Intra 28 – „Zeitlupe“, 1996

„heilpädagogik mit – im – als system“

qualitätssicherung, supervision, psychohygiene und neue integrationsmodelle sind nur einige der themenschwerpunkte des diesjährigen heilpädagogischen kongreß in salzburg. bereits zum elften mal veranstaltet die heilpädagogische gesellschaft österreich diesen internationalen kongreß, der sich heuer von 6. bis 8. juni mit „heilpädagogik mit – im – als system“ auseinandersetzen wird. in grundsatzreferaten, seminaren und arbeitskreisen soll die vielfalt heilpädagogischen wirkens zum ausdruck kommen.
heilpädagogik hat sich schon immer als pädagogik für menschen mit besonderen erziehungsbedürfnissen verstanden, die in einer sehr umfassenden sichtweise individuelle und lebensweltbezogene teilaspekte miteinbezogen hat. das systemische denken hat diesen ganzheitlichen ansatz bestätigt und mit vielen neuen erkenntnissen und erfahrungen bereichert. die heilpädagogische gesellschaft österreich sieht ihre ziele in der verbreitung des wissens um behinderung, in der verbesserung und unterstützung der anliegen behinderter, aber auch in der forschung und geistigen auseinandersetzung in allen wissenbereichen, die für das zusammenleben in unserer sehr differenzierten gesellschaft wichtig sind. die schulung persönlicher fähigkeiten zur besseren bewältigung der schwierigkeiten helfender berufe ist ebenfalls aufgabe der gesellschaft. sie veranstaltet daher fortbildungsseminare und alle zwei jahre einen interdisziplinären kongreß mit internationaler beteiligung. der teilnehmerkreis dieser kongresse setzt sich aus den verschiedensten berufsgruppen – vom arzt/ärztin, pädagogen/in, erzieher/in bis hin zum/r therapeut/in und psychologen/in zusammen. fünfmal jährlich gibt die gesellschaft eine fachzeitschrift heraus, die sich mit speziellen und aktuellen themen der heilpädagogik beschäftigt.

 

„ablöse für rambo? grazer jahr der väter“

zwei studien, die sich im auftrag des jugendamtes mit den problemen jugendlicher in graz auseinandergesetzt haben, zeigen nun erste wirkung: „die krise der familie ist ein krise der väter“, so bernhard heinzelmayer, einer der autoren vom österreichischen institut für jugendforschung. um dieses problem nun verstärkt ins licht der öffentlichkeit zu rücken, wurde 1996 kurzerhand zum grazer jahr der väter erklärt. vater-kind-kochkurse, ein vater-sorgentelefon, schreibwerkstätten, vortragsreihen und zahlreiche symposien zum thema sind nur einige der projekte, die von der stadt graz ins leben gerufen wurden. wobei vor allem väter angesprochen sind, die angebote zu nutzen. der hintergrund für all diese aktivitäten: in den studien „jugend und rechtsextremismus“ und der vergleichenden stadtteilstudie „harmsdorfsiedlung/terassenhaussiedlung“ kamen erschreckenden details zum vorschein. wo der vater durch abwesenheit glänzt, steigt die problemanfälligkeit der jugendlichen drastisch an. selbstmordgefahr, rechtsextremismus, drogenmißbrauch und verhaltensauffälligkeiten bzw. schulische schwächen zeigten sich verstärkt bei den buben. die mädchen reagierten häufig mit ängsten und depressionen auf das fehlen des vaters. die interviews mit den jugendlichen zeigten, daß der vater in der familie fast durchgehend nur eine marginale rolle spielt. vor allem den männlichen jugendlichen fehle das männliche vorbild, erläuterte heinzelmayer. die folge: vorbilder werden in film und fernsehen gesucht, und helden à la rambo bestimmen das verhalten der kids: gewalt und alkoholmißbrauch werden cliquenintern zu anerkannten männlichen kavaliersdelikten.
das entspräche auch den ergebnissen einer amerikanischen studie, die 1988 zum schluß kam, daß weniger die soziale herkunft oder das bildungsniveau für eine kriminelle karriere eines kindes ausschlaggebend seien, als vielmehr die rolle des vaters in der kindheit.
jugendstadträtin tatjana kaltenbeck, die das grazer jahr der väter ausgerufen hat, will die väter nicht verdammen, aber sie will verstärkt bewußtseinsarbeit leisten und die väter „an ihre verantwortung erinnern“. auch den frauen müsse bewußt gemacht werden, daß sie ihre partner zur beziehungsarbeit in der familie heranziehen können und sollen.
ein weiteres projekt kommt von der steirischen familieninitiative, die ein vernetztes eltern – und partnerbildungsprogramm auf die beine gestellt hat. nach dem motto: eltern zu sein ist wie ein beruf – und der muß erlernt werden. von frauen wie auch von männern. auch hier werden veranstaltungen und seminare steiermarkweit angeboten. weiters sollen bereits bestehende einrichtungen vernetzt werden, um ein breites forum für einen erfahrungsaustausch zu entwickeln.

 

„psychologie in der medizin“

ögmp heißt soviel wie österreichische gesellschaft für medizinische psychologie, psychotherapie und psychosomatik. gegründet wurde der verein in den 80er jahren von den universitätsprofessoren dr. josef egger und dr. walter pieringer, die beide an den grazer universitätskliniken-landeskrankenhaus graz tätig sind. mehrere unikliniken in graz, innsbruck und wien haben sich daraufhin zusammengeschlossen, um einen nationalen fachlichen erfahrungsaustausch zu gewährleisten und zu fördern. ein weiteres anliegen ist die erweiterung der psychosozialen kompetenz der in medizin und psychotherapie tätigen. vor allem der klinischen psychologie gilt verstärktes augenmerk. vielfältige fachspezifische weiterbildungsveranstaltungen in österreich haben in der ögmp eine gemeinsame plattform gefunden: das integrative seminar und das seminar für körperbezogene psychotherapie in bad gleichenberg, die igler tage für psychosomatische medizin und sexualmedizin und die psychotherapiewoche in badgastein, die allesamt keiner einzelnen psychotherapieschule verpflichtet sind, sondern vielmehr im universitären sinn einen vielfältigen theoretischen wie auch praktischen zugang zu psychosomatik und psychotherapie ermöglichen sollen. seit einigen jahren gibt die ögmp vierteljährlich eine fachzeitschrift heraus, „psychologie in der medizin“, die auch als offizielles organ der genannten veranstaltungen gilt.

 

„paracelsusring erstmals in weiblichen händen“

mit der psychotherapeutin mag. dr. rotraud perner ging heuer der paracelsusring, die höchste kulturelle auszeichnung der stadt villach (kärnten), erstmals an eine frau. unter den bekanntesten ringträgern finden sich größen wie erwin schrödinger, konrad lorenz oder paul watzlawick, allesamt männer eben. verliehen wird der ring für ein lebenswerk, das im besten sinn der geisteshaltung des im 15. jahrhundert tätigen schweizer arztes paracelsus entspricht. die promovierte juristin rotraud perner, die sich in österreich seit langem einen namen als psychotherapeutin gemacht hat und vor allem durch ihre arbeiten in den bereichen gewalt in der familie und sexualtherapie bekannt wurde, durfte mitte mai die auszeichnung entgegennehmen. ein paar stationen ihrer karriere: 1990 gründung des vereines „die möwe“ für physisch, psychisch und sexuell mißhandelte kinder, 1992 dozentur an der wiener internationalen akademie für ganzheitsmedizin, 1993 silbernes ehrenzeichen für verdienste um die republik österreich für die mitgestaltung an der gesetzlichen regelung der psychosozialen versorgung, lehraufträge für sexualtherapie an der erzdözese wien und in graz, gründung des vereines „promethea“ zur unterstützung sexuell ausgebeuteter frauen und seit 1996 gerichtlich beeidete sachverständige des landesgerichtes wien für nerven- und geisteskrankheiten. dr. perner leitet in wien ein institut für projektberatung, das tiefenpsychologische selbsterfahrung, supervision, coaching und psychotherapie anbietet. mit ihren publikationen hat sie in österreich bereits öfter für aufruhr gesorgt. derzeit sind zwei neuerscheinungen von ihr in vorbereitung: „scham macht krank. texte zur sexualpädagogik,- beratung- und therapie“ (erscheinungstermin voraussichtlich sommer 1996) und „sexualität in österreich. eine bestandsaufnahme.“ (erscheinungstermin voraussichtlich frühjahr 1997). man darf also gespannt sein.

 

„chinesische therapien am vormarsch“

den fluß der lebensenergie zu verbessern, entspannung und körperliches wohlbefinden zu fördern, sind nur einige der vielfältigen wirkungen der alten chinesischen bewegungslehren, qigong und taiji. während taiji (oder t´ai chi ch´uan) eigentlich zu den kampfkünsten zählt, bedeutet qigong (oder ch´i kung) energiearbeit. beide techniken werden heute auch vermehrt im europäischen raum zur förderung von gesundheit und zur aktivierung der selbstheilungskräfte eingesetzt.
mit kontinuierlichem training lassen sich beachtliche erfolge erzielen. bei verspannungen, chronischen leiden, sogar bei krebs sollen die chinesischen künste wunder wirken. als ergänzung zur schulmedizinischen behandlung wird qigong nicht nur in china, sondern auch bereits an deutschen kliniken zur unterstützung der behandlung eingesetzt. durch die regulation von atmung, bewegung, bewußtsein und vorstellung wird ein energetisches gleichgewicht aufgebaut, das auf körperlicher, physischer und psychischer ebene wirken soll.
der sportwissenschaftler li xiaoqui, der in graz lebt und hier kurse anbietet, ist zweifacher chinesischer staatsmeister in den traditionellen kampfkünsten. sein ziel ist es, in graz eine schule für chinesische gesundheitstherapien aufzubauen. bereits 1987 wurde die österreichische taiji und qigong gesellschaft auf anregung von shifu oswald elleberger gegründet, um als plattform für die beschäftigung und den erfahrungsaustausch mit traditionellem taiji und qigong zu dienen. ihrer ursprünglichen aufgabe, trainingsmöglichkeiten für ihre mitglieder zu schaffen, wurde ergänzt durch die funktion als förderer dieser alten chinesischen künste. die taiji und qigong gesellschaft bietet neben laufenden trainingseinheiten verschiedenen spezialseminare wie beispielsweise ein taij-seminar in rovinj (kroatien) im september. die nächste großveranstaltung zu diesem thema geht bereits von 31. mai bis 2. juni auf schloß seggau bei leibnitz (steiermark) über die bühne: der internationale qigong-kongreß.

 

IN: INTRA 28, ZEITLUPE, 1996