Ein Projekt der Nächstenliebe: Frauen helfen Frauen

Erna war gerade 20, als ihr erstes Kind auf die Welt kam. Sie brach das Studium ab und jobbte, solange es ging, damit zumindest Peter, ihr Freund und jetziger Ehemann, sein Jusstudium beenden konnte. Knapp zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter Sarah kam Sohn Markus zur Welt. Erna blieb zu Hause bei den Kindern und erledigte den Haushalt, während Peter sein Studium abschloß, einen Arbeitsplatz fand und die Karriereleiter hinaufkletterte. Die ersten Jahre waren hart, aber allmählich besserte sich die Lage, die Kinder wurden älter und Erna hatte endlich wieder Zeit, Zeit für sich, Zeit, sich um ihr Leben zu kümmern. Sie überlegte, nochmals eine Ausbildung anzufangen, sich weiterzubilden, einen Beruf zu erlernen, aber sie hatte die Rechnung ohne ihre Familie gemacht: „Wozu soll das gut sein? Du kannst uns doch jetzt nicht im Stich lassen? Die Kinder brauchen Dich noch! In Deinem Alter findest Du ohnehin keine Arbeit mehr!“ Und Erna, die jahrelang die Ausbildung und Karriere ihres Mannes unterstützt hatte, die immer zurückgesteckt hatte – ihrer Familie zuliebe – gab auch diesmal klein bei. Aber ihre Unzufriedenheit wuchs.

„So um die 40 herum werden viele Frauen oft unruhig“, erzählt die Sozial- und Lebensberaterin Monika Schwarz. „Sie fragen sich: War das alles? Die Kinder sind weg, der Ehemann hat seine Arbeit, was bleibt für sie übrig? Die Frauen erleben das sogenannte „leere-Nest-Syndrom“, sie wollen etwas tun, mit ihrem Leben etwas anfangen“. Doch leider ist es bis heute noch nicht selbstverständlich, daß Frauen eigene Wünsche äußern, daß sie Bedürfnisse haben, die sie sich erfüllen wollen. „Frauen kriegen sehr schnell ein schlechtes Gewissen, ob sie sich das wirklich erlauben können. Sie haben viel zu viel Angst anzuecken und lassen ihre Interessen bald wieder fallen“, so Monika Schwarz.

Die Sozial- und Lebensberaterin ist seit einem Jahr Geschäftsführerin des Vereines „Frauen für Frauen“ – ein Verein, der sich speziell auf die Beratung für Frauen spezialisiert hat. Ob „leeres-Nest-Syndrom“, Beziehungsprobleme, psychische Probleme oder Überlastung durch Arbeit, Haushalt und Kindererziehung, hier sind alle Frauen willkommen, die Rat und Hilfe suchen oder sich nur einmal alles vom Herzen reden wollen. „Sehr oft kommen auch Frauen zu uns, die in Scheidung leben, Frauen mit kleinen Kindern, deren Mann eine Freundin hat und die sich hoffnungslos überfordert fühlen. Wir versuchen dann, gemeinsam mit der Frau ihren Schmerz aufzuarbeiten, ihre Situation zu klären: Wo stehe ich zur Zeit? Wo will ich hin? Wichtig ist vor allem, daß die Frauen lernen, ihre eigenen Ziele und Wünsche zu erkennen. Und wir versuchen, das Selbstbewußtsein der Frauen zu stärken“, erzählt Monika Schwarz aus der Praxis.

Auch Frauen mit psychisch erkrankten Familienangehörigen machen einen Gutteil der Beratungen aus, sie tragen eine nahezu unbewältigbare Last – „es ist eine Tragödie, was die Frauen mitmachen. Vor allem am Land ist die Situation noch viel schlimmer, der Umgang mit psychisch Kranken ist extrem angstbesetzt.. Ich hadere oft mit der Gesellschaft, weil sie nur zu gerne der Mutter die Schuld an der Erkrankung gibt und weil Mütter kaum Anerkennung und Zuspruch für die Pflege psychisch erkrankter Familienangehöriger bekommen. Sie tragen die Last meist ganz allein“.

Der Verein „Frauen für Frauen“, der mitterweile in der gesamten Steiermark „Ableger“ hat, will diesen Frauen ein wenig Kraft und Hilfe geben. Die Frauen können beim Verein anrufen, sich telefonisch beraten lassen oder aber persönlich zur psychologischen Beratung kommen. Die Beratung ist anonym und kostenlos. Alle 14 Tage steht auch eine Juristin für rechtliche Angelegenheiten zur Verfügung, ansonsten arbeiten im „Frauen für Frauen“-Team neben Monika Schwarz noch Pauline Leitner, Brigitte Maitzen und Brigitte Hanfstingl – ebenfalls ausgebildete Sozial- und Lebensberaterinnen – sowie die Sozialarbeiterin Barbara Stangl.

Der Verein hat jedoch noch ein zweites Standbein, das ursprünglich sogar die Gründungsbasis war: Gegründet wurde „Frauen für Frauen“ nämlich im Jahr 1992 mit der Absicht, psychisch kranken Frauen, die aus dem Landesnervenkrankenhaus (LNKH) entlassen wurden, zur Seite zu stehen, sie ein Stück ihres Weges zu begleiten, um ihnen die Umstellung in ein normales Leben, in ihren Alltag zu erleichtern und Rückfälle zu verhindern. „Viele fallen in ein Loch, wenn sie nach Hause kommen. Im Krankenhaus waren sie betreut und umsorgt, plötzlich stehen sie wieder alleine da“, berichtet Monika Schwarz, die von Anfang an mit von der Partie war. Gusti Wögerer von der Katholischen Frauenbewegung hat damals die Anregung eines Primars aufgegriffen, ein paar ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zusammengetrommelt und den Verein gegründet.

„Wir sind mit viel Idealismus und Glauben an diesen Projekt herangegangen. Wir haben zwar ein paar Räume gemietet, aber wir hatten kaum Geld, um auch nur das Nötigste zu bezahlen. Aber wir hatten zwei Ziele: Beratung für Frauen in Krisen und Begleitung während und nach psychischen Erkrankungen anzubieten.“. Die Nachfrage war enorm und hat sich bis zum heutigen Tag kontinuierlich gesteigert. Allein im Vorjahr wurden knapp 1.900 Telefonanrufe zur Beratung verzeichnet, an die 400 Beratungsstunden wurden in den Räumlichkeiten des Vereines abgehalten. 43 Klientinnen werden derzeit in Graz betreut, in den steirischen Bezirken sind es noch einmal soviele. Die Begleiterinnen arbeiten allesamt ehrenamtlich, sie erhalten jedoch eine kurze, kostenlose Miniausbildung, um für ihre Aufgabe gewappnet zu sein. „Bisher wurden allein in Graz 90 Begleiterinnen ausgebildet, in der übrigen Steiermark sind es auch etwa 100“, berichtet Frau Schwarz. „ Die meisten unserer Klientinnen werden oft über Monate oder sogar Jahre hinweg betreut, solange sie es wünschen und brauchen. Aber auch die Begleiterin muß betreut werden, deshalb gibt es einmal pro Monat einen Gruppenabend für alle und natürlich bieten wir ihnen Supervision und Weiterbildungsseminare an“.

Ganz neu und ungewöhnlich für einen „Frauen“-Verein ist das derzeit angelaufene Projekt: „Nachbegleitung für Männer mit psychischen Erkrankungen“. Auch hier ist das Ziel der Nachbegleitung die „Reintegration des psychisch kranken Menschen in das sogenannte normale Leben und die Hebung seiner Lebensqualität“. Nachdem der Verein „Frauen für Frauen“ mit seiner Betreuungsarbeit für Frauen soviel Positives leisten konnte, war es naheliegend, nun auch ein Angebot für Männer zu erstellen. Deshalb werden zur Zeit interessierte Männer gesucht, die sich zu ehrenamtlichen Nachbegleitern ausbilden lassen möchten.

Wer Hilfe braucht oder an einer ehrenamtlichen Mitarbeit interessiert ist, wendet sich an den Verein „Frauen für Frauen“, Conrad v. Hötzendorfstraße 23, 8010 Graz. Tel: 0316/827707.

 

IN: FRAUENBLATT, 1998