Mit Tempo und ta-tü-ta-ta

ff29Die festen Stiefel mit den übergestülpten Schutzhosen stehen bereit, bereit für den Einsatz. Rund ums große rote Feuerwehrauto, von der Mannschaft liebevoll Jacqueline getauft, sind sie aufgestellt, fünf, sechs, sieben Paar: Wenn der Gong ertönt und alle Diensthabenden herbeistürzen, müssen sie so schnell wie möglich in Hose und Stiefel schlüpfen können und ausfahren – denn dann wartet irgendwo in Graz ein Verkehrsunfall, ein überschwemmter Keller oder ein anderer Unglücksfall, bei dem dringender Einsatz von Nöten ist.

Ein, zwei Nächte in der Woche kann es sein, dass Michael Lippitsch hinter dem Steuer des 14 Tonnen schweren Löschfahrzeuges sitzt – denn der 41-jährige Grazer ist bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz. Gelandet ist er dort zufällig. „Ich hab mit der Feuerwehr eigentlich nie etwas am Hut gehabt“ – aber wie das Leben so spielt, ein guter Freund hat ihn angesprochen: „Gehen wir zur freiwilligen Feuerwehr!“. Da war Michael Lippitsch noch skeptisch – woher die Zeit nehmen, wenn man beruflich ohnehin stark eingespannt ist und daheim die Familie wartet?

Besagter Freund jedoch war lästig, im März 2010 hat er ihn mitgeschleppt zu einer Infoveranstaltung der FF Graz. Da dürfte der erste Funke übergesprungen sein. Kurze Zeit später fand eine Wehrversammlung statt – und da war es um den sympathischen Grazer geschehen: „Ich hab teilgenommen und auch gleich unterschrieben!“ Von diesem Tag an war er als Freiwilliger dabei.

Natürlich hat er sich vorher gründlich informiert – über die Art der Einsätze, die Ausbildung, den Zeitaufwand. Die zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten fand er spannend und auch die Zeiteinteilung passte für ihn: „Man kann sich seine Dienste aussuchen und selbst im Onlinedienstplan eintragen. Da hab ich beschlossen, dass sich das irgendwie ausgeht für mich“.

 

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Michael Lippitsch ist einer der wenigen, die alle Feuerwehrfahrzeuge lenken dürfen: Das erklärt, warum der technikbegeisterte Floriani ein begehrter Mann ist – denn es gibt kaum ein Fahrzeug, dass er noch nicht gelenkt hätte. Er besitzt alle Führerscheinklassen, hat Autobusse gefahren und Schulbusse, war lange Jahre als Fahrlehrer aktiv, er war mit LKWs unterwegs, besitzt das Küstenschifffahrtspatent und das österreichische Donauschifffahrtspatent – das heißt: fahren kann er fast überall, zu Wasser wie zu Land. Seine langjährige Fahrpraxis („ 2,5 Millionen Kilometer werden´s wohl schon sein“) kommt ihm als Fahrer bei der Feuerwehr nun auf jeden Fall zugute.

 

Warum aber engagiert sich ein Mensch unentgeltlich? Michael Lippitsch überlegt kurz: „Ich konnte schon immer schwer nein sagen“, lacht er dann, und: „ich habe immer gern geholfen.“ Er ist eben einer, der nicht lange fackelt, sondern anpackt, wo etwas zu tun ist.

Privat lebt Michael Lippitsch in Graz mit Lebensgefährtin Nicole und Sohn Paul, elf Jahre, „der mit der Feuerwehr so gar nichts am Hut hat“. Beruflich ist er mittlerweile seit vier Jahren im Außendienst tätig, „als Handelsreisender, wie man so schön sagt, im Bereich Industrie und Gewerbe“. Die halbe Steiermark bereist er, „50 bis 60 Wochenstunden werden´s schon sein“, die er auch beruflich mit dem Auto unterwegs ist.
Auf die Frage nach dem Zeitaufwand für die FF kommt ein kurzes, trockenes: „Viel!“ – „Seit ich mit meiner Ausbildung fertig bin, mache ich jeden Dienstag Nachtbereitschaft auf der Wache. Außerdem springe ich oft ein, wenn ein Fahrer gebraucht wird für`s große Löschfahrzeug“. Dazu kommen noch gelegentlich Brandsicherheitswachen – „in Summe sind es sicher zwei Dienste pro Woche, ganz abgesehen von Schulungen in der Feuerwehrschule Lebring.“

Wie lässt sich das alles vereinbaren: Familie, Beruf und Feuerwehr? „Es braucht halt eine gute Zeiteinteilung“, überlegt Lippitsch „ich mach z.B. nur Nachtdienste, da kann ich oft durchschlafen, wenn kein Einsatz ist.“
Auf die Frage nach seinen Hobbies meint der engagierte Familienvater nur: „Nun ja, während andere ins Wirtshaus gehen, geh ich zur Feuerwehr. Mein Hobby ist die Freiwillige Feuerwehr!“

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Auch wenn der groß gewachsene, schlanke Mann sportlich aussieht „ich muss gestehen, ich mach zurzeit kaum Sport, ich bin sowieso bei der Feuerwehr viel in Bewegung“. Wie er jedoch zugibt, kommt sein Privatleben derzeit wohl etwas zu kurz, „ich bin schon sehr eingespannt“, da bleibt wenig Zeit und Energie übrig. Was sagen Familie und Freunde zu seinem Engagement? „Manchmal hab ich schon das Gefühl, ich muss mich rechtfertigen, es versteht kaum jemand, dass man sich freiwillig so engagiert.“ Ansonsten ist es kein Thema im privaten Umfeld. „Die Familie ist glücklich, dass ich so wenig daheim bin“, schmunzelt Lippitsch. Aber dann, doch ein wenig wehmütig, bemerkt er: „Paul, mein Sohn, fragt schon manchmal: Papa, warum musst du so oft zur Feuerwehr?“

Michael Lippitsch hat nach seiner Ausbildung zum Maschinist im Sommer 2010 angefangen Einsätze zu fahren. Seit März 2011 ist er auch als Rechnungsprüfer bei der FF Graz aktiv. Auf das Verhältnis zur Grazer Berufsfeuerwehr angesprochen, meint er: „Ich erlebe die Situation als entspannt – wenn wir bei Einsätzen aufeinander treffen, arbeitet man gern zusammen, mit gegenseitigem Respekt. Ich denke, es wird angenommen, so wie wir agieren.“ Kollege Sebastian Fengler, Oberbrandinspektor bei der FF, bestätigt: „Auch wenn die Situation anfangs etwas angespannt war, mit der Zeit hat jeder sein Gegenüber schätzen gelernt. Und: man macht das ja aus Überzeugung!“

Über 500 Stunden war Michael Lippitsch bei der Freiwilligen Feuerwehr bereits im Einsatz. Er ist einer von jenen, die still und unaufgeregt ihre Arbeit tun, die sich einsetzen zum Wohl der Gemeinschaft – oftmals unbemerkt und unbedankt.

Spät am Abend, es klingelt, nein, diesmal nicht der Gong, der zum Einsatz ruft, sondern der Pizzadienst, der vor der Tür steht – denn die Florianis brauchen Stärkung, für den Fall, dass es heute Nacht wieder „heiß“ hergeht. Und Michael Lippitsch ist auch diesmal wieder mit dabei!

 

ff25IN: KLIPP, 2011