Nächstes Jahr wird alles anders…

es gibt natürlich zahllose gelegenheiten, um sich endlich wieder einmal etwas vorzunehmen. aber ob man nun mit dem rauchen aufhören, ein paar kilos abspecken oder endlich mit der täglichen gymnastik anfangen will, kein tag eignet sich besser für derartige vorhaben als der 31. dezember.

nicht umsonst floriert der handel mit glücksschweinchen, marzipanfliegenpilzen und vierblättrigen klee an diesem tag wie sonst nie. die post versinkt in „prosit-neujahr“- und „guter rutsch“-karten, die telefone quer über den erdball laufen heiß, und man schüttelt sogar der streitsüchtigen nachbarin die hand. es muß ein grundbedürfnis des menschen sein, zu silvester seelisches großreinmachen zu betreiben und sich – wider besseren wissens – endlich einmal all diese dinge vorzunehmen, zu denen man bisher nie gekommen ist.

auf den 1. jänner des neuen jahres konzentrieren sich die gesammelten hoffnungen der menschheit, daß von nun an alles anders würde. als ob man im nächsten jahr ein anderer mensch wäre. einfach so. ohne viel dazu beitragen zu müssen. das heißt, man muß nur lang und ausgiebig genug hoffen und die besten vorsätze haben. daß gewisse dinge und taten natürlich am 1. jänner genauso schwierig sind wie noch am 31. dezember, das will oft auch der vernünftigste mensch nicht wahrhaben. der cocktail aus einer brise aberglauben und drei zehntel illusionen, aufgeschüttelt mit einer unbeirrbaren hoffnung machen die silvesternacht zu einer mystischen nacht, von der sich, mehr noch als einst am weihnachtsabend, insgeheim jeder ein wunder erwartet.

„ein vernünftiger mensch wird einer hoffnung, die ins wasser fiel, nie nachspringen“, sagt eine lebensweisheit. denn spätestens am 2. jänner, wenn man den silvesterkater einigermaßen ausgeschlafen und die erste zigarette angezündet hat oder wahlweise die übriggebliebenen (kalorienreichen) rumkugeln gedankenverloren in den mund gestopft hat, ahnt man, daß die guten vorsätze wahrscheinlich nur vorsätze bleiben werden. und die guten vorhaben kann man selten einfach an einem x-beliebigen tag in die tat umsetzen. da muß schon wieder ein besonderer anlaß gegeben sein, und seis nur deshalb, weil man sich dann wieder daran erinnert.

aber kein problem: das nächste silvester kommt bestimmt. spätestens in einem jahr. denn das ist der vorteil an den guten vorsätzen: sie sind unbegrenzt haltbar und sie haben es nicht eilig – sie sind auch im nächsten jahr noch da.

 

IN: FRAUENBLATT, Dezember 1997