HEISSHUNGER

Anna war als Kind schon dick. In der Schule wurde sie deswegen oft gehänselt und der Turnunterricht war eine Qual. Wann immer sie konnte, versuchte sie dem zu entkommen. Den einzigen Trost fand sie in Schokolade und Süßigkeiten.

Doris ist 35 und seit kurzem geschieden. Ihr Mann hat Doris jahrelang gepiesackt: „Du bist zu fett, iss nicht so viel, wie du ausschaust, widerlich…“ Doris hat geweint, die Zähne zusammengebissen, sich durch zahlreiche Diäten gequält, aber es hat nichts genutzt. Heute wiegt sie über 100 Kilo und trägt nur mehr sehr, sehr weite Kleidung.

Dani ist gertenschlank. Sie wird von vielen bewundert für ihre tolle Figur. Was keiner weiß: Dani kämpft mit immer öfter wiederkehrenden Fressattacken – dann schlingt sie Unmengen in sich hinein, alles, was sie daheim finden kann. Wenn ihr so richtig übel ist, geht sie aufs Klo und steckt den Finger in den Mund. Es fühlt sich scheußlich an und sie fühlt sich elend, aber wenn sie am nächsten Tag aus dem Haus geht, setzt sie ihr strahlendes Lächeln auf und schüttelt konsequent den Kopf, wenn ihr beim gemeinsamen Mittagessen mit den Kollegen zu viel auf den Teller kommen soll.

Essen – Notwendigkeit. Genuss, Luxus, Sucht oder Qual… egal, wir müssen essen, um zu leben, zu überleben. Unser Hunger signalisiert uns, jetzt wird es Zeit, Nahrung aufzunehmen. Früher musste man mit dem vorliebnehmen, was gerade da war, heute quellen die Regale über vor Angeboten. Und wir holen uns, worauf wir Lust haben. Wozu uns unser Hunger treibt. Manchmal treibt er uns zu weit.

Wer zu lange nichts oder zu wenig gegessen hat, den quält Heißhunger. Wenn die Seele zu kurz kommt, nach Nahrung verlangt, wird auch das als Hunger empfunden, als Heißhunger.
Wenn der Körper nicht zur Ruhe kommt, immer gefordert ist, der Geist nicht abschalten kann, wenn dann endlich eine kleine Pause, Feierabend angesagt ist, dann überkommt uns der Heißhunger – wir stopfen in uns hinein, was geht… nach dieser Zeit der Anstrengung, Entbehrung.

Wenn mein Körper mir fremd ist, nicht geliebt, wenn niemand ihn zärtlich berührt, berühren darf, dann werde ich nicht gut mit ihm umgehen. Dann werde ich ihm nicht gönnen, was er braucht bzw. ihn abfüllen mit dem, was er nicht braucht. Dann habe ich kein intaktes Hungergefühl mehr. Nur mehr Widerwillen oder Heißhungerattacken.
Zu viel essen macht dick. Adipositas heißt es in der Fachsprache. Und Bulimie, Ess-Brechsucht, wenn jemand große Mengen isst und diese dann durch absichtliches Erbrechen wieder loswird. Hochgradig gesundheitsschädlich. Nicht nur für den Körper. Dahinter leidet die Seele.

Aber das ist noch nicht alles: Dicksein ist pfui. Zeichen von Verwahrlosung, mangelnder Willenskraft, Schwäche. Jede Kultur und Epoche hat ihr eigenes Schönheitsideal – heute gilt: schlank ist schön. Jede Abweichung vom derzeit als Norm propagierten Idealgewicht wird zum sichtbaren Makel der Person, der auf die eigene Unfähigkeit hinweist. Das allein schon macht Stress und kann zu einem unnatürlichen, verqueren Essverhalten führen. Spontan essen, wenn man Hunger hat, ist nicht mehr. Essen wird kontrolliert und Kalorie für Kalorie abgezählt – bis auf die Ausbrüche, wenn es dem Körper und der Seele reicht und sie mal wieder ordentlich zulangen wollen. Man weiß heute, dass rigide Restriktionen der Kalorienzufuhr einer ernsthaften Essstörung Tür und Tor öffnen können.

Viele leiden, weil sie dem magersüchtigen Schönheitsideal aus der Werbung nicht entsprechen – obwohl sie einen guten, gesunden Körper haben. Andere, die ihren Heißhunger nicht in den Griff kriegen und sichtbar dick sind, stehen sowieso oft am Rande der Gesellschaft. Dicksein korreliert mit geringem Einkommen, Armut, geringer Bildung, weniger Chancen, weniger Hoffnungen… in unserer Gesellschaft. Und natürlich mit ungesundem Lebensstil und Krankheit. Der Teufelskreis schließt sich: seelische Beeinträchtigungen sind die Folge, depressive Verstimmungen, Angstgefühle, Schuld- und Schamgefühle, soziale Vereinsamung.
Natürlich: Wege gebe es schon. Zu einem besseren, gesünderen Leben. Nicht jede/r aber hat die gleichen Zugangsmöglichkeiten. Zum einen gilt es, sich selbst wieder ein wenig mehr lieb zu gewinnen, zu akzeptieren – für viele harte Arbeit. Es ist nicht jeder dick, der nicht dem Hochglanzmagazin entsprungen ist. Es darf eine größere Bandbreite geben an Körpern. Rundungen. Mehr Achtung, mehr Wertschätzung. Und einen liebevolleren Blick – auf sich selbst und auf andere.

Und die wirklich Dicken? Die gesundheitlich bedenklich Dicken? Alles probiert, nichts genutzt? Manchmal muss man sich Hilfe holen – beim Arzt, Psychologen, Ernährungsberater, in Beratungszentren. Manchmal hilft es, sich Gleichgesinnte zu suchen, gemeinsam an einem besseren Leben zu arbeiten. Manchmal müssen erst widrige Lebensumstände geändert, gemeistert werden. Weil manchmal hat der Heißhunger eben eine Funktion. Ist Entspannungsmöglichkeit, ist Selbstbelohnung, Selbstbestrafung.

Unkontrollierter Heißhunger – in jedem Fall ein Hilfeschrei der Seele… die leidet.

 

IN: MEGAPHON, August 2012 (von der Redaktion teilweise abgeändert)