„Nimmer sich beugen“ – Der Komponist Sir Karl Haidmayer

Ein wenig Frühling liegt in der Luft und gelegentlich blinzeln ein paar wärmende Sonnenstrahlen durch, als ich die Stufen zum Domizil von Sir Karl Haidmayer erklimme. Hinter den dicken gelben Mauern der 1675 erbauten ehemaligen Schlosstaverne bei Schloss Plankenwarth/St. Oswald hat sich der bedeutende Komponist und Musiker vor einigen Jahren häuslich eingerichtet.

Karl Haidmayer führt mich durch ein großes Wohnzimmer mit umfangreicher Bibliothek, vielen Kunstwerken an den Wänden und einem schwarz glänzenden Bösendorfer – der spielbereit wartet – weiter in Stüberl. Er kredenzt Mineralwasser und dann plaudern wir los.

DSCN2257Über 80 Jahre habe er in Graz gelebt, berichtet der Künstler, der gerne als einer der bedeutendsten steirischen Komponisten gefeiert wird. Tatsächlich ist er im niederösterreichischen Hollabrunn geboren und erst im zarten Alter von drei Jahren mit seinen Eltern nach Graz gekommen. „Aber ich fühle mich als Grazer, ich habe fast mein ganzes Leben hier verbracht“, meint Haidmayer. Viele Menschen hätten lange darauf gedrängt ihn zum Bürger von Graz zu ernennen. Immerhin hat er der steirischen Landeshauptstadt einige Werke beschert und Ehrungen entgegengenommen, wie beispielsweise den Lied- und Kompositionspreis der Stadt Graz im Jahr 1965. „Ich hab an den Bürgermeister geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten“. Das enttäuscht ihn, aber er wäre nicht Karl Haidmayer, wenn er sich davon lange betrüben ließe. Er ist ein Kämpfer, ein Querkopf, voller Humor und Lebenskraft, „einer, der sich nicht unterkriegen lässt“, wie er betont.

Auch wenn privat sein Glück gerade eine kleine Pause macht – die Ehe mit der Innsbruckerin Zäzilia, die er vor einigen Jahren über Elisabeth T. Spiras „Liebesg´schichten und Heiratssachen“ kennen- und lieben gelernt hat, ist gescheitert. „Sie ist weg, es war fürchterlich, ich bin sehr enttäuscht“, erzählt er, jetzt werde vor Gericht verhandelt über Zahlungen und Unterhalt. Der Professor ist also wieder Single, schwärmt von seiner „Perle“ Rosi, die ihm schon in Graz den Haushalt versorgt hat und sich auch jetzt wieder liebevoll um ihn kümmert. „Ich bin misstrauischer geworden, hätte damals nicht so schnell heiraten sollen“, so der agile 85jährige. „Wir sollen also keinen Aufruf starten an die Damenwelt, dass Sie wieder zu haben wären“, frage ich und da blitzt schon wieder der Schalk bei ihm durch: „Na, das können`s schon machen!“

Während wir plaudern kommt eine graugetigerte Katze, hüpft mit einer Selbstverständlichkeit auf den Tisch, schmiegt sich vertraulich an ihn. „Das ist „Mieze“, sie ist mir zugelaufen, geht einfach nicht mehr weg“. Mieze hat sich bereits häuslich eingerichtet bei „ihrem“ Komponisten – als ich später aufbreche, hat sie es sich im Schlafzimmer gemütlich gemacht.

Karl Haidmayer ist auch heute noch ein unermüdlich Schaffender. Erst im letzten Jahr entstand ein „Trio für 2 Violinen und 1 Cello“ (das „kastrierte Quartett“, wie er es nennt), es wurde zu seinem 85er in Gratkorn aufgeführt – im nach ihm benannten „Karl-Haidmayer-Saal“. Das „Memel-Sextett“ und ein „Buschenschank Trio“ (für Piccolo und Basstuba) sowie drei Klavierstücke sind ebenso seiner Feder entsprungen – im wahrsten Sinn des Wortes. Der überaus aktive Komponist schreibt tatsächlich auch heute noch seine Noten allesamt mit der Hand. Und es sind derer nicht wenige. Sein Leben war immer schon von Musik geprägt, von Kindheit an – weit über 400 Kompositionen zählt er bis heute. In allen Sparten ist der musikalische Tausendsassa dabei aktiv: So finden sich (derzeit 17) Symphonien, Musik für Soloinstrumente, Kammermusik, Filmmusik, Lieder, Duette, Chansons, Chorwerke, Kantaten, Oratorien, das welterste Werk für Saxophon-Quartett und Orgel oder die „Österreich-Kantate“, die 1975 am Grazer Hauptplatz unter Alois J. Hochstrasser uraufgeführt wurde, unter seinen Werken.

 

DSCN2258Bekannt ist Haidmayer wohl für seine Kennmelodien im ORF – in den 70er und 80er Jahren stammten zahlreiche Kennungen für „Steiermark heute“ aus seiner Feder. Diese und die Filmmusik sind „auch finanziell am lukrativsten“, denn „leben kann man vom Komponieren nicht, nicht bei meiner Musik“, so der sympathische Künstler. Auf die Frage nach seinem persönlichen Lieblingswerk kommt fast ohne zu zögern: „Die 15. Sinfonie, uraufgeführt in Gratkorn.“ Sein bislang größter Publikumserfolg aber sei die 16. Sinfonie, die 2005 in Litauen uraufgeführt wurde.

 

Ein Großteil seiner Original-Manuskripte ist heute in der Nationalbibliothek in Wien und auf der Kunstuni Graz archiviert. Leider habe er seine alten Skizzen früher alle verheizt – „ich wusste nicht, dass das so wertvoll ist, früher haben ja nur die Originalpartituren gezählt. “ Heute dagegen wird alles fein säuberlich aufgehoben und archiviert. Mittlerweile wurde begonnen seine handschriftlichen Werke zu digitalisieren, um sie besser für die Nachwelt zu erhalten.

Auch als Pianist hat Karl Haidmayer Erfolge gefeiert. Seine Auftritte haben ihn um die ganze Welt geführt. Besonders die Tournee mit Marianne Kopatz 1968, für die er Lieder und Chansons geschrieben und sie dazu am Klavier begleitet hat, ist ihm in bester Erinnerung geblieben.

Ein großer Teil seines Lebens stand im Zeichen der Lehre und Weitergabe seines Wissens: Karl Haidmayer unterrichtete lange Jahre an der Musikhochschule in Graz, am Konservatorium und der Uni Wien. Als freier Mitarbeiter des ORF war er als Konzertkritiker tätig, hielt Vorträge und belebte so manche Diskussion, war Aufnahmeleiter, brachte 50 Sendungen „Die gute Schallplatte“ und schuf die Filmmusik zu über 40 Kulturfilmen im Fernsehen. Viele Bücher, Diplomarbeiten und TV-Sendungen erzählen von seinem reichen Leben und belegen sein eifriges Schaffen.

Ein weiteres handschriftliches Werk harrt derzeit seiner Veröffentlichung: Seit 1940 führt Karl Haidmayer Tagebuch, über 70 Bände mit weit über 25.000 Seiten hat er vollgeschrieben, reich illustriert mit eigenen Zeichnungen – es ist geplant, dieses umfangreiche Oeuvre in Buchform herauszubringen.

Das Künstlerische liegt ihm im Blut. Und die Begeisterung dafür. Da spricht ein Mensch, der seine Leidenschaft lebt. Beim Abschied küsst er mir formvollendet die Hand, begleitet mich zum Gartentor. Ich wage zu hoffen, dass wir noch viel hören werden von diesem beeindruckenden großen Komponisten.

 

IN: KLIPP, April 2013