Die letzte Chance genutzt

„So komisch das klingt, aber der schlimmste Tag meines Lebens war der wichtigste. Der Tag, an dem ich morgens aufgewacht bin und gemerkt habe, dass ich mich nicht einmal mehr allein aus dem Haus traue. Ein kompletter Zusammenbruch, vollkommen erschlagen und völlig panisch zugleich. Nach einer Beruhigungsspritze vom Hausarzt konnte ich zum ersten Mal seit Wochen überhaupt wieder richtig schlafen. Als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, habe ich gewusst: So kann es nicht weitergehen, jetzt muss sich etwas radikal ändern“.

Park in StockholmMit diesen Worten beschreibt der ehemalige Sportredakteur Mischa M. den Wendepunkt in seinem Leben. Einem Leben, das bis dahin geprägt war von Ängsten, wiederkehrenden Panikattacken, Depressionen. Das ganze Programm. Angststörungen und Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – mit einem extrem hohen Leidensdruck und dem großen Risiko in zusätzliche Suchterkrankungen (Alkohol, Drogen, Medikamente, Essstörungen) abzurutschen. Ein Teufelskreis, aus dem nur schwer wieder herauszukommen ist.

„Während mir von mehreren Seiten zur nächsten ambulanten Therapie geraten wurde, habe ich mich um eine Aufnahme in der psychosomatischen Klinik gekümmert. Das war mein Lebensretter“, beschreibt Mischa, wie er letztlich den Absprung geschafft hat.

Bis dahin bestand sein Alltag aus wiederkehrenden Depressionen. „Das hat sich bemerkbar gemacht durch absolute Antriebslosigkeit. Durch ein andauerndes Schwächegefühl. Durch Appetitlosigkeit. Durch sexuelle Lustlosigkeit. Durch das fast vollständige Verschwinden positiver Gedanken. Durch extrem schlechten Schlaf bis hin zu fast vollständiger Schlaflosigkeit. Durch starkes nächtliches Schwitzen. Durch das Gefühl, morgens nicht mehr aus dem Bett zu kommen, weil alle Glieder bleischwer sind. Und das Schlimmste: Dass sich all meine Gedanken nur noch um mich und meinen gesundheitlichen Zustand gedreht haben. 24 Stunden lang. Ohne Gnade. All die schönen Dinge des Lebens waren in diesen Zeiten nicht mehr existent“.
Dazu kommen in unregelmäßigen Abständen Panikattacken mit den klassischen Symptomen: „Herzrasen, kalter Schweiß, das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen – also alles das, was auch mit einem echten Herzinfarkt einhergehen kann, nur dass ich kerngesund war. Ich dachte, ich sterbe und wusste gleichzeitig, dass ich es nicht tue – ein surreales Gefühl.“

Mischa quält sich durchs Leben, probiert zahllose Therapien aus – Psychotherapie, Medikamente, Entspannungstechniken, Yoga, Akupunktur – mit geringem Erfolg. „Das sind alles Dinge, die einem helfen können. Nur hat bei mir eines gefehlt: Ich habe mich den Ängsten nicht gestellt und bin potenziell angstauslösenden Situationen aus dem Weg gegangen. Erst als ich das geändert und den Glauben an mich zurückbekommen habe, war eine Lösung meiner Probleme möglich.“
In der Klinik, in die er sich begibt (eine Fachklinik in Scheidegg/D) stürzt er sich in die Therapieangebote. „Mir war sonnenklar: Wenn ich nach mehr als 20 Jahren mit Panikattacken und drei schweren Depressionen jetzt nicht die Kurve kriege, dann schaffe ich es wahrscheinlich nie mehr. Deshalb war ab jetzt mein Credo: „Es ist deine letzte Chance. Nutze sie!“ Klingt dramatisch. Aber war in dieser Stärke und Endgültigkeit notwendig.

Startschuss für ein neues Leben

Er wird gleich zu Beginn gefragt, wovor er aktuell die größte Angst hätte: Seine Antwort lautet: „Vor mehreren Menschen zu sprechen! – Daraufhin durfte ich am nächsten Morgen einen kurzen Vortrag vor 80 Mitpatienten halten – die Nacht zuvor habe ich nicht wirklich viel geschlafen vor Aufregung – und habe festgestellt, dass ich dabei weder tot umfalle noch mich bis auf die Knochen blamiere. Hinterher kamen andere Patienten zu mir und meinten, ob ich mir sicher sei, dass ich Angst vor Vorträgen hätte. Für sie sei es einer der besten und lustigsten gewesen, den sie je gehört hätten“.

Das war vielleicht der Startschuss zu einem neuen Leben. Einem Leben, das nicht mehr von Ängsten regiert wird, sondern in dem Mischa wieder selbst das Ruder in die Hand nimmt.

„Dieses neue Selbstvertrauen hat mir unglaublichen Rückenwind für die nächsten Prüfungen gegeben. Der Höhepunkt war, als ich als Vorredner vor dem wöchentlichen Vortrag des Chefarztes vor 150 Leuten fünf Minuten reden durfte. Das Herzklopfen und der rote Kopf waren immer inklusive. Aber das war vollkommen egal, denn ich habe die Aufgaben gemeistert.

Für mich war die Zeit in der Klinik eine riesengroße Spielwiese, auf der ich in sicherer Umgebung ausprobieren konnte, was ich mich draußen im „echten Leben“ nicht mehr getraut hatte. So bin ich trotz riesengroßer Höhenangst auf eigene Faust die Feuerleiter am Haus bis in den 4. Stock hochgegangen. Eine Wendeltreppe mit Blick durch die Gitterroste nach unten. Eine Woche später schlug der Chefarzt vor, ich könnte das doch mal mit Hilfe meines Therapeuten ausprobieren und schauen, wie weit ich komme. Da habe ich ihm voller Stolz geantwortet: „Ich war schon ganz oben – allein.“

Entscheidend für meine großen Fortschritte war auch, dass ich mich durch die Mitpatienten richtig getragen gefühlt habe. Es tut unheimlich gut, Menschen um sich zu haben, die dieselben oder ähnlichen Probleme haben. Denn egal, wie verständnisvoll deine Familie, dein Partner, deine Freunde sind: Niemand, der noch keine Panikattacke oder Depression durchgemacht hat, kann sich annähernd vorstellen, was in einem vorgeht.
Sein Motto, das er sich aus der Zeit in der Klinik mitgenommen hat: „Du kannst alles, wenn du nur willst. Im Endeffekt ist alles nicht einmal halb so dramatisch, wie du es dir im Vorfeld ausgemalt hast!“

Am Strand der Isle of Isla (Schottland)Mischa verlässt die Klinik und es ist klar, dass sich sein Leben ändern wird, ändern muss. „Alles, was dann gefolgt ist, war eine logische Konsequenz aus den Dingen, die ich für mich gelernt hatte. Meine neu gewonnene Klarheit sagte mir: „Du brauchst mehr Freiheit. Du musst öfter das Abenteuer suchen und dadurch noch mutiger werden.“ Somit hatte ich keine Angst mehr davor, meinen (gut dotierten) Job nach elf Jahren als Sportredakteur hinzuschmeißen. Und einen 16 Jahre alten VW Bus zu kaufen, um mit ihm auf die Abenteuerreise meines Lebens zu gehen“.

Mischa beschließt, mit Dr. D, seinem Bus, eine Halbjahrestour durch Europa zu machen.
Er will für sich auf die Suche gehen nach alternativen Lebens- und Arbeitsformen. „Wie führe ich ein Leben, das den Namen auch verdient hat? Welche Verdienstmöglichkeiten gibt es außerhalb der gnadenlosen Hamsterrad-Leistungsgesellschaft? Welchen Gewinn für meine Persönlichkeit bringt langes Reisen? Und er stellt fest: „Wenn du einmal begonnen hast, beginnen die Dinge einfach zu laufen und Sachen passieren, die andere vielleicht als Zufälle sehen. Für mich gibt es aber keine Zufälle, sondern nur logische Konsequenzen aus der Energie, die du aussendest.“

Sein Arbeitgeber will ihm keine Auszeit geben, Mischa entschließt sich zu kündigen. „Mut brauchte ich dazu keinen mehr. Mut hatte ich durch meine Zeit in der Klinik und meine Schlussfolgerungen daraus genug bekommen. Und endlich an mich, mein Leben und meine Gesundheit zu denken, war für mich nicht mutig, sondern nur konsequent.“

Knapp vor Ende seiner langen Reise, bevor er wieder nach Deutschland zurückkehren wird, stellt er sich natürlich Fragen wie: „Wie geht es weiter? Wie verdiene ich weiterhin mein Geld? – Früher hätten mich solche Gedanken um den Schlaf gebracht. Jetzt fürchte ich mich nicht mehr vor der Zukunft. Ich habe ein so großes Vertrauen in die Dinge, die passieren – und das hat sich im vergangenen Jahr immer als richtig herausgestellt -, dass ich meinen Weg gehen und meine Erfüllung finden werde. Die ersten Weichen sind schon gestellt. Aber nicht, weil ich fieberhaft nach Lösungen gesucht habe, sondern weil ich die Dinge auf mich zukommen lasse. Ich bin quasi das Opfer meiner Gelassenheit und positiven Gedanken.“

Mitternachtssonne auf den LofotenMischa hat die Zeit und seine Erlebnisse seit diesem dramatischen Wendepunkt in seinem Leben öffentlich festgehalten. Er hat im Internet einen Blog aufgebaut „Adios Angst – Bonjour Leben“ in dem er detailliert beschreibt, wie es ihm seither geht, wo er gerade unterwegs ist – er scheut sich nicht, über seine Leidensgeschichte zu sprechen, aber – was viel wichtiger ist – er erzählt, wie er es geschafft hat, wie er sein Leben nun meistert… und es scheint ein verdammt gutes Leben zu sein. Das sehnsüchtig macht: oh, das klingt gut, das möchte ich auch!

„Eines ist mir in den vergangenen Monaten noch viel stärker ins Bewusstsein gerückt: Die Zeit, nicht das Geld, ist der limitierende Faktor im Leben. Zeit für mich, Zeit für meine vielen Interessen und neuen Abenteuer. Und vor allem Zeit, die ich anderen Menschen widmen kann. Für Zeit verzichte ich gerne auf Geld. Ich mache ab jetzt nur noch die Dinge, die mir gut tun. Das bin ich meiner Gesundheit schuldig. Mit dem Schmerzensgeld für die Ausbeutung im Hamsterrad habe ich gerne Dinge zur Kompensation gekauft oder mir etwas Besonderes gegönnt. Das brauche ich jetzt nicht mehr, weil mein Leben gut genug ist, so wie es ist. Freiheit ist mit Geld nicht aufzuwiegen.“

(Fotos: Mischa Miltenberger)

 

IN: KLIPP, Mai 2015