinsam, lümmeln gemeinsam im Bett herum, feiern genüssliche Faulenzorgien und genießen das grässliche Wetter von der bequemen Seite aus, mal mache mich ohne ihn auf den Weg.

Außerdem: Er ist manchmal durchaus hilfreich und nützlich, mein Schweinehund, vor allem, wenn mir schon die Puste ausgeht und Tante Mitzi oder die Irmi-Oma oder auch nur der Chef mal wieder maßlos werden in ihren Wünschen und Forderungen. Da wo ich meist hinterherhetze wie blöd, da hat er bislang diskret geschwiegen, mein lieber Schweinehund – wenn es um das Wohlbefinden der anderen geht, da wollte er sich nicht einmischen – er will es sich schließlich mit niemandem verscherzen. Diskutieren tut er nur mit mir und nur, wenn es um meine Belange geht. Das haben wir jetzt geändert. Er darf auch da kräftig mitmischen und „nein, stop“ schreien, „ich mag jetzt nicht“ – Onkel Fredi kann seine Einkäufe auch selber erledigen, der Sohnemann darf sein Schmutzwäsche auch mal selber zusammenklauben und in die Waschmaschine werfen und die 300 Kopien im Büro können auch bis morgen warten…. ich hab ihm die Erlaubnis gegeben, jederzeit aufzujaulen, wenn es ihm zu viel wird, meinem Haustierchen.

So kommen wir mittlerweile bestens miteinander aus – es ist ja nicht so, dass er immer unrecht hätte, manchmal mag ich ihn ganz gern, den Schweinehund, er hat immer feine Anregungen bei der Hand, wie man sich das Leben angenehm gestalten kann und gröberen Unannehmlichkeiten aus dem Weg geht. Er darf halt mit seinem Ideen nicht überhand nehmen – wichtig ist: das Zepter behalt schon ich in der Hand. Ich entscheide, wann wir seinem drängeln nachgeben und wann ihm mal eine Grenze gesetzt werden muss. Und so kommen wir mittlerweile bestens aus miteinander, mein innerer Schweinehund und ich.

 

IN: KLIPP, April 2010