Jugendliche brauchen eine Zukunft

jugendrichter schlagen alarm: die jugendkriminalität in österreichs städten ist im ansteigen. 1996 wurden an österreichs jugendgerichten insgesamt 3.491 verurteilungen ausgesprochen (um 4,7 % mehr gegenüber dem vorjahr) und knapp 28.000 tatverdächtige jugendliche ermittelt – 1995 waren es noch 25.512.

die medien sind voll von berichten über verbrechen, die von jugendlichen, ja kindern begangen werden: die jugendliche greifen zu waffen, werden bei einbrüchen und überfällen ertappt oder verkaufen bedenkenlos suchtgifte an klassenkameraden. auch annemarie krammer von der polytechnischen schule in graz berichtet: „bei meiner jahrelangen unterrichtstätigkeit bei 14- bis 15jährigen konnte ich eine steigende zunahme von aggressivität, brutalität und gewalt im verhalten der jugendlichen beobachten. der respekt vor dem menschen wird immer weniger, die sprache und der umgang miteinander verrohen“.

und der steirische schulpsychologe josef zollneritsch betont: „im gegensatz zu früher sind gewaltphänomene intensiver ausgeprägt; das alter, in dem sie erstmals auftreten, verlagert sich nach unten, teils sogar schon in das kindergartenalter. auch verbale gewalt ist im vormarsch“. am ehestens betroffen sind aus schulischer sicht kinder in sonder-, haupt- und berufsschulen. in gesellschaftlichen randgruppen ist das phänomen gewalt weit stärker vertreten. kein wunder, meint auch der grazer jugendrichter wolfgang wladkowski: „gerade was eigentums- und gewaltdelikte angeht, handelt es sich großteils um jugendliche, die keiner beschäftigung nachgehen, sehr viele von ihnen haben nicht einmal einen ordentlichen schulabschluß.“

sie wachsen auf in einem umfeld, in dem alkoholimus an der tagesordnung steht, vater und/oder mutter vielleicht schon vorbestraft sind, die familie ohne einkommen auskommen muß und die zukunftsaussichten alles andere als rosig sind. wladkowski: „als weitere ursache sehe ich bei sehr vielen jugendlichen tätern aufgrund ihrer fortbildung der familiären verhältnisse das bestehen einer gewissen aussichtslosigkeit im rahmen unserer derzeitigen gesellschaftsordnung. die jugendlichen geben einfach auf, sie schlittern in kriminelle kreise, nehmen alkohol und drogen zu sich, um dem tristen alltag zu entfliehen, leiden natürlich unter diesem zustand und entladen ihre damit aufgestaute aggressivität durch entsprechende gewaltdelikte“. auch ein wachsender konsumationszwang, der von medien und werbung noch geschürt wird, trägt zu frustration und gewaltneigung weniger gut betuchter jugendlichen bei. man muß gewisse dinge einfach besitzen, um „in“ zu sein: ob computerspiele, inlineskaters, das bennetton-t-shirt und die levis-jeans oder den tragbaren 10fach-cd-wechsler – unsere gesellschaft mißt den wert eines menschen leider zu oft an solchen äußerlichkeiten.

auch karl panser, amtsdirektor der dienststelle für bewährungshilfe graz, ortet eine vielzahl von faktoren, die dazu führen, „daß menschen kriminelle handlungen setzen: wirtschaftliche (arbeitslosigkeit, verlust des arbeitsplatzes und/oder der wohnung, hohe schuldenbelastung), soziale faktoren (zb vorurteile der umwelt), familiäre ursachen (zb ausfall des vaters) und persönlichkeitsbedingte faktoren sind zu berücksichtigen“. weiters stellt panser fest, „daß nicht nur das kriminelle verhalten als symptom unterschiedlichste schweregrade und ausformungen hat, sondern auch die diesem zugrundeliegenden störungen sind vielfältigster natur: entwicklungsstörungen, soziale störungen, mehr oder weniger schwere formen der vernachlässigung, des mißbrauchs, der mißhandlung und der verwöhnung“. über einige der grundursachen für jugendkriminalität ist man sich fast einhellig einig: die zunehmende vernachlässigung der kinder und heranwachsenden, der ständige zeitmangel der bezugspersonen, die vorgelebte gewalt in der familie und die verrohung durch viele tv-filme und videos. „die gedankenwelt der kinder ist voll von gewalt, nur fehlt ihnen oft der realitätsbezug, denn der ermordete schauspieler spielt ja weiter“, meint annemarie krammer. auch die heute so heiß geliebten tamagotchis sind für sie ein zeichen für soziale verarmung, während computerspiele nur die flucht in eine scheinwelt ermöglichen.

viele ursachen, dramatische auswirkungen. wie bedenklich ist die situation wirklich? „österreich ist zwar keine insel der seligen“, meint richter wladkowski, aber die jugendkriminalität sei bei uns weit weniger gestiegen als in anderen ländern. auch von seiten der schulpsychologischen beratungsstelle meldet man, daß „gewalttätigkeiten durch schülerinnen in den vergangenen fünf jahren gleichbleibend gering geblieben sind“. die öffentlichkeit konzentriere sich eben vor allem auf jene jungen menschen, die „ihre probleme unübersehbar nach außen tragen“ – was dazu führe, daß regelmäßig behauptet wird, unsere kinder würden immer auffälliger und aggressiver. schließlich gibt veronika holzer, leiterin der sektion jugend im bundesministerium für umwelt, jugend und familie, zu bedenken, daß möglicherweise „eine veränderung der anzeigebereitschaft von jugendstraftaten zu einer überproportionalen auswirkung in der erfassung von jugendkriminalität führen kann“ – sprich: auch die toleranz unserer gesellschaft sinkt kontinuierlich. die frage sei ja auch, so holzer: „wie gehen wir alle mit unseren jugendlichen um?“ die jugendlichen brauchen eben einen gewissen freiraum, um sich zu entwickeln.

„die ursachen strafbaren verhaltens jugendlicher lassen sich manchmal in einem entwicklungsbedingten reiben an vorgegebenen grenzen sehen.“ gruppendynamisch bedingtes, spontanes, unüberlegtes handeln – wer hätte nicht in seiner jugend einmal etwas angestellt, das er später bereut hat? nichtsdestotrotz ist man sich einig, daß „jugendliche täter immer gewaltbereiter werden. nicht die zahl der gewaltdelikte steigt, sondern die zahl der gewalttäter“, erklärt wladkowski. aus einer harmlosen rauferei entwickle sich oftmals eine unbegreifliche brutalität: „die täter treten in gruppen auf, suchen sich ein wehrloses opfer aus und schlagen dieses nieder“. auch sei zu bemerken, daß jugendliche täter in immer früheren alter zu alkohol greifen, was zu einer entsprechenden enthemmung führe und ihnen gestatte, ihrer aggressionsbereitschaft und ihrem frust freien lauf zu lassen.
„um derartige durch den sozialen wandel bedingten veränderungen im verhalten jugendlicher abfangen zu können, sind zuvorderst präventive maßnahmen gefordert“, so holzer. „mehr zeit für unsere kinder und jugendlichen“, lautet der einhellige tenor. längere karenzzeit und mehr teilzeitjobs für eltern könnten die situation erleichtern.

„ein vertrauensverhältnis gepaart mit einer gesunden kontrolle und das gespräch mit den kindern zu jeder tages- und nachtzeit“ sind für jugendrichter wladkowski das wichtigste mittel. „selbst wenn ein kind mit dem gesetz in konflikt kommt, sind es die eltern, die die einzige und wirkliche aufnahmestation des kindes sind – das kind braucht eine bezugsperson!“ von schulpsychologischer seite werden klare strukturen und verbindliche regeln im unterricht, gezielte sozialerziehung, erarbeitung von konfliktlösungsmodellen und gemeinschaftsförderung als wesentliche rahmenbedingungen zur gewaltprävention angesehen. und sektionsleiterin veronika holzer betont: „was unsere jugend braucht, sind zukunft, chancen und hoffnung“.

 

IN: FRAUENBLATT, 1998