INTRA 31 – „Zeitlupe“, 1997

Österreichische Studentenstudie: Kriterien erfolgreichen Studierens

Vor einigen Jahren bereits wurde unter den MitarbeiterInnen der Psychologischen Beratungsstellen für Studierende in Österreich eine Erhebung durchgeführt, um Faktoren erfolgreichen Studierens zu ermitteln. Auf diesem Kriterienkatalog aufbauend wurde ein umfangreicher Fragebogen entwickelt, der die Bereiche Studienwahl, Studienwechsel, Lern- und Arbeitsverhalten, Sozialverhalten sowie Umgang mit persönlichen Problemen umfaßte. Zwischen 1992 und 1994 wurden in allen österreichischen Universitätsstädten strukturierte Interviews mit insgesamt rund 4.000 Studierenden der Fachrichtungen Medizin, Rechtswissenschaften, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und Lehramtsstudien durchgeführt. Die Probanden wurden nach einem repräsentativen Quotenplan für Geschlecht, Studienabschnitt und Studienort ausgewählt. Als Erfolgskriterien wurden die subjektive Zufriedenheit mit dem eigenen Studienerfolg sowie als objektive Kriterien der Notendurchschnitt und verschiedene Variationen der Studiendauer herangezogen.
Die Ergebnisse zeigen in einigen Bereichen für alle involvierten Studienrichtungen übereinstimmende, in anderen wiederum nur für einzelne Studienrichtungen geltende, manchmal auch einander widersprechende Zusammenhänge zwischen Strategien, Verhaltensweisen sowie Einstellungen und dem Studienerfolg. Auch wenn in dieser Untersuchung letztendes nur Beziehungen festgestellt werden konnten, wie der verantwortliche Leiter der Studie, Hofrat Dr. Rudolf Pichler, betonte, und „wir Kausalwirkungen nur vermuten können“, lassen sich doch eindrucksvolle Ergebnisse berichten: Die selbständige Entscheidung für ein Studium, aber auch das Einverständnis der Eltern dazu sowie ausreichende Informationen und konkrete Berufsvorstellungen zum gewählten Studium lassen auf einen guten Studienerfolg schließen. Beim Faktor Lernverhalten sind es vor allem Selbstmotivation, Zielgerichtetheit, Vermeiden von Überforderung und der regelmäßige Besuch von Lehrveranstaltungen, die zum Erfolg führen. Soziale Integration, Kontaktfreudigkeit, aber auch die Fähigkeit, sich in Beziehungen abzugrenzen, sind einige der sozialen Erfolgskriterien. Die Einstellung zu Problemen und die aktive Suche nach Lösungsmöglichkeiten stehen ebenfalls in Zusammenhang mit größerem Studienerfolg. Und schließlich kann auch ein Studienwechsel zum Erfolg führen, wenn er bewußt und reflektiert angegangen wird. Kleines Detail am Rande: Interesse an Politik und Kultur stehen je nach Studienrichtung einmal positiv, einmal negativ in Beziehung zum Studienerfolg. Ein befriedigendes Sexualleben weist dagegen durchgehend positive Beziehungen zu einem erfolgreichen Studium auf!
Die Umfrageergebnisse liegen übrigens als Publikationen des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung vor.

 

Frauenhaus-Studie: Schicksal oder Chance?

Wie entsteht innerfamiliäre Gewalt? Gibt es Frauen, die – gewissermaßen schicksalhaft – von einer Mißhandlungsbeziehung in die nächste geraten? Welche Erwartungen haben die, die in einem Frauenhaus Zuflucht suchen, und was davon geht in Erfüllung?
„Was sich die Frauen vor allem von uns mitnehmen, ist eine große Portion Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl“, resümiert Frauenhaus-Mitarbeiterin Martha Stadler. In ihrem soeben erschienenen Buch „Frauenhaus – Schicksal oder Chance?“ hat sie Frauen interviewt , die in den vergangenen Jahren im Frauenhaus Zuflucht gefunden haben. Die Studie ist der zweite Teil einer Langzeituntersuchung über das Grazer Frauenhaus, deren erster Teil bereits 1992 fertiggestellt wurde. Vor allem wurden diesmal Parameter erhoben, die bisher insgesamt noch recht wenig erforscht sind, wie beispielsweise der sozio-kulturelle, bildungsmäßige und ökonomische Hintergrund der Frauen, ihre Sozialisation, ihre Vorstellungen in bezug auf Rollenverhalten und Partnerschaft sowie ihre emotionellen und rationalen Erwartungen an die Partnerbeziehung. Damit wurde es möglich, zumindest partielle Antworten zur Entstehung von Gewaltbeziehungen zu finden oder jedenfalls Arbeitshypothesen aufzustellen, die als Ausgangsbasis für weitere Forschungsarbeiten dienen können. Soweit es aus vorliegenden Statistiken über österreichische Frauenhäuser (und auch aus punktuellen schweizerischen und deutschen Erhebungen) hervorgeht, scheint der Schluß zulässig, daß es sich in demographischer Hinsicht bei den Teilnehmerinnen der Befragung um durchaus typische Vertreterinnen der von Frauenhäusern betreuten Frauen handelt. Insofern dürfte den Ergebnissen auch ein gewisser exemplarischer Charakter zukommen. Trotz der großen Menge an statistischem Material ist das Buch gut lesbar, und die von drei betroffenen Frauen verfaßten Texte, die die Untersuchung ergänzen, sind ausgesprochen berührend.
Info & Bestellung: Frauenhaus Graz, Postfach 110, A-8027 Graz. Tel: 0316/912545.

 

Größte steirische Drogenstudie: Gesundheitserziehung statt Verbote?

5.120 steirische Jugendliche haben der Soziologe Peter Gasser-Steiner und der
Erziehungswissenschafler Hubert Stigler von der Uni Graz in bezug auf ihre Affinität und Einstellung zu Drogenkonsum unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse dieser bislang umfangreichsten steirischen Drogenstudie wurden kürzlich veröffentlicht.in einem sozialwissenschaftlichen Kontext wurden dabei Angaben über den legalen Drogenkonsum zu Merkmalen in Beziehung gesetzt, welche die Lebenssituation der Jugendlichen bestimmen: In drei Modellen wurde zu klären versucht, in welchem Ausmaß sich die Konsummuster von Jugendlichen aus (akuten und chronischen) Belastungen, ihren subjektiven Lebensgefühlen (normative Orientierungen) und ihrer individuellen Befindlichkeit verstehen lassen. Dabei wurde von der grundsätzlichen Annahme ausgegangen, daß der Konsum legaler Drogen im Jugendalter entwicklungsbezogen als Folge von Problemlagen zu berstehen ist, die sich im Prozeß jugendlicher Identitätsbildung und Verselbständigung ergeben. Psychosoziale Belastungspotentiale, die den Konsum von Alkohol und Zigaretten begünstigen, zeigten sich dabei mehrfach: Jugendliche, die angeben, durch Konflikte mit den Eltern stärker belastet zu sein, neigen insgesamt eher zum Konsum legaler Drogen als Jugendliche der entsprechenden Kontrastgruppe. Auch beim Medikamentenkonsum ergaben sich Zusammenhänge: Generationsprobleme und belastende Lebensereignisse, schlechte soziale Integration und Beziehungsstörungen stellen Risiken für einen hohen Medikamentenkonsum dar. Die Muster sozialer Beziehugen unterscheidet medikamentenaffine Jugendliche sehr deutlich von Drogenkonsumenten. Die am häufigsten konsumierten Drogen sind dabei Aufputschmittel (13,3%), wobei dieser Konsum zu mehr als zwei Drittel ein Mehrfachkonsum ist. Knapp darunter liegt der Haschischkonsum mit 12,1 %. Ecstasy und harte Drogen gehen nur bei den 18jährigen an die 3%-Schwelle. Typische Drogenkonsumenten verfügen in weit höherem Ausmaß als Nichtkonsumenten über Personen in ihrem Beklanntenkreis, die selbst harte oder weiche Drogen konsumieren. Die sverweist auf die hohe Bedeutung von persönlichen Kontakten beim Drogenkonsum. Drogenkonsumierende Jugendliche geben in höherem Ausmaß an, daß in ihrem Leben belastende Ereignisse – wie Trennungen, Ausbildungsabbrüche oder Krankheiten – aufgetreten sind. Das Konsumrisiko steigt mit der Schwere dieser kritsichen „life events“ an. Insgesamt zeigt die Studie, daß der Konsum von Alkohol und Zigaretten für viele Jugendliche zum fast alltäglichen Verhaltensrepertoire gehört. Hinsichtlich des Medikamentenkonsums ergab sich, daß jeder fünfte Jugendliche angibt, täglich oder mehrmals die Woche ein Medikament einzunehmen – wobei allerdings in erster Linie Vitamintabletten eingenommen werden. Die Konsumrate illegaler Drogen ist stark latersabhängig, während sich der Ausbildungsstatus als nicht besonders aussagekräftig erwiesen hat. Im Bereich der Drogenprävention wurden lange Zeit Ansätze praktiziert, deren Programmatik und Konzeption zunehmend kritisch betrachtet werden. Dies Konzepte sind auf Verhütung fixiert, wobei Modelle der Abschreckung, bzw.heute auch vermehrt jene der Aufklärung im Vordergrund stehen. Das Wissen um eine gesundheitsgefährdende Wirkung eines Verhaltens spilet nicht unbedingt eine steuernde Rolle für das eigene Handeln und Verhalten von Juge dlichen, weil sie über ein gegenwartsbezogenes Gesundheitskonzept verfügen, das nicht dem zukunftsorientierten der Erwachsenen enetspricht. Immer mehr praxisrelevante Präventionskonzepte orientieren sich an einer Strategie einer umfassenden Gesundheitserzeihung, lösen sich von einer aufklärerischen, verhaltensregulierenden und individuenzentrierten Persspektive bisheriger Ansätze und beziehen Überlegungen mit ein, die auf ein Erweiterung der Handlungs- und Problemlösungskompetenz der Jugendlichdn abzielen. Neben verhaltensbezogener Prävention gilt es auch situative Aspekte zu berücksichtigen, und jugedlichen Drogenkonsum in seiner psychosozialen Funktion bzw. im Kontext kultureller und sozialer Bedingungen zu thematisieren.

 

Unterschätzt und abgeschoben? Problem: Hochbegabt

Nicht selten landen Kinder, die allgemein als hochbegabt bezeichnet werden können, wegen Unterforderung sogar i n der Sonderschule. Warum? Weil auch hochbegabte Kinder Probleme mit dem Regelunterricht haben. Sie sind nicht gefordert, langweilen sich schnell, werden unkonzentriert, manchmal aggressiv, und sie fangen an, Unruhe zu stiften. Zwischen drei und fünf Prozent aller Kinder jeden Jahrganges sind hochbegabt, was soviel heißt, daß ihre intellektuellen, musischen, sozialen oder motorischen Fähigkeiten wesentlich weiter entwicklet sind als bei Gleichaltrigen. Grundsätzlich wird die Intelligenz eines Menschen – obwohl heute immer mehr umstritten – mittels Intelligenzquotienten (IQ) gemessen. Während sich durchschnittlich Begabte bei etwa 100 einpendeln, weisen Hochbegabte einen IQ von 130 und mehr auf. Als typische Anzeichen für Hochbegabung gelten bei Kindern eine ausgeprägte Phantasie, ein gutes Gedächtnis, rasche Auffassungsgabe, frühes Rechnen, Schreiben und Lesen, auffallende musische, motorische oder soziale Fähigkeiten und ein großer Wortschatz. So könnte man meinen, daß es jene Kinder auch ohne große Förderung im Leben weit bringen. Das Gegenteil ist oft der Fall. Volker Schönwiese, Erziehungswissenschaftler in Innsbruck, betont, daß im Unterricht zwar mit allen Schülern die gleiche Sache behandelt, jedoch das unterschiedliche Niveau und die verschiedene Intensität der Beschäftigung stärker beachtet werden müssen. In Österreich hat sich eine Selbsthilfegruppe betroffener Eltern zusammengefunden, die auf diese Problematik aufmerksam machen wollen.

 

IN: INTRA 31, ZEITLUPE, 1997