Liliane ist schön

Liliane ist schön. Liliane ist schlank. Liliane ist fleißig. Liliane hat immer etwas zu tun. Liliane arbeitet halbtags in einem kleinen Büro. Wenn die Kinder im Kindergarten sind. Mittags nach dem Büro holt sie die Kinder vom Kindergarten. Liliane kauft ein. Liliane versorgt den Haushalt. Liliane versorgt ihre zwei kleinen Kinder. Liliane versorgt ihren Mann (den vor allem). Liliane versorgt die Pflanzen, die Schwiegereltern, den Hund und die Nachbarin, wenn es ihr mal dreckig geht. Was öfter vorkommt. Liliane kümmert sich um alle und alles. Man mag Liliane. Weil sie hat immer Zeit. Immer ein offenes Ohr. Und ein hübscher Anblick ist sie obendrein. Manche beneiden Liliane. Was die alles hat. Was die alles kann. Liliane kann fast nicht mehr. Liliane ist am Ende ihrer Kraft. Liliane bemüht sich. Sie lächelt. Sie sagt: danke, gut, wenn man sie fragt, wie es ihr geht. Es geht ihr gar nicht gut. Liliane ist so erschöpft, dass sie manchmal gar nicht weiß, wie sie aufstehen soll. Wie sie ihren Haushalt bewältigen soll. Die Kinder schreien. Die Kinder sind hungrig. Die Kinder müssen zum Arzt. Liliane kann nicht mehr. Manchmal schreit Liliane mit den Kindern. Weil sie nicht mehr kann. Oft ist sie verzweifelt. So verzweifelt, dass sie am liebsten in den Wald rausgehen würde. Für immer. So lange gehen, bis sie umfällt. Und dann schlafen. Für immer. Liliane spricht nicht darüber. Mit niemandem. Keiner weiß, wie es Liliane geht. Keiner soll es wissen. Dass sie sich schäbig fühlt. Und wertlos. Dass sie – als einzige – weiß, wer weiß wie lange noch, dass sie nichts kann, dass sie zu schwach ist, unfähig, dumm. Sie kann nicht mithalten mit den anderen, denkt sie. Die anderen sind besser. Die schaffen ihr Leben. Denkt sie. Liliane schafft es nicht. Denkt sie. Sie weiß nicht, wie sie es schaffen soll. Sie tut alles für andere. Sie tut nichts für sich.
Alle bewundern Liliane. Ihr Mann ist stolz auf sie. Auf seine hübsche, tüchtige Frau. Liliane dreht sich weg in der Nacht, wenn er sie berühren will. Liliane kann nicht schlafen. Sie liegt wach und denkt nach, was sie machen soll. Wie sie alles schaffen soll. Wo sie die Kraft hernehmen soll. Sie ist verzweifelt. Sie weint nicht mehr. Sie liegt nur stumm im Bett. Manchmal steht sie auf in der Nacht, geht in die Küche, räumt das Geschirr aus dem Geschirrspüler, setzt sich an den Küchentisch, lässt den Kopf in die Hände sinken und starrt die Tischplatte an. Liliane isst nicht sehr viel. Sie hat Probleme mit dem Magen. Ihr ist oft schlecht, sie hat Bauchkrämpfe, die Hände zittern dann. Der Arzt hat sie mehrfach untersucht. Sie schluckt Magenmedikamente. Und Herztropfen. Weil ihr Herz manchmal so rast, dass sie in Panik verfällt. Die Kopfschmerzen hat sie gar nicht erwähnt beim Arzt. Damit lebt sie einfach. Daran hat sie sich schon gewöhnt. Nur manchmal werden sie so unerträglich die Kopfschmerzen, dass sie sich stärkere Schmerzmittel besorgt. Ihre Hände zittern oft. Und der Druck auf der Brust steigt. Dann fällt ihr das Atmen schwer. Liliane will nicht aufgeben. Sie will nicht, dass andere schlecht von ihr denken. Dass sie nichts zustande bringt. Dass sie wehleidig ist. Deshalb spricht Liliane mit niemandem. Sie versucht anderen zu helfen. Für andere da zu sein. Bis sie eines Tages nicht mehr da ist. Sie ist jetzt in Zimmer 105. Geschlossen. Für längere Zeit.

 

IN: KLIPP, 2011

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