Ein Lob der Langsamkeit

Haben Sie auch keine Zeit zu verlieren? Hassen Sie es, wenn alles so langsam geht? Überholen Sie mit Ihrem Lebenstempo schon mal gerne all die Zögerer und Zauderer, die Lebenslangsamen, die für alles doppelt und dreimal so lange brauchen? Lieben Sie es rasch, zügig und unverzüglich – je Tempo, desto lieber sozusagen? Gratuliere, dann versäumen Sie möglicherwiese das Beste im Leben – und merken es nicht mal!

„Um positive Gefühle im Herzen zu spüren, müssen Sie langsamer werden. Das Tempo unseres modernen Lebens ist häufig so erbarmungslos, dass man sich nur auf Äußerlichkeiten konzentriert und seinen inneren Kern vergisst. Im Laufe der Zeit stumpft Ihr Herz dadurch ab“. Wer dies sagt, weiß wovon sie redet: Es ist Barbara L. Fredrickson, eine der weltweit führenden ForscherInnen auf dem Gebiet der Positiven Psychologie. Selbst der Dalai Lama hat sie vor einigen Jahren bereits zu sich eingeladen, um sich über die Ergebnisse Ihrer Studien berichten zu lassen. Barbara L. Fredrickson beschäftigt sich mit positiven Gefühlen und wie diese unser Verhalten, unsere Psyche und unsere Gesundheit beeinflussen. „Um Ihre positive Grundhaltung zu steigern, müssen Sie Ihr Herz wieder sensibilisieren… Verlangsamen Sie Ihren Alltagsrhythmus so, dass Sie mit Ihrem Herzen sehen, hören und empfinden können“.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“, wusste schließlich auch schon der Abenteurer und Schriftsteller Antoine de Exupéry. Es ist also wichtig, sich Zeit für das Gute zu nehmen. Sich Zeit zu lassen, um all das wahrzunehmen, das im hektischen Getriebe des Alltags gern untergeht. Und wer keinen Sinn mehr für das Schöne, das Detail mehr hat, das vielleicht unsere Sinne erfreuen könnte, der versäumt einiges.

Lebensschnelle sind selten gute Zuhörer – bevor ihr Gegenüber seinen Satz noch beenden konnte, meinen sie bereits zu wissen, worum es geht und unterbrechen bald, um weiterführende Gedanken ins Spiel zu bringen – nicht immer sehr angenehm für ihre Mitmenschen. Geduld gehört eben nicht zu ihren Stärken. Auch sind Geschwindkeitsmenschen oft unruhig und angespannt, verbreiten eine hektische Atmosphäre. Es fällt ihnen schwer sich länger auf eine Sache zu konzentrieren. Selbst beim Lesen neigen sie mehr zum Querlesen und Durchblättern. Damit entgehen ihnen natürlich auch viele Details und Feinheiten.

Tempomenschen wären gut beraten, ihre Geschwindigkeit auch mal drosseln zu können. Studien haben ergeben, dass schon Kindergartenkinder, die hektisch, unruhig und impulsiv sind, es später einfach schwerer haben. Ungeduldige Kinder haben später eher schlechtere Noten in der Schule und geraten damit schneller in einen Teufelskreis des Versagens und der Schulangst. Mittlerweile gibt es zahlreiche wissenschaftlich fundierte Techniken, die helfen, Kinder langsamer zu machen. Denn erwiesenermaßen brauchen Prozesse wie planen, strukturieren, verfeinern, auf Fehler überprüfen oder auch Kreativität Zeit – und Langsamkeit!

Und schließlich: Auch das Genießen können setzt Zeit und ein gedrosseltes Tempo voraus. Genießen kann ich nur, wenn ich es schaffe, im Moment zu verweilen, den Augenblick bewusst wahrzunehmen, meine Sinne zu schärfen, mich an den Kleinigkeiten des Lebens zu erfreuen. Hektik und Multitasking dagegen sind die erklärten Feinde des Genusses.

Alte Menschen, Kranke, aber auch Kinder und Tiere haben in vielem ihr eigenes Tempo und zwar ein langsames – das uns oft fürchterlich nervt. Warum müssen die für alles so lange brauchen… Schuhe anziehen, Tisch abräumen, Teller leeressen, ewig zum gleichen Gebüsch hin schnüffeln. Nun, weil sie vielleicht Dinge wahrnehmen, die sich den „Gas-Gebern“ entziehen.

Es macht also durchaus Sinn, Langsamkeit zu kultivieren. Übungen gefällig? Versuchen Sie wieder einmal ein Buch von Anfang bis Ende aufmerksam durchzulesen. Lernen sie Meditationstechniken oder Qigong und praktizieren Sie diese regelmäßig – es gibt genug Studien, die deren gesundheitlichen Nutzen erwiesen haben. Leisten Sie sich eine Pause. Gönnen Sie sich in ihrem Arbeitsalltag hin und wieder ein paar Momente des Nichtstuns – Sie werden diese Zeit locker wieder einarbeiten. Gehen Sie langsamer („Wenn du es eilig hast, gehe langsam“, lautet schon der Titel eines Buchklassikers von Zeitmanagement-Experten Lothar J. Seiwert). Und schließlich: Hören sie zu, was andere erzählen – Sie werden vielleicht Dinge erfahren, die Sie sonst nie erfahren hätten.

Um noch einmal die berühmte Forscherin Barbara L. Fredrickson zu zitieren: „Um wirklich von den Gesten positiver Emotionen zu profitieren – von einem Lächeln, einer Berührung oder einer Umarmung – müssen Sie langsamer werden und sich bewusst machen, was diese Geste überhaupt bedeutet. Sorgen Sie dafür, dass Sie aus tiefstem Herzen kommt.“

P.s. Wenn Sie diesen Text gerade bis hierher überflogen haben, mein Tipp: lehnen Sie sich genüsslich zurück, atmen Sie tief durch und lesen Sie Zeile für Zeile nochmal – in aller Ruhe.

 

IN: KLIPP, Dezember 2012