Intra 30 – „Zeitlupe“, 1996

Frauengesundheit: Mit Körper, Geist und Seele

Was passiert mit mir, mit meinem Körper, wenn ich in die Wechseljahre komme? Wie gehe ich als Mutter mit meinen Schuldgefühlen um, wenn mein Kind unter Eßstörungen leidet? Was ist Psychotherapie? Brauche ich Psychotherapie? Das sind nur einige der Fragen und Themen, derer sich das Frauengesundheitszentrum (FGZ)in der steirischen Landeshauptstadt Graz annimmt. Im medizinischen Versorgungssystem wird auf weibliche Lebenszusammenhänge meist noch zu wenig Rücksicht genommen. Der Entstehungshintergrund von spezifisch weiblichen Krankheiten wird in die Therapie selten miteinbezogen. Gesundheitsförderung im Sinne eines umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens ist noch lange nicht zum Selbstverständnis geworden. Vor gut vier Jahren hat das FGZ seine Pforten geöffnet – als Informations- und Beratungsstelle für Frauen aller Altersstufen. Wobei Frauengesundheit im FGZ unter einem ganzheitlichen Aspekt betrachtet wird, der Körper, Geist und Seele miteinbezieht. Viele Frauen haben Scheu davor, mit ihrem Arzt wirklich über ihre Probleme und Beschwerden zu sprechen, sehr oft wird das „Fachchinesisch“ der Mediziner nicht verstanden, und vielen Frauen ist nicht bewußt, was und wieviel sie selbst zu ihrer (körperlichen und seelischen) Gesundheit beitragen können. Die Mitarbeiterinnen im FGZ bieten kostenlose Beratungen über schulmedizinische Diagnostik, Behandlungsmöglichkeiten, ganzheitliche Heilmethoden und Möglichkeiten der Selbsthilfe. Neben einer gynäkologischen Ordination werden auch Kurse zu Luna Yoga, Bauchtanz, Shiatsu, QiGong oder Akupressur angeboten. Vorträge und Workshops über das sexuelle Erleben, über den Umgang mit körperlichen und seelischen Veränderungen in den Wechseljahren, über Eßstörungen und Verhütungsmethoden runden das breitgefächerte Angebot des FGZ ab. Als systemische Familientherapeutin und Kunsttherapeutin arbeitet Dr. Saiko-Jogan mit im sechsköpfigen Team des FGZ und bietet Einzel- und Gruppentherapie speziell für Frauen an. Dreimal jährlich gibt das FGZ eine Broschüre heraus, in der alle Veranstaltungen und Angebote, aber auch relevante Pressesplitter, Buchbesprechungen und eine aktuelle Literaturübersicht enthalten sind. Das Grazer FGZ hat sich nun auch mit den Frauengesundheitszentren in Wien, Salzburg und Linz zu einem Netzwerk der österreichischen Frauengesundheitszentren zusammengeschlossen.
Von 15. Oktober bis einschließlich 10. Dezember 1996 hat das FGZ Graz in Zusammenarbeit mit dem Magistrat Graz und dem Land Steiermark die 2. Grazer Frauengesundheitstage initiiert, die sich, wie bereits im Vorjahr, mit wichtigen und oft vernachlässigten Gesundheitsfragen im Leben von Frauen auseinandersetzen und Anregungen zu möglichen Umgangsweisen und Lösungen geben wollen.

 

Alkoholsucht: Von Kindesbeinen an

Erschreckende Details brachte eine Studie in Oberösterreich zutage: Jedes zehnte Kleinkind hat bereits Alkohol getrunken! Als Kinder dürfen sie bei den Eltern gelegentlich kosten, als Jugendliche schaffen sie es dann auf bis zu 3,5 Liter Wein pro Abend. Der Linzer Psychologe und Therapeut Dr. Franz Aichinger hatte in seiner Untersuchung knapp 5200 Kinder und Jugendliche zum Thema Alkohol befragt. Elf Prozent der Mädchen und beinahe 14 Prozent der Jungen gaben an, bereits als Kleinkinder, noch vor dem sechsten Lebensjahr in der Familie Alkohol getrunken zu haben. „Die Kinder dürfen immer wieder Bier oder Wein kosten, damit lernen sie aber auch, daß Alkohol etwas ist, was üblich ist und dazugehört“, so Aichinger. Der Druck von Freunden und Schulkameraden ist später ein weiterer Faktor, warum Jugendliche trinken: Zwei Drittel der Mädchen und drei Fünftel der Jungen lassen sich von ihren Freunden animieren, und „Trockene Partys sind langweilig!“
2726 Burschen und 2433 Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren wurden über ihr Trinkverhalten befragt: Während bei den 13jährigen nur ein Prozent mehr als 100 Gramm reinen Alkohol (entspricht etwa fünf Bieren) „pro Anlaß“ zu sich nimmt, „schaffen“ es bei den 17jährigen Burschen bereits 16,4 Prozent und bei 18jährigen Mädchen 10,7 Prozent. Am ärgsten treiben es die Lehrlinge: Bei den 17jährigen Berufsschülern trinkt jeder dritte männliche Jugendliche mehr als 14 Krügerl Bier pro Woche – oder mehr als 14 Vierterl Wein. Es wird auch nicht weiter als schlimm empfunden, wenn man ab und zu betrunken ist, „solange es nicht zur Gewohnheit wird“. Doch die Toleranz gegenüber dem Alkoholverbrauch steigt mit zunehmendem Alter.
Getrunken wird übrigens hauptsächlich dort, wo es dem Jugendschutzgesetz nach eigentlich verboten sein sollte: in Discos und Gasthäusern.

 

Anti-Drogen-Offensive: Fachstelle für Suchtprävention

10 Drogentote in der Steiermark im Vorjahr – Anstieg der Anzeigen bei illegalen Drogen auf das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr – Steiermarkweit etwa 13.000 Todesfälle pro Jahr durch Alkoholmißbrauch – Von der Bundespolizeidirektion Graz wird ein Anstieg des Suchtgiftkonsumes durch Jugendliche, auch im Bereich des Heroinmißbrauches, gemeldet – Neue Modedrogen wie XTC erschließen eine zusätzliche Drogenklientel – Einstiegsalter: 13 bis 14 Jahre!
Gründe genug für den steirischen Gesundheitslandesrat Günter Dörflinger, hier vehement einzugreifen: Mit Jänner 1997 soll in der steirischen Landeshauptstadt Graz erstmals eine Fachstelle für Suchtprävention ihre Arbeit aufnehmen. Bereits im April 1995 beauftragte das Gesundheitsreferat des Landes Steiermark den internationalen Fachberater und Fachbeauftragten für Suchtprävention, Gerald Koller, mit der Erstellung eines Konzeptes für eine Fachstelle zur primären Suchtvorbeugung. Das umfassende Konzept wurde kürzlich in Graz präsentiert, drei Millionen Schilling jährlich sollen gewährleisten, daß die Fachstelle unter der Leitung der Sozialarbeiterin Claudia Kahr dem Drogenmißbrauch entgegenwirken kann. Als Aufgabengebiete werden genannt: Zusammenarbeit mit den primärpräventiven steirischen Einrichtungen, Sensibilisierung der Öffentlichkeit, Entwicklung entsprechender Programme, steiermarkweite Vernetzung suchtpräventiver Initiativen und im Präventionsbereich tätiger Personen, Koordination, Aus- und Fortbildung regionaler MitarbeiterInnen, Initiierung und Begleitung von Projekten auf Gemeinde- und Bezirksebene, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Fachstelle soll somit landesweit als Koordinator wirken und bei jeglicher Form von Sucht und Suchtprävention Hilfestellung bieten. „Nicht höhere Strafen und mehr Polizeieinsatz können den Drogenmißbrauch verhindern, wenn die (realen) Ursachen dafür bleiben weiterhin erhalten bleiben, der Ansatzpunkt muß in unserer Gesellschaft liegen“, so Landesrat Dörflinger. Denn „Sucht ist ein Symptom, das auf tiefer liegende, verborgene Probleme der Persönlichkeitsstruktur und Entwicklung sowie auf aktuelle Streßauslöser hinweist“, betont Koller in seinem Konzept. Und es gebe sehr wohl eine Reihe von „Schutzfaktoren“, die das Risiko zur Sucht senken können.

 

Scheidungsmänner: Zwischen Absturz und Höhenflug

Mit den seelischen Nöten der Männer nach einer Scheidung befaßt sich seit längerem schon der Linzer Psychotherapeut Dr. Klaus Sejkora. Sein Anliegen ist es, nicht Partei zu ergreifen, sondern die spezifische Problemwelt der Männer in den Blickpunkt zu rücken. Dabei ortet er zwei Gefahren in der Zeit während und nach einer Scheidung oder Trennung: „Die einen neigen zu einem narzißtischen Höhenflug, bei dem sie sich plötzlich als Nabel der Welt sehen und hoffnungslos selbstüberschätzen“. Die neue, blutjunge Freundin, das neue Auto, ein neuer Lebensstil und die völlige Verunglimpfung der Ex-Frau seien nur einige der Anzeichen dafür. Der zweite Typ neigt zum „depressiven Abrutschen“, versinkt in Selbstmitleid, wird passiv, zieht sich zurück, fängt womöglich zu trinken an. Beiden Verhaltensmustern liegt laut Sejkora das gleiche Prinzip zugrunde: Schmerzliche Gefühle sollen verdrängt werden, nur die Wahl der Abwehrreaktionen variiert. Ob Verleugnung, Projektion, Verschiebung, Substitution oder Retroflexion – die Abwehrmechanismen hindern den Mann an der realistischen Auseinanderstzung mit Lösungsmöglichkeiten, und „sie funktionieren nie ganz, denn auch nach einer Trennung wird jeder Mann immer wieder mit seiner Vergangenheit konfrontiert, und muß daher seine Abwehrstrategien ständig intensivieren“. Für Sejkora führt das Erleben einer Scheidung „stark in die Nähe einer seelischen Erkrankung“, er hält deshalb eine Psychotherapie für Geschiedene für nahezu unerläßlich. Sein Therapieziel sieht er im Durchdringen der Abwehrpanzer, dem Bewußtmachen der Gefühle, die eine Trennung nach sich zieht, im Aufarbeiten der gescheiterten Beziehung als auch früherer Beziehungserfahrungen bis hin zur Arbeit am eigenen Selbst. Dr. Sejkora ist klinischer Psychologe und Leiter des Institutes für Tiefenpsychologie und Transaktionsanalyse in Linz. Mit seinem Buch „Männer unter Druck“ ist er bereits einem größeren Publikum bekannt.

 

Upgrade Akademie: Weiterbildung für PsychologInnen

Der Berufsstand der PsyhologInnen hat in den letzten Jahren – nicht zuletzt aufgrund einer verbesserten gesetzlichen Stellung – zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. Psychologische Faktoren rücken allerorts in den Vordergrund, im beruflichen Umgang, in der Freizeit und in privaten Beziehungen. Leider hinkt die derzeitige Entwicklung unserer Psychologie in puncto Bereitstellung benötigter Ressourcen und professioneller Hilfestellungen dem realen Bedarf an gut ausgebildeten PsychologInnen nach. Im Gesundheitswesen wird psychologisches Potential hervorragend eingesetzt; was aber geschieht in den vielfältigen anderen Bereichen psychologischer Einsatzmöglichkeiten, wie Organisationsmanagement, Sport, Freizeit, Schule, Werbung und Medien? In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft steigen auch die Anforderungen, die zukünftig an PsychologInnen gestellt werden. Dieser Entwicklung will eine neue Initiative zur Förderung beruflicher Kompetenz von PsychologInnen Rechnung tragen: Die Upgrade Akademie mit Sitz in Wien ist eine privatwirtschaftlich initiierte Einrichtung mit dem Ziel, (angehende) PsychologInnen mit praxisrelevanten Qualifikationen und Kompetenzen auszustatten und so einen vertieften und leichteren Berufseinstieg in die vielfältigen Arbeitsfelder der modernen Psychologie zu ermöglichen. Durch praxisnahe Curricula soll der Übergang von der schlichten Berechtigung über den Erwerb berufsspezifischer Qualifikationen hin zur erfolgreichen Ausübung des Berufs ein nahtloser werden. Einen wesentlichen Schwerpunkt stellt die Beratung hinsichtlich konkreter Arbeitsfelder sowie die Herstellung dazu nötiger Kontakte dar. Das Ausbildungsangebot umfaßt derzeit Curricula zu folgenden Bereichen: Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie, Sport- und Freizeitpsychologie, Pädagogische Psychologie, Klinische- und Gesundheitspsychologie sowie Marktforschung, Medien- und Kommunikationspsychologie. Dauer der Curricula jeweils 160 Stunden in 10 Wochenendeinheiten, Kosten: jeweils öS 44.000,- exkl. Mehrwertsteuer.
Info: Upgrade Akademie, Initiative zur Förderung persönlicher Kompetenz, c/o Care Company, Projektagentur für Marketing und Kommunikation. Mag. Thomas Dorner, Alser Straße 21/8, A-1080 Wien. Tel.: (0222) 407 31 10.

 

IN: INTRA 30, ZEITLUPE, 1996