Portrait Rosemarie Kurz

Wie ein Wirbelwind, mit rotblondem Wuschelkopf und leuchtenden Augen, so stürzt sie ins Zimmer, die Frau Magister Rosemarie Kurz. Und ich habe meine liebe Müh und Not, meine vorbereiteten Fragen zu stellen, denn sie sprudelt über, erzählt, lacht, kommt vom hundertsten ins tausendste, berichtet von ihrer Arbeit, ihrem prallgefüllten Leben. Und ich bin so fasziniert, daß ich beinahe aufs Mitschreiben vergesse. Eigentlich sollte sich das Interview um ihre Arbeit drehen – sie leitet das Referat für Generationenfragen an der Grazer Hochschülerschaft und hat einige bemerkenswerte Projekte entwickelt – aber viel zu interessant ist auch ihr eigenes Leben, ihre Entwicklung, ihr Werdegang, und wie sie schlußendlich zu dieser Aufgabe gekommen ist. Denn immerhin, Frau Magister Rosemarie Kurz kann einiges an Erfahrung einbringen in ihre Arbeit, sie hat vor jahren schon ihre „dritte Karriere“, wie sie es nennt, gestartet, und sie hat vor kurzem ihren 60. Geburtstag gefeiert. Ihre Arbeit, ihr Engagement gehört den älteren Menschen, den Senioren, denn „wenn man heute in Pension geht, hat man noch ein Drittel seines Lebens vor sich“ – und das muß genutzt werden, darauf muß man sich vorbereiten, ist ihre Überzeugung.

„Die Pension war früher gedacht für die letzten paar Lebensjahre, die Lebenserwartung war ja viel geringer.“ Heute bedeute „in Pension gehen“ der Start zum dritten Lebensalter. „Ältere Menschen sind sehr wohl in der Lage, für die Gesellschaft nützlich zu sein.“ Man muß nur aktiv bleiben – „aktio, ergo sum“ (ich handle, also bin ich), lautet ihr Motto, eine feine, aber berechtigte Abwandlung des berühmten Spruches des Philosophen Descartes. „Der ältere Mensch braucht täglich seinen Adrenalinstoß, um jung zu bleiben. Er muß raus, unter Menschen, unter junge Menschen, um nicht stehenzubleiben.“ Eu-Streß ist für Rosemarie Kurz das Zauberwort, also jener positive Streß, der den Menschen ankurbelt, in Bewegung bringt. Und der fehlt ihrer Ansicht nach den älteren Menschen sehr oft.

Dabei ist sie selbst das beste Beispiel, wie jung und lebendig ein Mensch auch mit sechzig sein kann, wenn er sich nicht daheim verkriecht, sondern aktiv am Leben, am Weltgeschehen teilnimmt. Daß sie dafür einfach nur bessere Voraussetzungen mitbringt, ist sicher nicht der Grund. „Ich hatte einen typisch weiblichen Lebenslauf“, meint sie. Aufgewachsen als Kriegskind hat sie Verfolgung, Bomben, Hunger hautnah miterlebt. „Als Achtjährige habe ich am Feld Kartoffeln ausgegraben und roh gegessen“, der Hunger war so groß. Dann als Jugendliche gehört sie zur „verlorenen Generation“ – die alten Ideale waren verpönt, doch es gab keine neuen Richtlinien.

„Wir wurden im Grunde ganz traditionell nach NS-Idealen erzogen, unser Mütter kannten ja nichts anderes. Was Hitler gepredigt hatte, wie etwa „Frauen an den Herd“ , wurde erst nach dem Krieg so richtig umgesetzt. Trotzdem erhält sie eine Berufsausbildung als Lehrerin. Ihr Traum jedoch, wie der aller Mädchen damals: zu heiraten, Kinder zu kriegen und den Beruf aufzugeben. Etwas anderes war damals kaum vorstellbar. Sie heiratet einen Deutschen und folgt ihm in seine Heimat. Zwei Kinder kommen zur Welt und Rosemarie gibt ihren Beruf auf, denn es wird nicht gern gesehen, daß eine Ehefrau und Mutter arbeiten geht. Ganz kann sie es jedoch nicht lassen, sie arbeitet ein wenig nebenbei, übernimmt viele ehrenamtliche Tätigkeiten und gründet einen Judoklub, um ihren Kindern einen Zugang zu dieser Sportart zu ermöglichen. „Wir haben angefangen mit zwei Matten und vier Trainern, und hatten auf Anhieb 80 Anmeldungen.“

Doch dann bröckelt die Ehe, ihr Mann hat eine Freundin, und sie hat die Wahl: als Fremde weiterhin in Deutschland zu leben, die Kinder an den Mann zu verlieren, oder zurückzugehen nach Österreich. Sie entscheidet sich für letzteres, nimmt die Kinder mit, reicht die Scheidung ein und hat Glück: sie bekommt das Sorgerecht zugesprochen. „Still und heimlich bin ich mit den Kindern nach Österreich geflüchtet, in einem Lastwagen, mit knapp 50 DM in der Tasche“ – für die damalige Zeit ein waghalsiges Unterfangen. Sie findet wieder Arbeit als Lehrerin und baut sich hier ein eigenes Leben auf. Und wieder zeichnet sich ein „Spurwechsel“ ab: als alleinerziehende Mutter ist sie trotz Beruf oft sehr isoliert. Vielen Lehrerkollegen ist sie mit ihrem außergewöhnlichen und lebendigen Unterricht ein Dorn im Auge. Ihre Kinder, Sohn Rainer und Tochter Heide, sind im besten Teenageralter mit allen Marotten, die dazugehören, und es fällt ihr nicht immer leicht, sie zu verstehen. „Ich wollte mich nicht auf die Kinder draufhängen, ich mußte auch lernen loszulassen“.

Alles Herausforderungen, mit denen sie umgehen muß und will. „Also habe ich mir ein neues Feld gesucht, das mich glücklich macht und nicht viel kostet“: als 46jährige schreibt sie sich 1982 auf der Uni ein und beginnt, nebenbei Soziologie zu studieren. Die große Veränderung kommt fünf Jahre später, mit 51, als sie wegen gesundheitlicher Probleme in Frühpension gehen muß. Während andere hier aufgeben und sich zurückziehen, um in Ruhe ihren letzten Lebensabschnitt zu verbringen, startet sie voll durch. „Ich habe mein Auto verkauft und bin auf Radfahren umgestiegen“ – beachtlich, wenn man bedenkt, daß Rosemarie Kurz außerhalb von Graz wohnt und eine ziemliche Strecke zu bewältigen hatte – und das täglich, denn sie sattelt um und fängt an, mit vollem Einsatz Volkskunde zu studieren. Leicht war es nicht, „ich habe zuerst einmal drei Semester gebraucht, nur um mich auf der Uni überhaupt zurechtzufinden“. Aber sie schafft es: an einem denkwürdigen Tag im Juli 1993 feiern sie gemeinsam ihren Studienabschluß – Rosemarie, ihre Tochter, die ihr Jusstudium beendet hat und ihre 87jährige (!) Mutter, die Zeitgeschichte studiert hat, um ihre eigene NS-Vergangenheit zu bewältigen. Eine erstaunliche Familie, die den Weg geebnet hat für viele ältere Menschen, die heute mit Begeisterung die Hörsäle füllen.

Österreichweit gibt es mittlerweile rund 13.000 Seniorenstudenten, und es werden jährlich mehr. Weil sie aber aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es ist, die Anfangshürden zu bewältigen, hat Rosemarie Kurz 1988 das damalige Seniorenreferat der österreichischen Hochschülerschaft in Graz übernommen. Vor kurzem hat sie es umbenannt in Referat für Generationenfragen, denn sie will „keine Gruppenegoismen stärken“, sie will an alle Menschen herankommen. Sie bietet Beratung und Studienhilfe für ältere Studierende an, organisiert Führungen durch die Universitätsbibliothek, die so gut ankommen, daß auch jüngere Studenten gerne teilnehmen wollen. Aus einem Vortrag über Osteoporose, der sehr gut ankommt, entwickelt sie 1988 die zweisemestrige Ringvorlesung Alterswissenschaften, eine Reihe wissenschaftlicher Vorträge, die sich speziell mit dem Alter auseinandersetzt. „Früher kamen zu dieser Vorlesung vor allem 50- bis 70jährige. Seit wir die Ringvorlesung umgetauft haben in Intergeneratives Lernen, besteht die Hälfte der Zuhörerschaft aus jungen Leuten“, freut sich Rosemarie Kurz, der sehr viel daran liegt, verschiedene Generationen zusammenzubringen, eine Kommunikation aufzubauen zwischen jung und alt.

Seniorenheime bezeichnet sie respektlos als „Alterskindergarten“, sie hält nichts davon, alte Menschen ins Ghetto zu sperren, wo sie nur mehr auf den Tod warten können. Um auch abseits der Universität für Senioren etwas bieten zu können, gründet sie die Plattform „Frauen 50 plus“, die Weiterbildung, Freizeitgestaltung und Arbeitskreise organisiert. Vor fünf Jahren hat sie die GEFAS ins Leben gerufen, die Gesellschaft zur Förderung der Alterswissenschaften und des Seniorenstudiums, einen Verein, der sich mehr Lebensqualität im Alter zum Ziel gesetzt hat.

1994 startet sie nimmermüde ein neues Projekt in Graz, das mittlerweile in Vorbereitung zu einer österreichweiten Umsetzung steht: „Wohnen für Hilfe“ soll jungen Studierenden eine erschwingliche Wohnmöglichkeit und älteren Menschen Hilfe, Versorgung und Gesellschaft bringen.
Doch eigentlich ist es unmöglich, über alles zu berichten, was Rosenarie Kurz noch auf die Beine stellt. Ihr Arbeitstag hat mehr als acht Stunden, und das, obwohl ihre Tätigkeit „nur“ ehrenamtlich ist, sie bekommt keinen Schilling für ihr Engagement, im Gegenteil, sie kämpft hartnäckig darum, Gelder aufzutreiben, um ihre Arbeit, die Zeitschrift, die sie herausgibt, die vielen Projekte und Veranstaltungen und ihre einzige fixangestellte Mitarbeiterin finanzieren zu können. Aber sie strahlt soviel Energie und Begeisterung aus, daß man nur zuversichtlich sein kann. Wer sie kennenlernt, verliert die Angst vorm Alter – und das mag wohl ihre größte Leistung sein.

IN: FRAUENBLATT, 1996