Lieber Einbrecher!

Es tut mir sehr leid für dich, aber du bist umsonst gekommen! Bei mir gibt es nichts zu holen. Ich hoffe nur, du warst vorsichtig genug, mein Türschloss nicht irreparabel zu schädigen. Diese Sachen kosten schließlich viel Geld heutzutage und ich weiß nicht, ob das die Haushaltsversicherung zahlt…

Tja, wie schon erwähnt, alle Mühe war vergebens, bei mir wirst du nichts finden, das für dich von Wert sein könnte. Die teure Anlage mitsamt noch teureren Boxen, die hat mein Exmann nach der Scheidung abgeholt (eigentlich ja schon davor, knapp nachdem er mit seiner neuen Freundin zusammengezogen ist) – die steht jetzt in seinem neuen Haus, die Stereoanlage meine ich, wie war doch gleich noch mal die Adresse…
Den alten Fernseher hab ich mittlerweile selbst schon entsorgt, der hat`s nicht mehr gebracht und irgendwie bin ich noch nicht dazugekommen mir einen neuen zu besorgen, sorry.

Auch Schmuck und Pelze gibt´s bei mir nicht, und die paar antiken Schmuckteile aus Tante Mitzi`s Erbe, die hat mein erster Mann vor Jahren schon versoffen, da bist du zu spät gekommen – ich kann dir nur mehr billigen Modeschmuck anbieten und der ist auch nicht gerade der letzte Schrei – vor allem die Kette mit den riesigen roten Plastiksteinen, also falls du die gerne mitnehmen magst, bitte sehr, ich wäre froh, wenn ich sie endlich los bin. Die Tigeraugenohrringe, die könntest du auch gleich einpacken, die erinnern mich doch zur sehr an das Drama mit meinem Ex (die hat er mir nämlich knapp vorher noch geschenkt – hat vermutlich gedacht, dass ich dann leichter über sein Geständnis hinwegkomme, dass er seit ein paar Jährchen eine Freundin hat – aber: ich will dich nicht langweilen mit meinen Problemen!).

Mein Laptop ist schon ein bisschen altersschwach, der wird’s nicht mehr lange machen, wenn du den einpackst, bin ich nicht sicher ob er die Reise überlebt. Das Handy trage ich stets bei mir, damit kann ich also auch nicht dienen. Was ich sparen könnte, frisst der Kredit (und die Aktien, mein Gott, du weißt ja, wie die Kurse fallen) – deshalb: Sparbücher oder so wirst du hier auch nicht finden! Das bisschen Bargeld, das ich besitze, trage ich eher mit mir spazieren als dass ich es unter dem Kopfpolster horte (oder lege es in einer schicken Boutique ab, wie letztens).

Nicht mal ein paar wertvolle Malereien kann ich anbieten – selbst eine billige Reproduktion hat den Weg zu mir nach Hause noch nicht gefunden. Die Fotos an den Wänden sind selbstgemacht, aber wenn du meinst, dass sie von Wert sein könnten, bitte, tu dir keinen Zwang an!

Du siehst: dein Weg war umsonst.

Da fällt mir ein, im Keller steht noch ein Sack mit Altkleidern herum – der wär zu entsorgen, vielleicht gefällt dir ja das eine oder andere… den kannst du gerne mitnehmen.

Also: Falls du mir nicht glaubst, du kannst gerne alles durchsuchen, nur bitte hinterlasse keine Unordnung, du hast ja keine Ahnung, wie viel Mühe mich das Aufräumen immer kostet. Und wie gesagt: bitte nichts beschädigen! Du könntest eventuell aber gleich mal ein wenig staubsaugen, wenn du schon da bist (du weißt ja, von wegen Spuren verwischen und so… man bildet sich schließlich weiter und Krimis gehören zum Pflichtprogramm). Auch das Bad gehört dringend mal wieder geputzt (die Putzmittel findest du im Schrank unter dem Waschbecken).

Ach ja, könntest du wohl so nett sein und beim Runtergehen noch den Müll mitnehmen – dann stehst du wenigstens nicht so ganz mit leeren Händen da – was sollen denn sonst deine Kumpels sagen?

Mit freundlichen Grüßen,
deine Hausbewohnerin

IN: Die Feder, April 2017