Tangogeschichten (Auszüge)

VON EINER, DIE AUSZOG, DEN TANGO ZU LERNEN…

Wann ich meine ersten zögerlichen, tapsigen Tango-Schritte gemacht habe? Ich weiß es nicht mehr so genau, muss wohl schon ein paar Jährchen her sein. In einer Tanzschule, das ist gewiss. Vor, seit, rück, gehen im Rechteck, gemeinsam mit einem mir unbekannten Tanzpartner, der, zur Gänze konzentriert auf seine eigenen Füße, mich nur unsicher vor sich her schob, und an den ich mich heute nicht mehr erinnere. Dann der erste Ocho, eine kleine Drehung in der Hüfte, noch wackelig, ungelenk, aber mit Stolz. Anfangs schien alles irgendwie ganz leicht. Keine Ahnung, warum alle so stöhnten. Tango? Den lernt man nie. Nie wirklich, nie ganz, nie bis zur Perfektion. Seufzten die, die es wissen mussten. Die jahrelang schon tanzten, übten. Immer nur eine Annäherung, ein weiterer winziger Schritt in die angestrebte Richtung, dorthin, wo diese leidenschaftliche Musik pulsiert, das Herz des Tango schlägt. Kann ich als moderne, mittelstädtische und ahnungslose Europäerin, die ich keinen Bezug zur Geschichte des Tango habe, die den Großteil ihres bisherigen Lebens ohne Tango ausgekommen ist, die ich noch nie in Buenos Aires, am Rio de la Plata war, der Wiege des Tango Argentino, die Gardel und Piazolla, Pugliese und Troilo nur als lose Namen vom CD-Cover kennt, kann ich also jemals so vermessen sein, den Tango lernen zu wollen? Begreifen, fühlen, tanzen zu wollen?
Ich habe nicht viel darüber nachgedacht. Ich wollte tanzen. Und die Musik, diese unter die Haut ziehende, leicht schwermütige, getragene Folgen von Tönen, Klängen, Rhythmen, die hat mir gefallen. Die hat sich wie von selbst getanzt. Das bisschen gehen und drehen, das schien recht einfach. Das erste Kreuzen, geht ja. Dazu der ernste Gesichtsausdruck der Tanzenden ringsum, wie sie achtsam, sorgsam ihre Schritte setzten, ihre Füße beobachteten, die langsamen Bewegungen, all das gab der Situation, passend zur Musik, Bedeutsamkeit, Tiefe. Und sah schon von Anfang…


VON DER QUAL DER WAHL

Wer Tango tanzen will, braucht ein Gegenüber, einen Tanzpartner, eine Tanzpartnerin. So weit, so gut. Weniger gut ist nur, dass das Verhältnis Männer – Frauen beim Tango tanzen heutzutage ein klein wenig unausgeglichen ist: Es gibt gefühlte 100 Prozent mehr tanzwillige Damen als tango-bereite Herren. Das sorgt für ein immerwährendes Dauerproblem: wo krieg ich als Dame einen einigermaßen brauchbaren Herren her? Dabei war das nicht immer so. Denn unter den Millionen Einwanderern, die Ende des 19. Jahrhunderts die Hafenstädten am Rio de la Plata in Argentinien und Uruguay bevölkerten, herrschte eklatanter Frauenmangel. Hier, in diesem Schmelztiegel der Kulturen, hatte das Herz des Tango zu schlagen angefangen. Inmitten von Armut, Not und Einsamkeit, von Gewalt, Hunger und Sehnsucht. Hier wurde Musik gespielt, es wurde getanzt. Und mangels Frauen tanzten eben auch die Männer miteinander. Und sie tanzten um die wenigen Frauen, umwarben sie, kosteten den Moment aus, da man einander berühren, den Körper des anderen spüren konnte. Damals schon muss es entstanden sein, dieses Wissen, dieses Spüren, das auch heute noch gilt: wer als Mann den Tango zu tanzen versteht, wer die Frau in seinen Armen zärtlich und leidenschaftlich, respektvoll und sicher zu führen vermag, dem gehört die Welt. Dem liegen die Damen zu Füssen. Das muss im 19.Jahrhundert ebenso schon so gewesen sein, wie es heute ist. Ein Mann, der Tango tanzen kann, wird nie ein Problem haben, eine Frau zu finden. So viel für romantische Herzen.
Für pragmatischere Denkerinnen stellt sich die Frage: Wie komm ich ran an so ´nen Mann? Hier wünschte ich mir ein bisschen mehr von der vielzitierten Qual der Wahl. Wobei, wenn ich auf meine Erfahrungen zurückblicke: Für die ersten Schritte findet sich wohl noch eher ein Tanzpartner. Denn jeder Mann ist vermutlich froh, wenn er erst mal beschlossen hat, den Tango zu erkunden, eine ebenso…


UNE LIAISON DANGEREUSE

Der Tango und die Liebe – mein Gott! Unschuldig war ich und naiv, als ich meine ersten Schritte im Tango gelernt habe. Ich habe mich gefreut, dass sich immer wieder ein Tanzpartner gefunden hat. Aber tatsächlich habe ich sie nicht wirklich wahrgenommen, die Herren, mit denen ich meine Schritte in den Tango tat. Wir waren blutige Anfänger, allesamt, und im Grunde war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt – die Schritte, die Musik, das Gleichgewicht, die richtige Drehung zur richtigen Zeit, da blieb kein Platz, sich groß um sein Gegenüber zu kümmern. Dachte ich. Anfangs. Dann kam er. Er tanzte mit mir und ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Diese Leichtigkeit, dieses Schweben, dieses Miteinander. Jede Bewegung ein Genuss, ein Ineinander-Versinken, ein Kommunizieren ohne Worte, stilles Verstehen, ach, schwer zu beschreiben, aber: es hatte mich gepackt. So also konnte Tango sich anfühlen. Das also war es, von dem alle schwärmten. Zwei Herzen im Gleichklang, Körper in vollendeter Harmonie. Zumindest habe ich es so in Erinnerung. Eine schöne Zeit. Tango tanzen ohne Ende. Und eine heftige Liebe. Die ebenso heftig endete. Und mir den Schmerz meines Lebens beschied. Ich hatte auf einen Schlag alles verloren: meine Liebe und meinen Tanguero. Das tat weh, sehr weh. Und ich wusste instinktiv: nur eines konnte mich retten: der Tango selbst. Ich musste weiter tanzen, ich musste wieder raus, unter die Leute, musste mir meine Tangueros suchen. Aber ich wusste auch: ich will wieder tanzen, mit ganzem Herzen, mit Hingabe, jeden einzelnen Tanz. Mein Gegenüber hatte plötzlich ein Gesicht bekommen, war real geworden – ich hatte gelernt mit einem anderen zu tanzen, ihn wahrzunehmen, mich auf ihn einzulassen. Anfangs war ich noch oft den Tränen nahe. Jede Melodie war Erinnerung, war Schmerz. Und dennoch: ich denke heute, dass mich diese Erfahrung dem Tango näher gebracht hat, sie hat mein Herz geöffnet. Hat mich geöffnet für mein Gegenüber – für den Moment des Tanzes, einen Moment des Sich- Einlassens. Das ist das Gefühl, das den Tanz ergänzt. Vertieft. Ihm seine Seele gibt. Die Nähe zwischen zwei Menschen…

 

Erschienen in: TANGO GLOBAL, Band 1, Tango in Berlin, Allitera Verlag, Dez. 2014