Intra 34 – „Zeitlupe“, 1997

„kritische dialoge…“

seit nunmehr 28 jahren findet alljährlich im oktober das integrative seminar für psychotherapie in bad gleichenberg/ steiermark statt. für manch einen gehört diese woche abseits vom alltag inmitten einer wunderschönen landschaft schon zum beruflichen wie persönlichen standard. 306 teilnehmerinnen aus verschiedenen ländern haben sich auch heuer wieder im tagungszentrum eingefunden. angehende und praktizierende psychologinnen und psychotherapeutinnen, aber auch medizinerinnen, lehrerinnen und sozialarbeiterinnen machen den grossteil der besucher aus.
seit 1974 mit von der partie ist auch dr. nancy amendt-lyon, freiberufliche psychotherapeutin, lehrbeauftragte im öagg und an der uni bremen. sie hat diesmal recht sangesfreudig die seminarwoche eröffnet, und ihre durchaus humorvolle begrüssung soll unseren leserinnen nicht vorenthalten werden. hat sie doch eine schnelle (nicht bierernst zu nehmende) umfrage vor den eröffnungsvorträgen durchgeführt – zum derzeit in österreich heiss diskutierten thema: wohin mit einem möglichen psychotherapiestudium? die antworten können sich sehen lassen: meinten doch beispielsweise 15 % der befragten, ein solches studium wäre am besten innerhalb der zahnheilkunde aufgehoben, da sich zahnärzte ohnehin durch ihre besondere empathie auszeichneten.
10 % würden ein psychotherapiestudium im fach gynäkologie ansiedeln, da fraünärzte/innen ohnehin schon in die intimsten bereiche zumindest der fraün vordringen. die gerichtsmedizin wäre 9 % willkommen, aufgrund der vorherrschenden „totsicheren“ diagnosen. 12 % plädieren für das fach anästhesiologie, da speziell bei panikattacken eine gezielte ruhigstellung sinnvoll wäre. ein eingliederung in die pathologie (7%) könnte dagegen auch den pathologen „endlich zu einem dialog mit ihren patienten“ verhelfen…
der psychiater und lehranalytiker dr. august ruhs konterte den kritischen, aber doch humorvollen beitrag mit seiner sicht der dinge: dass nämlich die psychotherapeuten heutzutage ein eher geringes prestige genössen – was er vor allem auf das propädeutikum zurückführt, das in der derzeitigen form keineswegs ein intensives grundstudium ersetze. als bestandteil einer umfassenden heilkunde wäre ein psychotherapiestudium daher im rahmen der medizinischen fakultät am besten aufgehoben – vor allem, da die medizin immer mehr zum handlanger der pharmaindustrie abrutsche und sich dadurch ihrer aufgaben wieder bewusst werden könnte…
auch dr. willi butollo von der uni münchen sparte in seinem nachfolgenden vortrag nicht mit kritischen rundumschlägen. der verhaltens- und gestalttherapeut hatte schon anfang der 80er jahre begonnen, sich mit den verschiedensten therapierichtungen auseinanderzusetzen und aus allen therapieschulen „das beste herauszuholen“ – sprich, sich einem integrativen ansatz zuzuwenden. was ihn seiner aussage nach heftigster kritik ausgesetzt hat, denn „therapieschulen fühlen sich alle für alles zuständig und lassen sich nicht gerne eingrenzen“; eine kombination impliziere jedoch grenzen für die einzelnen richtungen. eine untersuchung in bayern hätte jedoch gezeigt, dass viele psychotherapeuten ohnehin mehrere ausbildungen in verschiedenen therapierichtungen absolvierten und im laufe ihrer beruflichen tätigkeit automatisch mit methodenkombinationen arbeiteten. auch würden bei der überprüfung der wirksamkeit einer therapie den unspezifische wirkfaktoren, wie die differentielle passung von patient und therapeut, und aussertherapeutischen veränderungen viel zu wenig bedeutung eingeräumt. die therapieforschung konzentriere sich vorrangig auf techniken und effekte, die jedoch „nur einen kleinen teil des kuchens ausmachen“…
nach diesem anregenden start mit massenweise diskussionsmaterial wurde schliesslich die arbeit in den 24 kleingruppen der 28. psychotherapiewoche in bad gleichenberg aufgenommen…
infos zur alljährlichen psychotherapiewoche bei: maria neumeister, aünbruggerplatz 39, postfach 25, a-8036 graz. tel.: +43/316/385-2292. fax: +43/316/385-3155.

 

„immer brutaler, immer jünger?“

19 schulpsychologinnen sind derzeit in der abteilung schulpsychologie-bildungsberatung beim landesschulrat für steiermark beschäftigt. sie betreuen steiermarkweit die insgesamt 12 schulpsychologischen beratungsstellen, die gebietsmässig so aufgeteilt sind, dass jede schulpsychologin für ca. 8.500 kinder (!) samt eltern und schulen zuständig ist – was eine längerfristige einzelfallberatung derzeit beinahe ausschliesst.
wie der jahresbericht 1996/97 zeigte, gingen steiermarkweit auch heuer wieder die meisten anmeldungen zu schulpsychologischen beratungen von den schulen aus (45,6%). beinahe 40 % der anmeldungen kamen jedoch von den eltern – innerhalb der letzten sechs jahre haben mehr und mehr eltern die initiative zu einer beratung ergriffen. eine über viele jahre feste grösse stellt der prozentuelle anteil von buben und mädchen dar: knapp zwei drittel der untersuchten kinder sind männlich, nur ein drittel sind mädchen. die grösste gruppe der untersuchten kinder sind die volksschülerinnen
(55,8 %). zusammen mit den kindergartenkindern (12,5 %) stellen sie mit über zwei drittel aller beratungen den weitaus grössten teil der arbeit. – gezielte beratungen von eltern und lehrerinnen sind hier besonders wichtig, da dabei oft die weichen für die zukunft gestellt werden.
insgesamt werden die meisten beratungen bei lernschwierigkeiten und verhaltensauffälligkeiten in anspruch genommen. auch das thema „schulreife“ birgt traditionsgemäss viele fragen in sich.
der trend der letzten jahre zu mehrmaligen beratungen hielt auch im vergangenen jahr an – das bedürfnis nach einer intensiveren psychologischen begleitung und unterstützung scheint deutlich zu wachsen.
ein wesentlicher bereich schulpsychologischer tätigkeit ist die arbeit mit kindern, „deren persönlichkeitsentwicklung aus verschiedenen gründen nicht störungsfrei verläuft und die infolgedessen schwierigkeiten haben, ein angemessenes sozialverhalten zu entwickeln“. vor allem jungen reagieren auf die daraus entstehenden konflikte mit aggressionen nach aussen, während mädchen diese impulse meist eher gegen sich selbst richten, damit weniger auffallen und deswegen oft in ihren nöten nicht immer wahrgenommen werden. nach ansicht der schulpsychologinnen richtet sich die allgemeine aufmerksamkeit vor allem auf jene, die ihre probleme unübersehbar nach aussen tragen, was dazu führe, dass regelmässig behauptet wird, unsere schülerinnen würden immer auffälliger und aggressiver. demgegenüber ist der prozentsatz der anmeldungen von kindern mit störungen im sozialverhalten allerdings seit jahren äusserst stabil. auffallend sei jedoch, so dr. josef zollneritsch, leiter der abteilung schulpsychologie-bildungsberatung, dass „verbale gewalt stark im vormarsch ist und im gegensatz zu früher gewaltphänomene mitunter intensiver ausgeprägt sind; vor allem das alter, in dem sie erstmals auftreten, verlagert sich nach unten, teils sogar in das kindergartenalter“. auch ist im städtischen bereich eine höhere auftretenswahrscheinlichkeit von gewalt unter schülern gegeben. gesellschaftliche randgruppen, sonder-, haupt- und berufsschülerinnen sind dabei am stärksten betroffen. „täter sind oft auch opfer“ – laut zollneritsch „prädestiniert gewaltbereitschaft dazu, auch opfer zu werden“. und: immer mehr kinder haben niemanden, der sich für sie zeit nimmt – dadurch steige bei ihnen die gewaltneigung. auch räumliche gegebenheiten einer schule können gewaltfördernd wirken. nicht zuletzt bedingt der steigende fernsehkonsum, dass massive gewalt mehr und mehr als normale, ja einzige form der konfliktlösung gesehen wird.
als präventionsmassnahmen sehen die steirischen schulpsychologinnen u.a. eine schüler- und lehrergerechte ausstattung der klassenräume, das vorhandensein von klaren strukturen und verbindlichen regeln im unterricht, gezielte sozialerziehung und erarbeitung von konfliktlösungsmodellen.
info: abteilung schulpsychologie-bildungsberatung, landesschulrat für steiermark, körblergasse 23, a-8015 graz. tel.: +43/316/345-199 oder 1104.
fax: +43/+316/345-72.

 

„hilfe für autistische menschen“

rund 3.200 menschen in österreich leben mit einer autistischen behinderung.
da die betreuung dieser menschen aufgrund ihrer extremen zurückgezogenheit und ihrem ausgeprägten wunsch nach einer möglichst unveränderten umwelt für familienangehörige oft sehr schwierig ist, landen viele autisten oft als unheilbar in einer anstalt.
1979 wurde der verein österreichische autistenhilfe ins leben gerufen, um verstärkt therapie- und förderungsmöglichkeiten für menschen mit autistischer behinderung auf- und ausbaün zu können. denn auch wenn derzeit eine vollständige heilung nicht möglich ist, kann autisten durch früherkennung und entsprechende therapieangebote doch geholfen werden. und damit bleibt vielen die einweisung in psychiatrische anstalten erspart.
die psychologin mag. eva schneider, generalsekretärin des vereines, bietet seit einiger zeit auch reittherapien für autistische kinder an, die grossen erfolg versprechen: „die kinder lernen hier, ihre kontaktscheu und die angst vor körperlicher nähe abzubauen“. für erwachsene wurden betreute wohngemeinschaften geschaffen, innerhalb derer sie jene verhaltensweisen erlernen können, die für ein soziales leben nötig sind.
wichtige aufgaben des vereines sind weiters aufklärungsarbeit in kindergärten und schulen, aber auch die förderung von integrationsklassen. seit einigen jahren werden autistische kinder in schulklassen mit nichtbehinderten kindern zusammengebracht – und das ebenfalls mit erfolg.
info: österreichische autistenhilfe , esslinggasse 13, a-1010 wien.
tel.: +43/222/5339666.

 

IN: INTRA, ZEITLUPE 34,1997