Intra 33 – „Zeitlupe“, 1997

„pubertät: ein balanceakt!“

die pubertät ist für jugendliche wie deren eltern eine zeit schwieriger herausforderungen: das unabhängigkeitsstreben der jugendlichen und der weiterbestand von elterlichen grenzen müssen in der pubertät unter „einen hut gebracht werden“. einerseits brauchen jugendliche freiräume, um sich zu entwickeln, andererseits soll dies aber nicht grenzenlose freiheit bedeuten. die richtige balance wird oft erst durch das zulassen von streit und konflikten erreicht. eltern tun den jugendlichen keinen gefallen, wenn sie aus einem harmoniebestreben heraus versuchen, konflikte um jeden preis zu vermeiden. die elterliche erziehung wird dann von den jugendlichen positiv erlebt, wenn ihre interessensäußerungen von den eltern respektiert, ihre freiheitsspielräume nicht zu sehr eingeengt werden und nur selten auf strafen zurückgegriffen wird. zu diesen ergebnissen kommt eine qualitative untersuchung des österreichischen institutes für familienforschung.
die eltern von heute bemühen sich um diese balance zwischen grenzen und freiräumen. einmal mit den jugendlichen ausgehandelte grenzen sind verbindlich. auf die einhaltung wird von den eltern viel wert gelegt. dennoch werden im erleben der jugendlichen diese grenzen mitunter aus dem blickwinkel der kontrolle wahrgenommen, wohingegen für die eltern vor allem die sicherheit des eigenen kindes im vordergrund steht.
gerade in der pubertät, die eine zeit der neugier, des experimentierens und der erprobung, aber auch eine zeit der auflehnung ist, haben eltern angst, daß jugendliche bei ihrer suche nach halt und orientierung in falsche kreise geraten. eine vielfalt an werten, normen und verhaltensweisen sowie die schnellebigkeit unserer zeit machen eine orientierung extrem schwierig. die ängste der eltern vor extremen gruppierungen, wie beispielsweise rechtsradikalen gruppen oder sektenähnlichen organisationen sind zum teil massiv, aber entsprechen nicht dem maß der realen gefahr. ein falsch verstandener familiärer zusammenhalt, zu wenig orientierung nach außen, falsche rollenzuschreibungen, beziehungsprobleme der partner oder zusätzliche streßfaktoren, wie ein hausbau, erschweren das alltägliche zusammenleben.
zusammenhalt in der familie bedeutet nicht, daß keine konflikte oder individuelle wünsche und bedürfnisse geäußert und gelebt werden dürfen. konstruktive auseinandersetzungen, die die chance beinhalten, neue rollen, positionen sowie einen veränderten umgang des miteinander auszuhandeln, sind für die identitätsfindung der jugendlichen notwendig und wichtig.
ist das familiensystem sehr eng, verhindert dies die außenorientierung. der auf- und ausbau außerfamiliärer beziehungen wird erschwert; dies ist vor allem bei jugendlichen, bei denen die gleichaltrigen freunde und freundinnen einen unverzichtbaren beitrag zur entwicklung und sozialisation leisten, problematisch.
gerade in der pubertät ist es wichtig, daß jugendliche nicht zu „ersatzpartnern“ werden und eltern nicht zu „ersatzgeschwistern“. werden jugendliche an die stelle des erwachsenen partners gestellt, können eltern nicht im ausreichenden maß loslassen bzw. können jugendliche nicht die notwendigen selbstbestimmungswünsche artikulieren.
beziehungsprobleme und konflikte zwischen den partnern, die nicht direkt miteinander ausgetragen werden, sondern über die jugendlichen, behindern deren ablösung. versucht jeder der beiden elternteile, den jugendlichen für sich zu gewinnen, kann es zu loyalitätskonflikten kommen – die jugendlichen fühlen sich für die zwistigkeiten bzw. für den fortbestand der elternbeziehung verantwortlich.
die pubertät eines kindes erfordert sowohl von den jugendlichen als auch von den eltern umorientierungen. diese anpassungsleistungen brauchen zeit und energie. haben familien zusätzliche kritische life-events wie z.b. aufbau einer neuen partnerbeziehung, arbeitslosigkeit etc. zu bewältigen, die von jedem einzelnen in der familie viel energie erfordern, besteht die gefahr, daß die herausforderungen der pubertät nicht entsprechend wahrgenommen werden können.
weitere informationen bei mag. martina beham, österreichisches institut für familienforschung (öif), tel: +43/+222/535-14-54. die studie erscheint im herbst in der materialiensamlung des öif.

 

„mototherapie: heilsame bewegung“

seit oktober 1996 gibt es in graz einen berufsbegleitenden weiterbildungslehrgang zum/r mototherapeutin, der speziell für interessenten aus dem psychosozial-therapeutischen bereich konzipiert wurde. träger dieser weiterbildungsmaßnahme ist die gesellschaft für motopädagogik, mototherapie psychomotorik (mmp) mit sitz in graz. mmp versteht sich als eine bewegungsorientierte methode zur prophylaxe und therapie von kindern und jugendlichen, die primär in ihrer wahrnehmungs- und bewegungsfunktion und -leistung und als folge davon in ihrem psychischen verhalten gestört oder von störungen bedroht sind. mmp ist ein ganzheitlicher ansatz, das heißt das zusammenwirken von geist, psyche und körper steht im vordergrund. der weiterbildungslehrgang mmp umfaßt daher körperorientierte, bewegungstherapeutische, kognitive und emotionelle verfahren. ganzheitlich soll aber auch bedeuten, „traditionelle“ und „alternative“ methoden aufzugreifen und zu verknüpfen. dabei werden die neuesten kenntnisse aus medizin, psychologie und pädagogik berücksichtigt. neurologische und entwicklungspsychologische konzepte (bobath, ayres, piaget) belegen die bedeutung sensomotorischer erfahrungen für die kognitive, soziale und emotionale entwicklung des menschen, gerade in der frühen kindheit. eggert zeigt auf, daß wahrnehmungs- und bewegungsangebote entscheidend an der herausbildung von sozialen kompetenzen des selbstbildes und des selbstwertes beteiligt sind. die zielsetzung von mmp besteht darin, daß entwicklungsorientierte und entwicklungsfördernde hilfen angeboten werden, welche bewegungs-, wahrnehmungs- und kommunikationsdefizite kompensieren helfen, sowie die orientierungs- und handlungsfähigkeit jedes einzelnen unterstützen und festigen. mmp soll somit eine aktive und präventive hilfe zur bewegungserziehung und auch zur persönlichkeitsentfaltung darstellen. der weiterbildungslehrgang entspricht den erfordernissen in der kinder- und jugendarbeit. zusätzliche aspekte ergeben sich bei überlegungen zu einer ökologischen gesundheitsförderung: zugang zum eigenen körper, selbstwertgefühl, sinneserfahrungen, persönlichkeitsbildung, soziale beziehungen, konfliktfähigkeit. ziel der ausbildung ist eine vernetzung von theorie und der beruflichen praxis der lehrgangsteilnehmerinnen. der lehrgang erstreckt sich über 4 semester und beginnt jeweils im oktober eines jahres. die veranstaltungen finden vorwiegend an wochenenden und in blockwochen statt. als aufnahmekriterien gelten eine abgeschlossene berufsausbildung im psychosozialen bereich sowie berufserfahrung von mindestens drei jahren. die lehrgangsteilnehmerinnen müssen 150 stunden praktische arbeit nachweisen, die supervisionspflichtig sind. insgesamt umfaßt der lehrgang 1050 unterrichtseinheiten und entspricht damit den geplanten eu-normen.
info & anmeldung: gesellschaft für motopädagogik, mototherapie psychomotorik (mmp), wienerstraße 148, a-8020 graz. tel: +43/316/682596-79 oder bei christine fuchsbichler, tel & fax: +43/316/916689.

 

„vermitteln im streit“

mediation in familiensachen ist auch in österreich ein thema, das bei den mit trennung und scheidung befaßten berufsgruppen interesse und in den zuständigen ministerien aufmerksamkeit, unterstützung und kompetente begleitung gefunden hat. auch bei den von trennung und scheidung persönlich betroffenen ist das bedürfnis nach alternativen lösungsansätzen zur konfliktbewältigung spürbar gewachsen. seit drei jahren bietet das salzburger institut für mediation und trennungsberatung (simt) hier eine kompetente anlaufstelle.
zwei bereiche stehen an oberster stelle: einmal der bereich der fort- und weiterbildung in mediation und angrenzenden bereichen, und zum anderen die direkte arbeit mit menschen, die in konfliktsituationen die verantwortung für die regelung des konfliktes behalten wollen und eine einvernehmliche lösung anstreben. dabei kann es sich um konflikte in den verschiedensten lebensbereichen handeln, also nicht nur trennung oder scheidung vom lebenspartner, sondern auch nachbarschaftsprobleme, erbstreitereien oder konflikte im schulbereich (zwischen eltern, lehrern, schülern).
in zusammenarbeit mit dem institut für mediation und scheidungsberatung (ims) münchen wird seit herbst 1995 auch in österreich eine berufsbegleitende, interdisziplinäre mediatoren-ausbildung angeboten. die etwa zweijährige ausbildung stellt sowohl die psychologischen als auch die materiellen aspekt von trennung und scheidung in den mittelpunkt. deshalb werden gründliche kenntnisse von trennungs- und scheidungsberatung und die grundlagen des familien-, steuer- und sozialrechts vermittelt. das konzept basiert auf erfahrungen und materialien amerikanischer mediationsspezialisten wie john m. haynes, gary friedman und jack himmelstein. parallel zur ausbildung in den seminaren sind die arbeit mit eigenen fällen und supervision wichtige bestandteile. zusätzlich zu dieser ausbildung bietet das simt ein umfangreiches jahresprogramm mit fortbildungsangeboten zu unterschiedlichen schwerpunkten rund um krisen, konflikten und trennungen.
info: salzburger institut für mediation und trennungsberatung (simt), gottfried graf, getreidegasse 16/iv, a-5020 salzburg. tel: +43/662/842205, fax: +43/662/846461.

 

„pflicht zur entschleunigung“

„zeit ist geld“ – unter diesem motto hetzen allerorts die menschen immer schneller von termin zu termin, von freizeitvergnügen zu verpflichtungen. selbst kleinkinder sind vom zeitstreß nicht verschont geblieben. um dieser dynamik entgegenzutreten, hat peter heintel, seines zeichens philosophieprofessor an der universität klagenfurt, vor rund sieben jahren bereits den verein „tempus“, verein zur verzögerung der zeit“, ins leben gerufen. ziel ist nicht nur die forschung und verbreitung neuester und „alter“ erkenntnisse zum thema zeit und dem umgang mit selbiger, sondern es werden auch laufend symposien, workshops und vorträge veranstaltet und bewußtseinsarbeit betrieben. der verein, der mittlerweile über 700 mitglieder in österreich, deutschland und der schweiz zählt, tritt für ein leisertreten in unserer schnellebigen gesellschaft ein. sich wieder zeit nehmen zum nichtstun, zum nachdenken, aber auch für andere menschen – das sind die erklärten ziele des vereines. die mitglieder verpflichten sich laut statuten zur „entschleunigung“, zum innehalten und „zum nachdenken dort, wo blinder aktivismus und partikulares interesse scheinlösungen produzieren.“
info: tempus, verein zur verzögerung der zeit, sterneckstraße 15, a-9010 klagenfurt. tel: +43/463/2700-742, fax: +43/463/2700-759.

 

IN: INTRA 33, ZEITLUPE, 1997