So nutzen Sie kleine Pausen richtig

Kaum jemand wartet gerne. Warten ist verlorene Zeit. Heutzutage will jede Minute bestens genutzt werden. Wir zücken unser Handy oder iphone sobald wir auch nur irgendwie gerade eine freie Sekunde haben. Wir sind genervt, wenn wir im Stau stecken, in der Schlange anstehen müssen, das bestellte Essen auf sich warten lässt, der Partner trödelt, die Kinder sich nicht vom Spiel losreißen können. Vergeudete Zeit, noch dazu, wo wir ohnehin immer zu wenig davon haben.

Was wir als lästiges Warten empfinden, ist manchmal jedoch ein notwendiges Wachsen und Reifen. Es braucht Zeit, bis ein Kind heranwächst. Bis aus kleinen Samenkörnern reife Früchte werden. Bis der Kuchen fertiggebacken, der Schnee geschmolzen, eine Lösung gefunden ist. Bis ein Kummer vergeht. Bis der Hochzeitstag heranrückt. Vergessen wir denn auch nicht die Vorfreude, diese gespannte, erwartungsvolle Ungeduld: Das Warten aufs Christkind, die erste eigene Wohnung, auf den Anruf des Geliebten, den baldigen Urlaub, das Wochenende… unser Leben wäre ein wenig glanzloser, wenn wir es nicht hätten, dieses sehnsüchtige Warten, bis es endlich soweit ist.

Dann gibt es aber auch noch die vielen kleinen Wartezeiten in unserem Alltag. Wir sind so programmiert immer produktiv zu sein, immer am Tun und erledigen, dass uns diese Zwischenzeiten als lästig, überflüssig erscheinen. Sind sie aber nicht. Wir alle brauchen den Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, zwischen Tun und Nichttun. Unser Körper ist auf einen bestimmten Rhythmus eingestellt: Schlafen und Wachsein, Bewegung und Ruhe, Aktivität und Abschalten. Ein- und Ausatmen. Gut also, wenn wir im Tun auch eine Zeit des Innehaltens finden können.

So werden uns im Laufe eines Tages viele kleine Pausen geschenkt. Was wir als störend betrachten, kann ein Geschenk sein. Eine Zeit des Nichtstuns, einmal kurz verschnaufen, innehalten, zu sich kommen, nach innen hören, die eigene Stimme wahrnehmen. Vielleicht noch einmal den Tagesablauf durchgehen, das Gespräch von vorhin nachwirken lassen. Warten als heilsame Unterbrechung.

Wie also kann ich den Moment nutzen? Gelassen. Statt getrieben. Das setzt voraus, dass wir achtsam sind. Im Augenblick sind. Nicht alles kontrollieren wollen. Planen. Im Griff haben. Sondern schauen, was passiert, was ist. Vielleicht lerne ich gerade beim Warten an der Supermarktkassa den Mann meines Lebens kennen. Oder werde in ein spannendes Gespräch verwickelt beim Warten auf den nächsten Bus. Es hängt ganz von uns selbst ab, wie wir Wartezeiten erleben. Wie sagt ein Sprichwort so schön: „Zu dem, der warten kann, kommt alles mit der Zeit“.

 

IN: DAS GOLDENE BLATT, 2013