INTRA 32 – „Zeitlupe“, 1997

„scheidungskinder: wenn es innen drin so weh tut“

die trennung von einem elternteil – ob durch scheidung oder tod – verletzt die psyche eines kindes zutiefst. jedes zweite scheidungskind leidet an den spätfolgen einer trennung noch im späteren erwachsenenalter. der verein rainbows hat sich zum ziel gesetzt, kinder und jugendlichen bei der bewältigung ihrer trauer zu unterstützen und ihnen zu helfen, mit ihrer neuen familiensituation besser zurecht zu kommen. denn: die scheidungssituation ist für kinder „soziales dynamit“. für sie setzt sich ein teufelskreis in gang: trennen sich die eltern, so fühlen sich die kinder nicht mehr gemocht, ihr selbstwertgefühl wird verletzt, und die kinder beginnen an sich selbst zu zweifeln. in der folge reagieren sie mit angstzuständen, schulschwierigkeiten, aggressivität und wut oder es kommt zur inneren emigration bzw. regression. jüngere kinder fühlen sich oft für die scheidung verantwortlich und entwickeln schuldgefühle.

so reagieren 5- bis 7jährige – aufgrund ihrer regen phantasie – auf ein scheidung mit selbstvorwürfen: „weil ich vorlaut war, lassen sich mein eltern scheiden.“ oder: „weil ich eine schlechte note bekommen habe, geht mein vater jetzt weg“. jährlich sind rund 17.000 kinder österreichweit von einer scheidung betroffen, insgesamt dürften es rund 400.000 kinder sein, deren eltern geschieden sind. in dieser schwierigen zeit brauchen die kinder besonders viel zuwendung und unterstützung. da aber die eltern selbst im zuge ihrer scheidung eine schwere krise durchmachen, bleibt den kindern dies vorbehalten. die folgen sind somit vorprogrammiert.

„rainbows – für kinder in stürmischen zeiten“ wurde 1983 von suzy yehl marta nach ihrer eigenen scheidung in chicago gegründet. der verein soll professionelle hilfe für scheidungskinder bieten. vom konzept her ist rainbows ein gruppenpädagogischer ansatz. die kinder treffen sich in kleinen gruppen über ein halbes jahr hinweg. ziel ist es, neben dem kennenlernen anderer vergleichbarer familiensituationen, möglichkeit zu schaffen, wie sich kinder durch gespräche, (rollen-) spiele und kreative ausdrucksformen mit ihrer familiensituation auseinandersetzen können. rainbows unterstützt die kinder, die elterliche scheidung/trennung oder den tode eines elternteils verstehen zu lernen, um schuldgefühlen entgegenzuwirken und eine realistische einschätzung der eigenen situation zu entwickeln (versöhnungsphantasien abbauen, zukunftsperspektiven entwerfen…). wichtig ist für die kinder vor allem, daß sie merken, daß sie nicht alleine sind. in der gruppe finden sie nicht nur ansprechpartner, sondern lernen auch voneinander mit ihrer schweren situation umzugehen. bisher sind weltweit über 500.000 kinder und jugendliche von rainbows begleitet worden, in 47 bundesstaaten der usa und neun anderen ländern weltweit. als erstes deutschsprachiges land ist auch österreich seit fünf jahren mit dabei: der gemeinnützige bundesverein mit sitz in graz hat auch in jeden einzelnen bundesland koordinationsstellen eingerichtet.

 

zu ehren freuds

vor 25 jahren wurde in der berggasse 19 in wien das sigmund-freud-museum eröffnet. freuds tochter anna hatte zuvor im jahre 1968 mit einer schenkung den entscheidenden impuls für die schaffung des museums gegeben. seither führt die sigmund-freud-gesellschaft, zu deren gründungsmitgliedern bundespräsident thomas klestil zählt, als privater verein das museum als gedenkstätte und wissenschaftliche forschungsstelle, die leben und werk des begründers der psychoanalyse in der öffentlichkeit bekanntmachen soll. mit privaten spenden und öffentlicher unterstützung gelang es, die frühere wohnung und praxis freuds schritt für schritt zu adaptieren und für interessierte besucher aus aller welt zu öffnen. in den letzten jahren besuchten jährlich fast 40.000 gäste das museum, nutzten hunderte studenten und wissenschaftler die größte fachbibliothek zur psychoanalyse auf dem kontinent. der letzte schritt zur vollständigen öffnung der ehemaligen wirkungsstätte freuds war die umgestaltung des bisher kaum genutzten teils seiner ehemaligen privatwohnung zu einem multifunktionalen veranstaltungs- und ausstellungssaal. die umbauarbeiten sind heuer abgeschlossen.

neben der kontinuierlichen wissenschaftlichen arbeit im bereich der psychoanalyse hat die sigmund-freud-gesellschaft seit 1996 im veranstaltungs- und ausstellungsbereich drei arbeitsschwerpunkte gesetzt, die die wissenschaftliche zielrichtung und das veranstaltungsprogramm bestimmen: 1. psychoanalyse und wissenschaftstheorie/wissenschaftsgeschichte, 2. psychoanalyse und musik und 3. psychoanalyse und geistes- und sozialwissenschaften. für herbst 1997 ist eine veranstaltungsreihe mit dem arbeitstitel „sigmund freud und wien“ geplant, in der das verhältnis freuds zu prominenten persönlichkeiten aus dem kultur- und geistesleben wiens referiert und diskutiert werden soll. 1998 wird eine ausstellung mit ausgewählten stücken aus der antikensammlung freuds in zusammenarbeit mit dem freud-museum london präsentiert. im vorfeld soll ein zweitägiges symposium zu ehren von emanuel löwy, dem bedeutendsten österreichischen archäologen der ersten hälfte des 20. jahrhunderts, und seinem wissenschaftlichen einfluß auf freud abgehalten werden.
die sigmund-freud-gesellschaft gibt viermal jährlich einen newsletter an ihre mitglieder
heraus. darüber hinaus wird ab heuer unter dem arbeitstitel „arbeiten zur psychoanalyse“ ein jahrbuch publiziert, in dem die vorträge der veranstaltungen des jahres sowie andere beiträge zur psychoanalyse publiziert werden.

 

telefonseelsorge: dienst rund um die uhr

oft geht es nur darum, sich einmal aussprechen zu können. jemanden zu haben, der zuhört, ohne zu urteilen, ohne zu kritisieren. telefonseelsorge (ts) ist eine weltweite serviceeinrichtung für menschen, die sich belastet, nicht angenommen oder verlassen fühlen, die mit ihrem partner, ihrer familie probleme haben, seelisch oder körperlich krank sind. einsamkeit und orientierungslosigkeit, massive selbstwertzweifel, ausweglosigkeit und selbstmordabsichten lassen viele menschen noch zum hörer greifen, als letzten rettungsanker. 1996 waren es rund 7000 anrufe, die die grazer telefonseelsorge verzeichnet hat. „80 prozent der anrufe werden von frauen getätigt“, berichtet franz weritsch, psychotherapeut und leiter der ts. die hälfte aller anrufe kamen zwischen 16 und 24 uhr herein, 13 prozent nach mitternacht. „an donnerstagen klingelte es am häufigsten“.

die inhalte der anrufe wurden in drei problemkreise unterteilt: umfangreichster problembereich waren die themen partnerschaft, ehe und familie: die frage nach der wahl des richtigen partners bzw. aus der wahl entstandene zweifel sind oft inhalt des gesprächs mit jungen menschen“, berichtet weritsch. auseinanderleben, sprachlosigkeit, streit, schwierigkeiten mit verwandten sowie die ablösung der kinder von den eltern sind darüber hinaus zentrale gesprächsthemen. beim problemberich „persönliche lebenssituation“ bestimmten psychische und körperliche krankheiten, einsamkeit, sucht und geringes selbstwertgefühl die beratungsgespräche. 781 eintragungen in sozialen problemfeldern zeigen, daß auch über themen wie arbeitslosigkeit und finanzielle not gesprochen wird, die ts aber nicht als problemlöser in diesem bereich angesehen wird. allerdings versuchen die mitarbeiterinnen in jedem fall eine jeweils zuständige fachberatungsstelle zu vermitteln. abgesehen vom telefondienst sind jedoch auch persönliche gespräche und therapie möglich.

im deutschen sprachraum waren es die kirchen, die in den fünfziger jahren begonnen haben, diesen dienst – offen für alle und alles – anzubieten. in der grazer telefonseelsorge arbeiten mittlerweile 55 ehrenamtliche mitarbeiterinnen und drei hauptamtliche psychotherapeutinnen, die sich der 1994 in jerusalem neu verlautbarten internationalen charta verpflichtet fühlen. grundsätzlicher respekt vor den anrufenden menschen und der verzicht, politischen, religiösen, weltanschaulichen druck auszuüben, sind neben sachgerechter hilfe die kernpunkte dieser übereinkunft. garantiert sind anonymität und verschwiegenheit. die freiwilligen mitarbeiterinnen der telefonseelsorge haben zwar eine entsprechende kurzausbildung absolviert, sind aber keine psychotherapeuten. 1998 beginnt wieder ein ausbildung zum/r freiwilligen ts-mitarbeiterin. auswahlgespräche werden bereits im juni stattfinden. info & anmeldung: tel: (0316) 68 63 50. notruftelefon rund um die uhr: (0316) 1770.

 

österreichischer berufsverband: supervision und coaching

der österreichische berufsverband für supervision und coaching, kurz öbs, ist ein 1985 gegründeter verband für psychosoziale beratung und supervision. er vertritt personen, die in ausbildung zu integrativen supervisorinnen stehen oder diese bzw. eine andere vergleichbare ausbildung abgeschlossen haben. die ausbildung zum /zur integrativen supervisorin entspricht den derzeitigen europäischen standards. „eine neue variante von supervision begegnet uns heute im coaching“, erklärt ausbildungsleiterin astrid schreyögg in der öbs-broschüre. coaching ist beratung von menschen in führungspositionen. seine primäre funktion besteht in der personalentwicklung. coaching zentriert sich in erster linie auf die auseinandersetzung mit management-funktionen, -rollen und -kompetenzen. supervision findet heute aber noch in vielen anderen bereichen ihre anwendung. ob als teamsupervision, in der wirtschaft, der sozialarbeit, im krankenhaus, in der kirche oder in der erwachsenenbildung. der öbs hilft und berät bei fragen rund um das thema supervision, bietet seine mitarbeit bei konzepten, organisation und durchführung von weiterbildungen an und er vermittelt supervisorinnen auf anfrage. weitere informationen bei eva maria melchart, universumstraße 23/53, a-1200 wien.

 

IN: INTRA 32 – ZEITLUPE,1997