Funkhäuser verkauft man nicht

Das Radio. Gehört zu meinem Leben. Mit größter, schwer verzichtbarer Selbstverständlichkeit. Ich höre es täglich. Immer schon. Zumindest soweit ich zurückdenken kann…
Zuerst die Musiksender. Ö3 und co. Rauf und runter. Kassetten aufnehmen. Meine Sammlung wächst. Dann allmählich der Schwenk zu Ö1. Ich stelle fest, dass Ö1 meinem Denken und Fühlen guttut. Ich lerne viel. Und wenn ich traurig bin, einsam, verzweifelt – Radio aufdrehen… das kann helfen. Eine Sendung über irgendein Thema. Das anfängt sich in meine Gehirnwindungen zu schleichen. Das anfängt, meine trüben Gedanken zu verdrängen. Die schlechte Stimmung, den Kummer, den Weltschmerz, den Ärger, die Angst. Das den Grübelstrom in meinem Kopf durchbricht. Da draußen geht das Leben weiter. Da gibt es eine größere Welt, sachliche Welt, eine spannende Welt – die mein Interesse wieder weckt. Die meine Gefühlschaos relativiert. Es gibt noch so viel anderes außerhalb meines gerade lädierten Mikrokosmos. Das Leben geht weiter. Ich erfahre, wie Ameisen kommunizieren, wie technische Geräte funktionieren, was der Bundespräsident heute gesagt hat, wie ein bekannter Künstler sein Leben und seine Beziehungen gestaltet, was es mit dem Buddhismus auf sich hat, wie man Zitronenhähnchen kocht. Ich höre erstmals Martin Grubinger spielen und erfahre, was ich gegen Bandscheibenvorfall tun kann und wie das Wetter morgen wird.
Leidenschaftlich gerne höre ich Sendungen, die mich in andere Länder, Städte mitnehmen, die mich am Leben an anderen Orten dieser Welt teilhaben lassen. Ich kann die Musik dort hören, die Geräusche, die Stimmen der Einwohner. Es werden Gerüche beschrieben und Bilder, ich sehe sie vor mir, die fernen Gegenden. Ich mag auch die Literatursendungen, die Buchbesprechungen, die Menschenbilder, die persönlichen Gespräche mit interessanten Menschen. Und immer wieder Musik. Klassisch. Modern. Jazzig. Schmankerln. Raritäten. Klänge aus aller Welt…. ich lasse mich immer wieder gerne überraschen.
Es gehört zu meinem Leben, das Radio. Bis heute.

 

Veröffentlicht IN: Funkhausanthologie, Festschrift IG Autorinnen Autoren, 2017.