„Grazer Kasperltheater: Seid ihr alle da? – Jaaa!“

Wer kennt ihn nicht aus seinen Kindertagen, den Kasperl. Auch heute noch begleitet er die Kleinen und Kleinsten mit seinen Abenteuern durch eine bunte, aufregende Märchenwelt. Seit nunmehr 15 Jahren steht in Graz ein Name hinter der beliebten Puppenfigur: Raoul René Riegler, seines Zeichens Regisseur, Schauspieler und der Grazer Kasperl. Mit Leib und Seele hat er sich dem Märchen- und Kasperltheater und damit den Kindern verschrieben.

„Angefangen hat alles an einem Faschingdienstag vor vielen Jahren“, erzählt er. Für einen Kindernachmittag war auch ein Kasperlstück vorgesehen, also hat er den Puppen Leben eingehaucht. Und es hat Spass gemacht. So viel Spass, dass es nicht bei diesem einen Mal bleiben sollte. Bald war ein kleines Team zusammengestellt und die Kasperlaufführungen wurden regelmässiger. Und bekannter. Und beliebter.

War anfangs das Publikum noch klein, vielleicht 10, 12 Kasperlfans, so zählt Raoul Riegler heute an die 180 Besucher bei jeder Aufführung. Sechs verschiedene Abenteuer zaubert der Kasperl jährlich aus dem Ärmel, zu den insgesamt rund 70 Aufführungen kommen weit über 10.000 Besucher jedes Jahr. Ganz zu schweigen von den zusätzlichen Gastspielen im Raum Steiermark, Kärnten, Burgenland und sogar in Deutschland. In Graz sind die Dienstag-Nachmittage im Orpheum zu Fixterminen für die Kasperlianer geworden. Und das nicht nur für die Kleinsten. So manche Erwachsene begleiten ihre Kinder und Enkerl, ihre Nichten und Neffen nur allzu gerne zu den immer spannenden, kindgerechten Kasperlabenteuern.

Aber Raoul Riegler liefert nicht nur die Ideen für seine Kasperlgeschichten und leiht dem Kasperl seine Stimme. Er hat sich auch bei experimentellen Puppentheater versucht und als Schauspieler bei verschiedenen Kinderstücken mitgewirkt. Seit 1992 ist er als Regisseur und Dramaturg beim Märchentheater des Podiums aktiv.

„Mein Interesse an der Arbeit mit Kindern hat auch einen pädagogischen Hintergrund. Kinder sind meist viel offener als Erwachsene, sie können aktuelle Themen weit effektiver und ohne Zeigefinger spielerisch vermitteln. Die Regiearbeit mit Kindern liegt mir besonders am Herzen und ist für mich äusserst spannend, da Kinder spontan und oft unberechenbar sind“, erzählt der 36jährige. Seine Leidenschaft für Kinder und Kunst hat tiefe Wurzeln: vor zwanzig Jahren bereits hat er gemeinsam mit seiner Schwester die sogenannten „Reintalparties“ unter der Schirmherrschaft des Podiums im Schloss Reintal bei Graz organisiert. Bei diesen Veranstaltungen wurden Lesungen, Theaterstücke oder musikalische Experimente präsentiert und anschliessend nach Herzenslust getanzt. Im Dunstkreis um diese Veranstaltungen entstand ein Literaturclub, der unter seiner Leitung die Zeitschrift „Regentanz“ herausbrachte.

Aber auch der Kontakt zu Musikern und Schauspielern entwickelte sich in diesen Jahren, und die Idee, ein eigenes Kasperltheater zu gründen. Im Rahmen der Aktion „Aktives Ferienkind“ hat Roaul Riegler später im Schloss Reintal über drei Jahre hinweg ein einwöchiges Filmsymbosium geleitet, bei dem die Kinder einen eigenen Kurzfilm erarbeitet haben. Heute hat sich der Vater eines sechsjährigen Sohnes aber vor allem wieder auf das Kasperl- und das Märchentheater konzentriert. Er hat bisher bereits 18 Kasperlabenteuer und Märchen als Hörspiel auf Kassette gebannt. Vor drei Jahren wurde mit Unterstützung des Unterrichtsministeriums die erste Videoproduktion erarbeitet: „Kasperl im Zirkus Multi Kulti““ – ein Stück, das sich mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit befasst und für Schulvorführungen genutzt wird.

Da er selbst Diabetiker ist, hat sich Raoul Riegler intensiv mit dieser Krankheit auseinandergesetzt. Einige Hörspielkassetten zu diesem Thema waren die Folge. („Kasperl und der zuckerkranke Igel“ und „Neues vom Kasperl und dem zuckerkranken Igel“). Eine deutsche Firma war an dem Projekt interessiert und hat seither einige tausende dieser Kassetten an diabeteskranke Kinder in Deutschland verteilt.

Neben dem Kasperltheater steht zur Zeit das Stück „Brüderchen und Schwesterchen“ am Märchentheater-Programm. Gemeinsam mit den Kindern wurden Dialoge und Rollen entwickelt, wobei die Märcheninszenierungen des Podiums weit über den Rahmen des klassischen Märchens hinausgehen – es werden aktuelle gesellschaftliche Probleme genauso hineingepackt wie viel Musik, Tanz und zusätzliche kleine Nebenrollen, die jedem Märchen etwas neues, einzigartiges verleihen. „Ein Stück muss leben, da muss Bewegung, Spass und Spannung sichtbar werden“.

Und die kleinen Theaterprofis des Märchentheaters, die allesamt in der Theaterschule des Podiums ausgebildet werden, lieben ihren Regisseur. „Er ist immer so lustig“, erklärt Nesthäckchen Eleni bei den Proben.
Das ist für Raoul Riegler auch das wichtigste, denn egal, ob Kasperl- oder Märchentheater: „Meine goldene Regel lautet: vor allem darf nie der Spass an der Sache verloren gehen, denn Theater soll für jeden spannend und lustig sein – sowohl fürs Publikum als auch für alle, die auf und hinter der Bühne arbeiten“.

 

IN: SAMSTAG, 1997