Doktor X oder wie ich lernte die Ärzte zu lieben

Okay, ja, ich gebe es zu, ich meide Ärzte wie der Vampir den Knoblauch. Und wie mein Mann mich, wenn ich Knoblauch gegessen habe – vorsichtshalber. Wann immer ich einen sehe, einen Arzt, wechsle ich die Straßenseite. Woran ich sie erkenne ? Das spüre ich instinktiv. Sobald im Vorbeigehen eine Ordination oder Praxis mit Dr. Sowieso auftaucht, mache ich mich dünn, nahezu unsichtbar und husche mit eingezogenem Kopf schnell vorbei.

Ärzte sind jene sonderbare Spezies Mensch, die anderen Menschen in den Gedärmen herumwühlen, Kniescheiben rausoperieren, Herzschrittmacher reinoperieren, Blinddärme entfernen und neue Hüftgelenke verpflanzen – allesamt keine wirklich erfreulichen Dinge, finde ich. Ärzte verschreiben uns weisse oder bunte Pillen, auf dass wir nicht mehr traurig, lustlos, voller Kopfweh, Bauchweh oder sonst was sind oder an zu hohem Blutdruck zugrunde gehen.

Ich rieche Ärzte von weitem – Verbandpflaster, Hustensaft, gelbe Wundbrühe, tageslanges Herumliegen, während andere draußen herumtollen, das hat Spuren hinterlassen. Ärzte und ich, das vertragt sich einfach nicht. Heute sehe ich ihn noch vor mir, Doktor X, der mir meine Kindheit verleidet hat. Wie er da steht, irgendein riesiges Werkzeug in der riesigen Hand, von dem er droht, es mir in den Mund zu stecken – abartig. Mein Zähne will er begutachten, ich kneife die Lippen zusammen so gut es geht, er will sie aufzwängen, dunkel, bedrohlich steht er vor mir, bückt sich über mich, da kommt es über mich und ich öffne den Mund und spuke was geht. Meine ganze Angst spuke ich aus mir raus. Doktor X ist entsetzt, meine Mutter ist entsetzt, nur die Assistentin scheint sich ein Lachen kaum verkneifen zu können… seither stehe ich mit Ärzten auf Kriegsfuß.

Taschengeldentzug hat´s auch noch gegeben – für mich, nicht für ihn! Und so bete ich tagtäglich meinen Körper an, bleib gesund, ich sorge auch gut für dich, wir brauchen keine Ärzte, wir zwei beide, gell? Doch eines schönen Tages, völlig unvermutet steht er wieder vor mir, Doktor X. Er hält unzählige silbern glänzende spitze Werkzeuge in der Hand, ein grausames Lächeln im Gesicht. Seine Furchen und Falten haben sich vertieft, bucklig und krumm steht er da und spricht mit lauter Stimme: „Jetzt hab ich dich, es ist soweit. Heute entkommst du mir nicht. Du bist schuld, dass es uns Ärzten so schlecht geht. Wenn alle so denken wie du, dann stirbt unser Berufsstand noch aus. Mit dir können wir kein Geschäft machen. Du redest schlecht über uns. Du meidest uns, das ist nicht gut. Deshalb hat die oberste Ärzteweisenkammer beschlossen, dir heute alle Zähne zu ziehen…. und jeder einzelne davon wird dir verrechnet, hoho….“ Und er beugt sich über mich, ich sehe schon die silbrige Spitze glänzen – und fahre hoch mit einem Schreckensschrei. Schweißnass sitze ich aufrecht im Bett und schreie, was das Zeug hält: Ich gehe ja auch zur nächsten Gesundenuntersuchung, ich schwöre, ich gehe künftig jedes Jahr zur Gesundenuntersuchung, nie mehr werde ich schlecht reden über euch, ich melde mich heute gleich an – zum Zahnarzt und zum Augenarzt und zu allen anderen Ärzten gehe ich auch wieder – versprochen!!!

 

IN: KLIPP, Juni 2010

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