Flucht ins Frauenhaus

„oktober 1993. es regnete in strömen, als ich mit meinen kindern am hauptbahnhof ankam und mir den weg ins frauenhaus suchte. dies war nun absolut das ende, ich kam mir unheimlich schlecht vor, ich hatte versagt, ich fühlte mich als nichts, nicht einmal dieses, das „frauenhaus“, konnte ich meinen kindern ersparen. ich hatte das gefühl, von einer hölle in die nächste zu gehen…“

12. dezember 1981: in graz wird das erste steirische frauenhaus eröffnet. als
zufluchtsstätte für frauen und kinder, die von zuhause fliehen müssen – geschlagen, mißhandelt und bedroht von ihren eigenen männern und vätern. 1,1 millionen schilling werden dem frauenhaus jährlich für seine arbeit zur verfügung gestellt. und die stadt graz sponsort ein haus mit sieben zimmern und 30 betten. die adresse wird bis heute geheimgehalten – zum schutz der frauen und kinder. denn nur allzu viele männer rasten völlig aus, wenn sie merken, daß ihre frau fort ist.

„wir bekommen viele anonyme anrufe, sie reichen von beschimpfungen bis hin zu handfesten drohungen“, erzählt martha stadler, eine der neun mitarbeiterinnen im frauenhaus. sie sind schon abgehärtet, was den telefonterror betrifft. nur einmal in den ganzen jahren habe es eine bombendrohung gegeben und „einmal hat ein mann telefonisch angekündigt, daß er jetzt herkommt und uns alle erschießt. die polizei hat ihn damals bei leoben abgefangen, mit einem ganzen arsenal an waffen“.

„angekommen im haus der nächste schock: schreiende kinder, die abweisenden gesichter der frauen, so als würden sie denken, schon wieder eine, die uns einen platz wegnimmt. ich war entsetzlich müde, ausgebrannt, leer, wollte nur schlafen. eine betreuerin nahm meine daten auf, stellte mir fragen, die ich notdürftig beantwortete, ich erlebte alles wie in trance. die vergangenheit war für mich irgendwie weit weg, fast wie ausgelöscht…“

„wir können zwar schutz bieten und therapeutische gespräche und hilfestellung bei rechtlichen, finanziellen und organisatorischen belangen, aber die hauptarbeit müssen die frauen selbst leisten. sie müssen ihr leben neu ordnen, eventuell eine wohnung suchen, arbeit finden, und ihre beziehung aufarbeiten“, schildert die neue vorstandvorsitzende des frauenhauses, ingrid enge, die aufgaben der mitarbeiterinnen wie der bewohnerinnen.
auch wenn ein brandneues gesetz jetzt vorsieht, daß männer, die gewalttätig werden, auu der gemeinsamen wohnung ausziehen müssen, ändert das noch nicht viel an der situation. „zum einen gilt dieses wegweiserecht vorerst nur für sieben tage, zum anderen ist die frau dann auf sich alleine gestellt und vor gewaltandrohung keineswegs sicher. „diese gesetz war notwendig, aber es ersetzt keine frauenhaus“, sind sich die mitarbeiterinnen einig. im frauenhaus erfahren frauen oft erstmals, daß sie nicht alleine sind mit ihren problemen, sie finden unterstützung und solidarität bei anderen frauen, und sie können sich gegenseitig helfen. viele frauen schließen hier freundschaften fürs leben.

„meine kinder lebten sich relativ rasch in die gemeinschaft des hauses ein, ich dagegen hatte so meine schwierigkeiten, wohl auch weil ich instinktiv spürte, ein neuer lebensabschnitt war für mich angebrochen, nun waren die weichen gestellt und ich würde einen neuen weg einschlagen müssen. mit hilfe der unzähligen gespräche mit meiner bezugsfrau konnte ich mich auf meine ausbildung konzentrieren. nach und nach fühlte ich mich trotz des lärmes im frauenhaus geborgen und das lachen meiner kinder machte mich glücklich.
„was sich die frauen vor allem von uns mitgenommen haben, war eine große portion selbstvertrauen und ein neues selbstwertgefühl“, resümiert frauenhaus-mitarbeiterin martha stadler. in ihrem soeben erschienen buch „frauenhaus – schicksal oder chance?“ hat sie frauen interviewt, die in den vergangene jahren im frauenhaus gewohnt haben. sie hat ihre hoffnungen und erwartungen abgefragt, als diese frauen ins frauenhaus gekommen sind, und sie hat sie ein, zwei jahre später wieder befragt – wie weit ihre erwartungen erfüllt wurden, was sich für diese frauen geändert hat seither: „das menschliche umfeld wurde von den frauen als weit wichtiger bewertet als die materiellen gegebenheiten. ebenso war ihnen die psychische hilfeleistung wesentlicher als die sachbezogene.“

2.545 frauen und kinder haben in den vergangenen 15 jahren im grazer frauenhaus
gewohnt. zwischen 80 und 90 frauen und mindestens ebensoviele kinder werden jährlich in diesem bislang einzigen steirischen frauenhaus aufgenommen. sie bleiben im schnitt ein bis zwei monate, bevor sie entweder eine eigene wohnung, eine arbeit finden oder zu ihrem mann zurückkehren. „es ist nicht unser ziel, daß eine frau ihren mann verläßt, wichtig ist uns, daß sie ein leben ohne angst und gewalt leben kann“, betonen die mitarbeiterinnen im frauenhaus. rund 40 % der frauen kehren nach einiger zeit wieder zurück zu ihrem mann. manche kommen mehrmals wieder.

„ich hatte großen spaß am lernen und schaffte die prüfungen teils mit auszeichnung. nun hatte ich eine abgeschlossenen berufsausbildung. ich lebte wieder auf, war ausgelassen und unbeschwert. ich durfte von frauenhaus ein kleine starwohnung für ein jahr beziehen. ein jahr, für meine kinder und mich eine ewigkeit. meine energie schien unerschöpflich. ein monat später fand ich einen job als bürokraft in einem großen renommierten unternehmen. ich hatte es geschafft!!!“

seit dezember 1995 stellt das grazer frauenhaus bedürftigen frauen sechs kleinwohnungen zu günstigen bedingungen zur verfügung. im oktober 1993 sind 10 weitere übergangswohungen dazugekommen. ebenfalls 1993 wurde die nachbetreuungsstelle des frauenhauses eröffnet, die frauen auch auf ihrem weiteren weg mit rat und unterstützung zur seite steht. im februar 1994 wurde eine betreute wohngemeinschaft für frauen aus dem grazer frauenhaus ins leben gerufen. auf rund viereinhalb millionen schilling jährlich ist das budget mittlerweile gestiegen. noch immer ein tropfen auf dem heißen stein.

15 jahre frauenhaus feierten die mitarbeiterinnen in diesem jahr. trotz des traurigen hintergrundes auch ein wenig grund zur freude. „wir haben vielen frauen helfen können, die öffentlichkeit ist sensibilisiert geworden. spätestens 1998 können wir in ein größeres haus umziehen, mit mehr platz, mehr zimmern, mehr privatsphäre für die frauen. wir feiern, was besser geworden ist. gut wird es erst dann sein, wenn es keiner frauenhäuser mehr bedarf“ , so ingrid enge.

„meine kinder und ich haben ein schöne wohnung im grünen bezogen, in meiner arbeitsstelle habe ich mich voll etabliert. aber das schönste an allem ist das feedback, welches ich von meinen kindern bekomme, ihre unbeschwertheit, ihr lachen. ich sehe sie zu eigenständigen, selbstbewußten menschen heranwachsen. wir reden noch oft über unsere aufenthalt im frauenhaus und den stellenwert, die chance, die wir bekamen, denn für uns war es labsal für die seele“. (zitate einer betroffenen frau)
frauenhaus notruf tag und nacht: (0316) 91 25 92

 

IN: SOLIDARITÄT, Mai 1997