Tango – getanzte Umarmung

Tango Argentino. Ein Mythos. Der augenblicklich Bilder vor unserem inneren Auge entstehen lässt – von Tanzpaaren in enger Umarmung, mit ernsten Mienen, voller Leidenschaft, Melancholie, Erotik, Hingabe, Sehnsucht.
Was hat es auf sich mit diesem Tanz, der aus den Slums von Argentinien und Uruguay, den Einwanderervierteln vom Rio de la Plata vor über 100 Jahren seinen Siegeszug rund um die Welt angetreten ist? Paris, Berlin, Mailand zählten zu ersten Tango-Zentren in Europa, heute gibt es kaum eine Stadt, in der nicht Tango getanzt wird. “Diese Begeisterung“, schreibt Susanne Köb, „hat Kunst und Wirtschaft inspiriert und eine ganze Reihe von anderen Artikeln und Nebenprodukten hervorgebracht, wie z.B. Tango-Schuhe, Tango-Reisen oder Tango-Malereien.“
Tango tanzen ist in. Es ist ein Virus, der einen, wenn einmal befallen, nie wieder loslässt. Es ist diese Mischung aus Musik, Bewegung, intimer Nähe und intensiver Kommunikation im Paar. Es gibt keine Reglementierungen und festgelegten Figurenfolgen, die freie Interpretation der Musik, die Nähe und Übereinstimmung im Paar stehen im Vordergrund. Alles basiert auf winzigen Bewegungseinladungen, die angenommen, übernommen werden können. Tango ist Improvisation, ist immer wieder neu, immer wieder anders. Es ist schwer die Faszination des Tango zu beschreiben – man kann sie eigentlich nur erspüren, selbst entdecken.
Richard Büttgen, der in Graz Milongas veranstaltet (das sind die traditionellen Tanzabende beim Tango) und die Tango Graz Homepage betreibt, ist selber seit über zehn Jahren passionierter Tangotänzer. Nach einer romantischen Milonga mit Rotwein im Glashaus am Donaukanal, für die er extra nach Wien gereist ist, erzählt er: ”Tango ist für mich die Harmonie und Verschmelzung mit einem anderen Körper im Rhythmus der Musik. Dies ist nicht nur auf körperlicher dynamischer Ebene der Fall, sondern auch auf kommunikativer Ebene. Tango ist insofern eine Form der Kommunikation und Sprache.“
Tangotänzer sind reiselustig. Man fährt zu Workshops und Milongas in benachbarte Städte, bucht Tangoreisen und plant sich Tango-Highlights unterm Jahr ein, bei denen man sich immer wieder trifft. Beispielsweise das jährliche Tango Amadeus Festival im Wien jeden Mai oder das Mediterranean Summer Tango Festival in Porec im Juli.
Die restliche Zeit wird vor Ort in Kursen gelernt oder bei sogenannten Prácticas geübt (so nennt sich das freie Üben unter Anwesenheit von Lehrern, die im Bedarfsfall eingreifen, beraten können). Jede Tanzschule bietet mittlerweile Tango Argentino Kurse für alle Niveaus an. Wobei es sich empfiehlt, die Kurse mehrfach hintereinander zu besuchen, um wirklich gut in die komplexe Welt des Führens und Folgens eintauchen zu können. Auch Tangovereine haben regelmäßig Kurse und Workshops laufen, dazwischen werden immer wieder „Maestros“ von auswärts eingeladen, um in ein- oder mehrtägigen Workshops ihren Tanzstil, neue Figurenfolgen, interessante Details zu präsentieren. Man lernt nie aus beim Tangotanzen. Und es dauert anfangs eine ganze Weile, bis man das Führen und Folgen, die vielen trickreichen Figuren und Verzierungen beherrscht. Das braucht Durchhaltevermögen. Wobei der Tango auch in seiner einfachsten Form, im reinen Gehen und Innehalten, in leichten Drehungen und Richtungswechseln schon viel von seinem Zauber entfaltet.

Sabine Klein und Thomas Mayer von SaTho-Tango, Wien tanzen seit rund zehn Jahren Tango. Seit 2009 geben sie auch Kurse und Workshops, bieten Milongas und Prácticas an. Um das umfangreiche Tango-Angebot in Wien zu bündeln, haben sie im Mai 2011 die Homepage Tango-vienna.com ins Leben gerufen. Um, wie sie sagen, „der Wiener Tangoszene, die ja eine Szene fernab der Standard Tanzschulen ist, eine Plattform zu geben. Außerdem bestand die dringende Notwendigkeit eine neutrale Plattform zu schaffen in der kein Veranstalter durch besondere Hervorhebung seiner Angebote bevorzugt wird. Der Kalender wird ausschließlich von uns finanziert und ist somit ein Geschenk an die Tangoszene. 40 Veranstalter haben momentan einen Zugang zum Kalender. Um die 1000 Menschen greifen täglich auf den Kalender zu.“
Viele praktische Informationen finden sich auch in Susanne Köbs Buch „Tango macht glücklich“. Ob es darum geht, wie man einen passenden Kurs findet über die spezielle Tango-Etikette und die Sprache des Tango, vom Dresscode über das Üben bis hin zum Tangotourismus wird hier alles in einfachen Worten behandelt – ein guter Überblick für angehende Tangotänzer, aber auch für alle, die schon länger dabei sind und sich über manche Besonderheiten wundern.
Wer also bis jetzt noch nicht ordentlich Lust gekriegt hat, sich dem Tango zu nähern, der möge im Buch schmökern oder einmal als Zaungast bei einer Milonga zuschauen oder sich eine Tango-Show gönnen… spätestens dann sollte der Virus übergesprungen sein.
Übrigens: Seit 2009 ist der Tango „Weltkulturerbe“!

IN: TANZSCHRITT 3/2014