INTRA – Österreichbeiträge Jänner 1998

Österreich: Hans Hoff-Symposium: Über die Zukunft der Psychiatrie

Die Psychiatrie steht heute vor völlig neuen Aufgaben: „Werden wir gerüstet sein für das nächste Jahrtausend? Wissen wir, was uns erwartet? Angesichts von so bedrohlichen Entwicklungen wie Zunahme der Weltbevölkerung, zunehmender Hunger, Verknappung des Trinkwassers und zunehmende Dauerarbeitslosigkeit? Werden die Bemühungen um Rehabilitation von psychische Beeinträchtigten in Frage gestellt? Wird sich angesichts dieser Bedrohung noch jemand um einen Menschen kümmern, der halluziniert oder Wahnideen folgt, wenn alle verzagt, ängstlich und verzweifelt sind?“
Mit diesen Fragen eröffnete Prof. Hans Georg Zapotoczky, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz, Ende des Vorjahres ein zweitägiges Symposium, das sich mit den Entwicklungen der Psychiatrie im nächsten Jahrtausend befaßte. Anlaß war der 100. Geburtstag des großen österreichischen Psychiaters und Psychoanalytikers Hans Hoff (1897-1969), der nicht nur als Vorreiter der Sozialpsychiatrie gilt, sondern auch viel zur Einführung psychotherapeutischer Methoden in den Krankenhäusern beigetragen hatte. Dank seiner Hilfe wurde die Gruppentherapie etabliert; von Ernst Moreno übernahm er das Psychodrama-Konzept an die Wiener Klinik. Gemeinsam mit Erwin Ringel wurde erstmals eine Station für psychosomatisch Kranke eingerichtet und ein Telefonnotrufdienst für selbstmordgefährdete Menschen gegründet, aus dem sich später die Institution für Krisenintervention entwickelte. 1960/61 entstand in Maria Lanzendorf eine erste Rehabilitationsstation für Schizophrene. Gemeinsam mit anderen baute Hans Hoff schließlich einen psychologisch-diagnostischen Dienst auf. Dank seiner ganzheitlichen Sichtweise, die nicht nur biologische, psychologische und soziologische Aspekte umfaßte, habe Hoffe uns beigebracht, das Spannungsfeld von gesellschaftlichen Ereignissen und medizinischem Fortschritt zu beachten, betonte Zapozoczky. Die beste Ausgangsbasis für einen Blick ins nächste Jahrtausend…
Mit den konkreten Veränderungen und Zukunftsaspekten der Psychiatrie im Spannungsfeld gesamtgesellschaftlicher Probleme beschäftigte sich Norman Sartorius: Während Europa mit gewaltigen Veränderungen durch ein geöffnetes Osteuropa zu kämpfen habe, entstünden in Ostasien neue Entwicklungszentren. Afrika und Südamerika schlitterten in eine Krise, die Anzahl der Psychiater habe sich drastisch verkleinert. Allgemein gingen die Veränderungen immer stärker in Richtung „kurzfristig, ökonomisch, rücksichtslos“. Vor allem in Osteuropa diagnostizierte Sartorius eine zunehmende „Dezivilisation“, wobei er damit die Ablehnung einer Gesellschaft bezeichnet, sich um die Schwächsten in ihrer Mitte zu kümmern.
Auch in der Medizin gäbe es gewaltige Veränderungen: Der technische Fortschritt sei zwar enorm, „aber die Kosten explodieren und die Grundversorgung leidet“. Die Rechte der Gesellschaft verlagerten sich mehr und mehr zu Rechten des Individuums, was nicht immer von Vorteil sei. Und während einige Krankheiten von der Medizin besiegt worden sind, seien wieder neue, schwerwiegende Krankheiten aufgetaucht, wie Ebola, HIV, Kechuan, Lassa oder das Mississippi Fever. Die Zukunftsprognosen des Genfer Experten: „Die Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern in der psychiatrishen Versorgung werden weiter wachsen; es werden neue Bereiche, wie Kinder und Katastrophenpsychiatrie, entstehen, und es wird zu einer weiteren Dezentralisierung – geographisch wie inhaltlich – bei der Betreuung psychisch Kranker kommen.“ Neue Berufe werden entstehen und die interprofessionelle Rivalität werde steigen… Somit zeichnen sich auch die Herausforderungen für die nächsten Jahre ab: „Verringerung des Stigmas von Patienten und Psychiater, Förderung von Toleranz gegenüber dem Anders-Sein, Förderung der Anschauung, daß Gesundheit keine Ware ist, Klarheit über Grenzen und Kompetenzen der Psychiatrie, Vereinfachung psychiatrischer Interventionen, damit Qualitätskontrollen möglich werden“.
Ein düsteres Bild entwarf der Bevölkerungswissenschaftler Josef Schmid: Seine Prognosen über ein nicht aufzuhaltendes Wachstum der Weltbevölkerung auf bis zu 10 Milliarden, verdeutlichen die Vernetzung und Dynamik solcher Entwicklungen. Während die Bevölkerungszahl in Europa sinkt und die geriatrischen Probleme aufgrund der Überalterung überhand nehmen, stehen die südlichen Länder vor neuen medizinischen Problemen: Die Bevölkerungszahlen exlodieren, das Trinkwasser wird knapp, Mangelernährung, Rauschgiftsucht und daraus resultierende Folgeschäden sowie HIV werden die Mediziner verstärkt beschäftigen. „Der Norden wird keine Wohlstandsinsel bleiben!“, warnte Schmid.
Eine Überfülle an Informationen, der rasante technische Fortschritt, die steigende Mobiliät, der wirtschaftliche Leistungsdruck und die zunehmende „seelische Verwahrlosung in der Kindheit“ sind in Europa heute die Problemfelder der Psychiatrie. „Depressionen, narzißtische Störungen, Borderline-Syndrome sind typisch für unsere Zeit“, so Zapotoczky. Als eine wesentliche Ursache dafür orten die Experten den Zusammenbruch sozialer Netze und mangelnde Kommunikation: „Es ist wichtig, Dialoge zu führen und die Kooperation untereinander zu verbessern“ – Über 20 ReferentInnen und an die 150 TeilnehmerInnen
haben sich bei diesem zweitägigen Symposium in Graz mit Erfolg darum bemüht.
Info: Die Referate dieses Symposiums sind in den ersten zwei Ausgaben der Zeitschrift „Psychopraxis“, die als Fortführung der einstigen, von Hans Hoff gegründeten „Wiener Zeitschrift für Nervenheilkunde und deren Grenzgebieete“ gedacht ist, enthalten. Zu bestellen unter Tel.: +43/316/385-3612 oder 2541, Fax: +43/316/385-3556.

 

ÖIF-Studie: „Schätze heben“

Ein interessantes Projekt hat das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) in Wien seit dem Vorjahr laufen: „Schätze heben“ nennt sich die Untersuchung, mittels der das gesammelte Wissen aus der täglichen Berufspraxis geortet werden soll.
BeraterInnen und PsychotherapeutInnen verfügen über ein großes gewachsenes Wissenspotential und Problembewußtsein für Krisenfälle und Problemzonen, und sie haben vielfältige Erfahrungen mit geglückten wie gescheitereten Bewältigungsstrategien und deren Rahmenbedungungen gesammelt. „Schätze heben“ soll mit Hilfe qualitativer Methoden einen ersten Schritt zur Hebung dieser Erfahrungsschätze der BeraterInnen und PsychotherapeutInnen leisten.
Das Projekt wurde vor einem Jahr gestartet und befindet sich nun in der Auswertungsphase Nach einer Voruntersuchung wurden in einem qualitativen Forschungsdesign leitfadengestützte Tiefeninterviews mit BeraterInnen bzw. PsychologInnen durchgeführt, die mindestens seit 15 Jahren in freier Praxis oder an Familienberatungsstellen tätig sind. Die Stichprobenauswahl erfolgte nach dem „theoretical sampling“, d.h. prozeßorientiert anhand der in den Interviews neu auftauchenden Themen und Fragestellungen. Gearbeitet wurde u.a. mit folgenden Hypothesen: – Der Verlust der traditionellen Identitäts- und Werteschablonen hat dazu geführt, daß aus Normalbiographien Wahlbiographien geworden sind. – Wahlfreiheit der individuellen Lebensgestaltung ist nur solange eine Freiheit, solange nicht Lebenskonzepte außerhalb der informellen Normen der Gesellschaft verfolgt werden. – Die Gesellschaft wird immer individualistischer. Beziehungen innerhalb der Familie werden mit Ansprüchen überfrachtet, die sie nicht mehr tragen können. – Die Beziehungsform zwischen den Geschlechtern wandelt sich von einer komplementären, bei der die Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau sehr unterschiedlich definiert war, zu einer symmetrischen, bei der die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit individuell geregelt wird.

 

Tanztherapie: Sprache des Körpers

Tanz- und Ausdruckstherapie ist eine erlebnisorientierte Therapieform, die am einzigartigen Bewegungsausdruck jedes Menschen ansetzt. In seinen individuellen Bewegungen drückt sich der Mensch mit all seinen Anteilen ganz selbstverständlich aus. Wo in anderen Therapieformen das gesprochene Wort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, orientiert sich die Tanztherapie an der Sprache des Körpers. Diese für jeden Menschen spezifische Körpersprache kann bewußt gemacht, Verbindungen zu emotionalen Themen können dadurch entdeckt werden. Ein dreitägiges Seminar unter der Leitung von Veronika Fritsch und Madeleine Kinigadner bietet von 27. Februar bis 1. März einen geschützten Rahmen, innerhalb dessen verschiedene Bewegungsthemen erkundet werden können. Über Wahrnehmung, Improvisation und Gestaltung können eigene bewegungsmäßige Vorlieben und Stärken erkannt und Neues ausprobiert werden. Gearbeitet wird dabei mit Themen wie: Wie gehe ich mit dem Phänomen Zeit um? Was ist mein individueller Rhythmus? Wie gehe ich mit der Polarität Anspannung-Entspannung um? Das auf der Bewegungsebene Erlebte wird im Gespräch reflektiert, Verbindungen zum Alltagserleben sollen bewußt gemacht werden.

 

Steiermärkischer Jugendwohlfahrtsplan ´97: Betreuung für 6000 Familien

Noch mit Ende des Vorjahres wurden in der Steiermark die Ergebnisse des Jugendwohlfahrtsplanes präsentiert. Der Auftrag umfaßte zwei Bereiche: 1. Eine landesweite Querschnittserhebung des Iststandes an Einrichtungen und Leistungen der Jugendwohlfahrt, 2. Vorschläge zur konzeptionellen und strukturellen Weiterentwicklung der Jugendwohlfahrt (Soll-Konzept). Die Arbeiten wurden von einem Projektausschuß begleitet. In den Plan sind über 150 beantwortete Fragebögen und rund 50 Interviews sowie zahlreiche Vorschläge und Ideen der in der Jugendwohlfahrt tätigen MitarbeiterInnen eingeflossen. Zur IST-Situation in der Steiermark: Insgesamt stehen rund 110 stationäre, ambulante und mobile Einrichtungen und Betreuungsangebote zur Verfügung, von denen knapp 100 von privaten Trägern betrieben werden. Stationär sind über 1000 Kinder auf Pflegeplätzen, rund 200 in den Landesjugendheimen, 140 in Kinderdörfern, 200 in Wohngemeinschaften und ca. 80 Kinder in anderen betreuten Wohnformen untergebracht. Die wichtigsten Gründe für die Unterbringung sind Erziehungsprobleme, Verhaltensauffälligkeit, Verwahrlosung, finanzielle Probleme sowie Scheidung und Trennung, wobei meist eine Kombination mehrerer Gründe auftritt. Über ambulante und mobile Betreuungsangebote werden jährlich Leistungen für rund 9000 Kinder und Jugendliche sowie rund 6000 Familien erbracht. Die Soll-Konzeption wurde in Form von 10 Leitlinien einer zukunftsorientierten Jugendwohlfahrt zusammengefaßt. Wesentlichste Punkte: Weitere Dezentralisierung der Leistungsangebote, um eine möglichst klientennahe und niederschwellige Betreuung sicherzustellen, und Forcierung ambulanter und mobiler Betreuungsformen, um teure Heimeinweisungen zu reduzieren.

 

IN: INTRA, Jänner 1998