Nicht zu viel wollen…

… weil sonst der Herzinfarkt uns in die Windeln prackt

Da jammern und stöhnen wir beständig, was wir so alles zu tun haben – unsere to-do-Listen wachsen trotz stetigen Abarbeitens ins Unendliche – kein Ende absehbar. Kaum ist ein Punkt abgehackt, folgen drei neue nach. Mit jedem unscheinbaren Anruf, jedem harmlosen Email kommen neue to-dos auf unsere Listen.

Und so hetzen wir jahrein, jahraus dem Moment entgegen, an dem wir endlich genussvoll die Hände in den Schoß legen dürfen und wissen, es ist vollbracht: der Haushalt ist tipptopp, die Kinder sind gesund, sauber, geräuschlos und machen friedlich, fröhlich und eigenständig ihre Hausaufgaben, die letzten Handgriffe im Job sind getan, das Auto ist runderneuert und aufgetankt, der Garten blüht von selbst, der Kuchen ist im Rohr… und wir haben alles, wirklich alles erledigt, fertiggemacht, das letzte Email verschickt, die Liste ist abgearbeitet!

Endlich, endlich dürfen wir uns Ruhe gönne, die Füße hochlegen und dann einmal all die Dinge angehen, von denen wir immer schon geträumt haben (und die uns geholfen haben, die langen, langen Jahre der Mühsal durchzuhalten). Endlich ist Zeit für die lang ersehnte Weltreise, den ersten Roman, endlich Zeit für die Partnerin (wie hieß sie doch gleich noch mal?), endlich tanzen lernen, auf Berge steigen, die unzähligen Bücher lesen, die sich ohne zu murren seit Jahren im Wandschrank ungelesen beständig vermehren und lediglich beim Abstauben mal kurz zur Hand genommen werden. Ja, dann…

Und so arbeiten und hetzen wir weiter durchs Leben bis zum Umfallen, schnell das noch und das, das könnt ich heut auch noch erledigen – mit fast fanatischem Bemühen arbeiten wir uns dem vermeintlichen Ende unserer sich zu Bergen türmenden Arbeiten entgegen. Klar gibt es gelegentlich Momente der Verzweiflung, ob dieser Berg denn je zu schaffen sei, ob nicht ein ungnädiges Schicksal ständig nur neue Aufgaben vor uns auftürmt, und es ein Ende niemals geben wird – wie Sisyphos, der tragische Held, rollen wir unsere Bröckerl vor uns her, immer hoffend, immer glaubend, es sei bald vollbracht, und stets scheinen wir (mit neuen Projekten) wieder von vorn anzufangen.

Ist Kind eins aus dem gröbsten heraus, eine kleine Unachtsamkeit und schon ist Kind zwei am wachsen. Hat man endlich im Büro Stunden reduziert, wird Tante Hilde plötzlich zum Pflegefall oder ein Hund muss her oder …. Aber dann, dann atmen wir tief durch, stellen den Wecker noch ein bisschen früher, streichen noch eine Stunde Schlaf und den Besuch bei Freunden (die warten ohnehin schon drei Jahre auf das gemeinsame Essen, was sind da noch ein paar Wochen oder Monate….), wir spucken in die Hände und stürzen uns von neuem in die (Arbeits-) Schlacht – das wär doch gelacht – nur noch das und das und das und das und wenn das dann auch erledigt ist, dann sind wir doch fast schon durch. Der Gipfel ist nah, der Sieg scheint unser.

Und so arbeiten wir uns weiter durch´s Leben (die anderen machen es ja genauso, die schaffen das doch auch!), unermüdlich, unnachgiebig, keine Zeit für Muße, Ruhe und Genuss – nicht jetzt, später, alles, alles verschieben wir auf später – und wissen doch nicht, ob und wann dieses „später“ überhaupt kommt… oder ob der Herzinfarkt uns vorher „in die Windeln prackt“ – wie die Steirerband STS es so schnittig formuliert.

Auch stellt sich tief im Innersten manchmal die unscheinbare kleine Frage: Kann es womöglich sein, dass wir im Grunde gar nie nicht fertig werden wollen? Weil es uns gar so schreckt, dieses nichts-zu-tun-haben-müssen, die Stille, das Nichtstun – eine lange, leere Liste, nichts, das noch zu machen wäre – vielleicht fürchten wir das sogar – weil dann müssten wir anfangen uns unseren Träumen zu stellen, die Leere aushalten, die entstanden ist durch das jahrelange viel zu viele Tun, die hektische Betriebsamkeit… und abwarten, bis die innere Stimme wieder hörbar wird… und wer weiß, ob die Freunde, der Partner/die Partnerin, die Kinder, der Hund dann auch noch da sind und diesen Moment mit uns teilen wollen… und Zeit für uns haben…. und ob wir die Kraft und den Mut finden werden unsere Träume endlich anzugehen…

P.s. Vielleicht hätte man schon Sisyphos anno dazumal raten sollen, mal eine kleine Pause einzulegen, sich eine Auszeit zu nehmen und einfach mal blau zu machen. Vielleicht hätte er sich Freunde zu Hilfe holen können, denn gemeinsam geht alles ein wenig leichter. Oder Sisyphos hätte diesen Job delegieren können an jemanden, der mehr Spass daran hat oder für diese Sachen begabter ist. Aber vielleicht hätte er die Aufgabe auch ganz ablehnen sollen und sich vertrauensvoll auf den Weg machen, den die innerste Stimme der Weisheit ihm weist – und den Brocken einfach Brocken sein lassen.

 

IN: KLIPP, Mai 2011