Scheidungsmänner – Auch ihre Seele leidet

Scheiden tut weh, sagt ein altes Sprichwort. Und es stimmt: eine Trennung vom Lebens- oder Ehepartner ist immer schmerzhaft. Auch wenn beide einvernehmlich zu der Entscheidung kommen, daß eine Trennung das Beste ist. Was einstmals mit großen Gefühlen und vielen Hoffnungen begann, liegt nun unter Trümmern begraben. Ein Lebensabschnitt ist vorbei – das Leben geht weiter. Wie aber gehen Männer um mit dieser Situation? Sind sie wirklich diese Ungeheuer, die sich aus blankem Egoismus davongemacht haben und Frau und Kinder ungerührt zurücklassen? Oder sind sie lediglich bedauernswerte Opfer ihrer eigenen Beziehungsunfähigkeit?

Dr. Klaus Sejkora, klinischer Psychologe und Psychotherapeut in Linz, beschäftigt sich seit langem schon mit den seelischen Nöten der Männer. Sein Anliegen ist es, die Situation des Mannes, sein Verhalten, seine Gefühle in den Blickpunkt zu rücken, ohne dabei Männer(leiden) gegen Frauen(leiden) auszuspielen. Er analysiert und beschäftigt sich vor allem mit Trennungserfahrungen, mit der speziellen Situation von Männern während und nach einer Scheidung oder Trennung.

Betrachten wir Herrn F. als Beispiel: verheiratet, zwei halbwüchsige Kinder, in Scheidung lebend. Herr F. ist von daheim ausgezogen, hat sich modernes Appartement gemietet, das er mit seiner blutjungen Freundin bewohnt. Er hat sich eine neues Auto gekauft, einen schnittigen Sportwagen, und genießt, wie er sagt, sein neues Leben, seine neue Freiheit. Die Kinder, die er regelmäßig besuchen kann, vernachlässigt er, „sie werden nur von der Mutter aufgehetzt“. Und seine (Ex-)Frau beschimpft er sowieso nach Strich und Faden, wo immer er kann. Für sie ist er ein bösartiger Fremder geworden, der die Kontrolle über sich verloren hat und völlig ausflippt.
Midlifecrisis, werden viele sagen, ein altbekanntes Klischee. Kein Einzelfall und kein Klischee, sondern typisches Verhaltensmuster, meint Dr. Sejkora, der in seiner Praxis oft mit solchen Fällen konfrontiert ist.

Nehmen wir dagegen Herrn K., der ebenfalls seit einiger Zeit von Frau und Kindern getrennt lebt: Er kommt über die Trennung nicht hinweg, hat sich völlig zurückgezogen, leidet furchtbar, ist antriebslos und passiv, trinkt mehr als ihm guttut. Sein Leben hat für ihn jeden Sinn verloren.

Zwei Extremfälle? Erfunden, übertrieben? Keineswegs, nur zwei Beispiele für die möglichen Gefahren, denen Männer ausgesetzt sind, die sich in Trennungssituationen befinden. Den „narzißtischen Höhenflug“ einerseits und das „depressive Abrutschen“ andererseits, nennt der Psychologe die beiden Verhaltensmuster. Und beiden liegt das gleiche Prinzip zugrunde: Wer sich nicht mit seiner Situation auseinandersetzt, sich Fragen stellt, nach den Ursachen für das Scheitern einer Beziehung sucht, läuft Gefahr, hinter einem mächtigen Abwehrpanzer zu verschwinden. Ob dieser Abwehrpanzer darin besteht, alle Schuld von sich zu weisen und ausschließlich der Ex-Frau in die Schuhe zu schieben – in der Psychologie Projektion genannt – oder ob ich alle Schuld auf mich nehme, und den Rest der Familie zu Heiligen erkläre – mit dem Fachausdruck Retroflexion bezeichnet – in beiden Fällen setzt man sich nicht wirklich mit der Situation auseinander. Man ist nicht bereit, realistisch zu betrachten, was sich im Laufe der Zeit ereignet hat, wo die Ursachen dafür liegen, daß aus einer einstmals glücklichen Beziehung nun zwei erbitterte Feinde geworden sind.

Substitution ist ein weiterer Mechanismus, der die Seele vor Erschütterungen schützen soll: Eine Trennung löst immer viele Gefühle aus, Wut, Trauer, Schuld – wer ein Gefühl hervorhebt, begräbt darunter die anderen. Die Wut des Herrn F. schützt ihn davor, seine Trauer, seine Schuldgefühle wahrnehmen zu müssen. Und die Trauer des leidenden Herrn K. lenkt ihn ab von seiner Wut, seiner Wut und den Aggressionen, weil auch andere Fehler gemacht haben. Verleugnung zieht sich als weitere Strategie durch das Verhalten beider: Verleugnung der Realität, Verleugnung der Tatsache, daß auch der andere leidet, daß die Kinder leiden, daß die anderen ebenso rechthaben können, daß es auch einmal schöne Zeiten und viel Liebe gegeben hat, ebenso wie es auch schon vorher gekriselt hat und Probleme aufgetaucht sind – auch wenn man ihnen die längste Zeit lieber aus dem Weg gegangen ist.

„Der Mann hat viele Gründe, die Realität zu verdrängen“, meint Sejkora, er müßte den Schmerz und die Trauer aushalten, den Verlust seiner einstigen Hoffnungen und Vorstellungen, er müßte sich eingestehen, daß er auch Angst empfindet, Angst vor der Zukunft, Angst davor, wie es weitergeht, er müßte sich seinen Schuldgefühlen stellen, seinem Anteil am Scheitern der Partnerschaft. Das sind schwer zu bewältigende Aufgaben, die einen Menschen „stark in die Nähe der Gefahr einer seelischen Erkrankung rücken“ – der Therapeut plädiert sogar dafür, daß für alle Geschiedenen eine Psychotherapie sinnvoll wäre. Vor allem für Männer, die nie gelernt haben, sich mit den Beziehungen in ihrem Leben auseinanderzusetzen, mit ihren Gefühlen umzugehen, sie überhaupt als solche zur Kenntnis zu nehmen, – vor allem für jene Männer sind diese Aufgaben alleine kaum zu bewältigen.

„Die Abwehrprozesse, die die Seele so gefinkelt einsetzt, um sich zu schützen, funktionieren nämlich nicht 100prozentig, denn auch ein geschiedener Mann wird ständig mit seinem Vorleben konfrontiert, sei es in Form seiner Kinder oder den unzähligen rechtlichen, finanziellen oder organisatorischen Belangen“. Er muß also seine Strategien verstärken, intensivieren – Herr F. hebt immer mehr ab vom Boden der Realität, sein Haß auf seine Ex-Frau wächst, Herr K. wird immer depressiver, vielleicht arbeitsunfähig, vielleicht krank – ein Teufelskreis entsteht, der schwer zu durchbrechen ist. Alkoholsucht, die Flucht in die Arbeit, in pausenlose Aktivitäten, ständig wechselnde Freundinnen, maßlose Selbstüberschätzung – all das sind nicht Zeichen einer neuen Freiheit, einer neuen Selbstentfaltung, sondern Maßnahmen der Seele, die sich vor Schmerz und Trauer schützen will. Erst wem es gelingt, diesen Panzer aufzubrechen, sich den „inneren Lösungsaufgaben“, wie Sejkora sie nennt, zu stellen, ist fähig, die Trennung zu bewältigen und wieder lebens- und liebesfähig zu werden.

 

IN: SOLIDARITÄT, 1997