INTRA- Österreichbeiträge Feb. 1998

Vortragsreihe: Auf der Suche nach dem Selbst

Kognition. Das ist das neue Schlagwort, das interdisziplinäre Bemühungen hervorruft. Über alle wissenschaftlichen Fachgrenzen hinweg wird die Herausforderung wahrgenommen und versucht, die Geheimnisse unseres Bewußtseins zu ergründen. Mit einer Vortragsreihe über die „Wissenschaft vom Bewußtsein und vom Denken“ möchte die Österreichische Urania für Steiermark mit Sitz in Graz den aktuellen Forschungsstand dieser noch sehr jungen Wissenschaft darstellen. Zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland werden bis Ende März einmal wöchentlich über verschiedene Aspekte dieses Themas referieren. Weiters wurde auch ein Arbeitskreis eingerichtet, der sich seit Jänner mit „Bewußtsein und Selbstbewußtsein“ beschäftigt. Die aktuellen Termine entnehmen Sie bitte unserem Intra aktiv-Veranstaltungskalender. Weitere Infos unter Tel: +43/316/82 56 88-0. Fax: +43/316/81 42 57.

 

Hilfe für Therapiesuchende: Kostenlose Beratungsstelle

Den ersten Schritt zur Therapie erleichtern möchte die kostenlose Beratungsstelle, die der Arbeitskreis für Psychoanalyse in Wien eingerichtet hat. Erwachsene, aber auch Jugendliche können sich an zwei verschiedenen Terminen in der Woche telefonisch anmelden und erhalten einen, oft auch zwei Beratungstermine bei einem Mitglied des Arbeitskreises. Bei diesen kostenlosen Beratungsgesprächen werden grob Problemfelder abgeklärt und Therapiemöglichkeiten vorgeschlagen. Die Beratungs-Hotline ist jeweils Dienstags von 10 bis 12 Uhr und Donnerstags von 17 bis 19.30 Uhr unter Tel: +43/1/319 35 66 erreichbar.

 

Astronomielehrgang: Instrument des Erkennens

Einen Astrologie-Lehrgang bietet der dipl. psycholog. Astrologe Peter Selinger ab März 1998 in Graz an. „Dieser viersemestrige Lehrgang ist das Ergebnis meiner 18jährigen Erfahrung und Auseinandersetzung mit verschiedenen astrologischen Systemen und Ansätzen. Zielsetzung der Ausbildung ist es, den Lernenden schrittweise in die Kunst der Deutung einzuführen, methodische Interpretationstechnik und Kombinationslehre zu vermitteln“, so Selinger. Und was genau kann nun die Astrologie? „Das astrologische Geburtsbild (Horoskop) ist eine symbolische graphische Darstellung der Anlagekräfte des Menschen, eine Momentaufnahme der innerseelischen Konstellation zum Zeitpunkt der Geburt. Die moderne, humanistisch orientierte Astrologie versteht das Geburtsbild nicht als statische, unveränderliche Größe mit determinierender Auswirkung. Es befindet sich vielmehr in einem dynamisch-veränderlichen Zustand und weist eine natürliche Entwicklungstendenz auf, um das menschliche Potential zu entfalten“, erklärt Selinger, der bereits seit sieben Jahren Astrologie-Lehrgänge anbietet. Durch den bewußten und eigenverantwortlichen Umgang mit astrologischen Techniken könne aufgezeigt werden, welche Themenbereiche bearbeitet werden sollten und wie persönliche Veränderung erzielt werden könnte. Das Anwendungsziel astrologischer Prognosetechniken liegt in der Ermittlung von Zeitqualitäten (günstiger/ungünstiger Zeitpunkt), Tendenzen und Entwicklungsmöglichkeiten. Oder, wie Astrologe Peter Selinger meint: „Astrologie ist ein Instrument des Erkennens, das uns hilft, die Landkarte der Seele zu entziffern“.

 

Österreich-Studie: Ambulante psychotherapeutische Versorgung

Mit Stand Jänner 1997 waren knapp 4.000 Personen in die beim Österreichischen Bundesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (BMAGS) geführte Psychotherapeutenliste eingetragen und damit zur Berufsausübung berechtigt. Welche Kapazitäten an psychotherapeutischer Behandlung damit verbunden waren und inwieweit das Angebot den Ansprüchen einer bedarfsgerechten, flächendeckenden und niederschwelligen Versorgung entspricht, war Gegenstand einer im Auftrag des BMAGS durchgeführten Studie. Zielsetzung waren die Untersuchung und Bewertung der psychotherapeutischen Versorgungssituation im ambulanten Bereich und die Erarbeitung von Anhaltspunkten für die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen. Dazu wurden fünf Themenbereich behandelt: 1. Bedarf (Welcher Bedarf an Psychotherapie kann in der Bevölkerung angenommen werden? Wie weit sind Ärzte als zentrale Institution der primären Gesundheitsversorgung mit Patienten mit psychischen Störungen konfrontiert?)
2. Angebot (Auf Basis einer schriftlichen Befragung wurden Personenangebot, Anzahl der durchgeführten Therapiestunden, Vorhandensein von freien Kapazitäten oder Wartelisten, die angewandten methodischen Verfahren usw. erhoben. Dabei wurde jeweils auf die Unterschiede zwischen den Organisationsformen freie Praxis und Institution sowie zwischen den Bundesländern eingegangen). 3. Zugang (Regionale Verteilung, Kosten und Treffsicherheit bei der Zuweisung zur Psychotherapie).
4. Inanspruchnahme (Wie viele Personen mit welchen Störungen und welchen soziodemographischen Merkmalen haben Psychotherapie in Anspruch genommen?)
5. Finanzierung und Ausgaben (Zuschuß- und Honorarregelungen der sozialen Krankenversicherungen, Ausgaben von Krankenkassen und Privaten für Psychotherapie).
Die Studie kann bestellt werden beim Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen, Stubenring 6, A-1010 Wien. Tel: +43/1/51 56 1-52

 

Steirische Jugendwohlfahrt: Neues Organsiationskonzept

1,5 Millionen Schilling investiert das Land Steiermark in ein neues Organisationskonzept für die landeseigenen Jugendwohlfahrtseinrichtungen. Damit reagierte Landesrätin Anna Rieder auf eine geänderte Bedarfs- und Bedürfnislage, wie sie auch aus der im Herbst des Vorjahres präsentierten Neufassung des steirischen Jugendwohlfahrtsplanes ersichtlich war: „Das Klientel nimmt zwar zahlenmäßig nicht dramatisch zu, aber die Analyse der individuellen Fälle zeigt ein deutliche Verschiebung in qualitativer Hinsicht. Das heißt, die Klienten der Jugendwohlfahrt kämpfen heute mit komplexeren und schwierigeren Problemen als noch vor fünf Jahren. Und diese Entwicklung wird sich fortsetzen“. Betroffen von der Neuorganisation sind vor allem die beiden Landesjugendheime Blümelhof und Rosenhof in Graz, das Landesjugendheim in Hartberg sowie die Heilpädagogische Station des Landes. „Das aktuelle Leistungs- und Betreuungsangebot in diesen Einrichtungen soll unter Einbeziehung der pädagogischen Konzepte, der bestehenden Verwaltungsstrukturen, baulichen Ressourcen und den wirtschaftlichen Kenndaten dem im Jugendwohlfahrtsplan erhobenen tatsächlichen Bedarf gegenübergestellt werden. Darauf aufbauend werden wir eine zukunftsorientierte und bedarfsgerechte Unterbringung und Betreuung in unseren Einrichtungen entwickeln“, erklärte Rieder ihr Vorhaben.

 

Psychiatrische Bauprinzipien: Von der agrikolen Irrenfürsorge zu moderner Psychiatrie

Mit den historischen und aktuellen Bauprinzipien psychiatrischer Kliniken und Institutionen beschäftigt sich der Arzt und Psychologe Norbert Müller von der Universitätsklinik für Psychiatrie in München. Die Grazer Universitätsklinik für Psychiatrie, die sich derzeit in einer längeren Umbauphase befindet, hatte den Experten eingeladen, um mehr über die Entwicklung psychiatrischer Bauten und speziell auch über Erfolg und Mißerfolg des kürzlich fertiggestellten Umbaus der Münchner Klinik zu erfahren. Ein kurzer historischer Abriß zeigte, daß „ausgehend von Klöstern, Zucht- und Tollhäusern die psychiatrische Architektur vor allem von Einzelpersonen geprägt ist“. Wurden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts psychisch kranke Menschen zusammen mit Dirnen meist einfach in den sogenannten Zucht – und Tollhäusern weggesperrt – zum Schutz der Gesellschaft – entstanden in den einzelnen Ländern allmählich verschiedene Betreuungseinrichtungen. In Frankreich entwickelte der Psychiater Esquirol im 18. Jahrhundert das Prinzip der Carré isolé: Einzelzellen für psychisch Kranke, die nach Krankheiten klassifiziert wurden. In den USA ging Thomas Kirkbride von linear versetzten Strukturen der Gebäude aus, die den Patienten vor allem viel Aussicht, Zerstreuung, Licht und Luft gönnen sollten. Immerhin war das damals mehr oder weniger die einzige Therapieform, denn zu dieser Zeit ging es lediglich um den passenden Aufenthaltsort für psychisch Kranke. In Großbritanien entstanden die sogenannten panoptischen Anstalten. Dieses Prinzip ging zurück auf den Philosophen Jeremy Bentham: Möglichst wenig Personal für möglichst viel Patienten. Die Kranken wurden nach Geschlecht und nach Stand getrennt untergebracht.
Johann Gottfried Langermann sollte 1805 in Bayreuth (D) eine Heilanstalt bauen: Er trennte erstmals in eine Heil- und eine Pflegeanstalt, sprich: unheilbar Kranke wurden woanders untergebracht als heilbare Patienten. Aber bald wurde Kritik laut, denn nicht immer ließe es sich so einfach zwischen heil – und unheilbar unterscheiden. Der Psychiater Christian Roller entwickelte schließlich eine Blockstruktur mit Achsenkreuz: Er brachte1837 in Illenau alle Patienten unter ein Dach, trennte sie aber nach Geschlecht und nach Heilbarkeit der Erkrankung.
Mit Beginn dieses Jahrhunderts entstand ein neues System, das Pavillonsystem. Die Anforderungen an die Größe der Gebäude nahmen stetig zu, doch waren allein „30 % der psychiatrischen Patienten um die Jahrhundertwende Lues-Patienten“, so Müller.
Die Kliniken wurden an den Stadtrand gebaut, die Patienten sollten aus den sozialen Bindungen rausgerissen werden. „Agrikole Irrenfürsorge“ nannte sich die Therapie, die hauptsächlich aus „Zerstreuung an der frischen Luft“ bestand.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg entstand die moderne Psychiatriearchitektur, die in Richtung „Normalisierung“ ging. Wichtig wurden ein Zentrum und ein Innenraum. Die Trennung zwischen Privatsphäre und öffentlichen Bereich wurde berücksichtigt. Eine zentrale Lage mit guten Verkehrsanbindungen wurde wesentlich für eine Klinik, ebenso ein 24-Stunden-Notdienst und die stationäre Behandlung.
In der heutigen Münchner Klinik wurde im Verlauf der Umbauten gemeinsam mit dem Psychologie-Institut eine nutzerorientierte Gebäudeevaluation durchgeführt. Es wurden Befragungen auf beiden Stationen durchgeführt: der alten und der neuen Station, die mit viel Holz und viel Licht sehr wohnlich eingerichtet worden war. Die Zufriedenheit mit der Gestaltung als auch mit genügend Privatsphäre waren bei den Patienten im Neubau wesentlich höher als im Altbau. Und während sich im alten Aufenthaltsraum nur 35 % der Patienten aufgehalten und 65 % den Flur vorgezogen hatten, wurde der neue Aufenthaltsraum von über 63 % genutzt. Interessantes Detail am Rande: Im alten Aufenthaltsraum hatten 37 % der Patienten ein soziales Verhalten gezeigt und nur 7 % ein isoliert passives. Im neuen Aufenthaltsraum verhielten sich 30 % passiv und nur rund 14 % sozial – ein Phänomen, das sich Müller möglicherweise mit „Overcrowding“ erklärt.

 

IN: INTRA, Feb. 1998