To the point

Rolling Pin Kolumnen 1992-1994

 

„und i wart auf a essen und es kummt net, kummt net…“ (1994)

ein traumhafter herbsttag im oktober. eine ehemalige wehrburg in der oststeiermark, die heute als restaurant und hotel bewirtschaftet wird – schloß kapfenstein. wie geschaffen für einen kurzen ausflug während einer seminarwoche in bad gleichenberg.
bei strahlendem sonnenschein läßt man sich auf der terrasse nieder – und wartet. nach einiger zeit holt man sich mit müh und not eine kellnerin herbei und bestellt die ersten getränke und eine speisekarte – und wartet. nach ungefähr einer halben stunde stehen die getränke am tisch. die speisekarte hat ihren weg noch nicht gefunden. angesichts des wachsenden trubels im lokal wird man großmütig und organisiert sich die karte selbst – und wartet. nach einer weiteren halben stunde sowie etlichen vergeblichen nachfragen beschließt man, sich nicht mehr abwimmeln zu lassen und schreitet tapfer in die höhle des löwen: auf die schlichte frage, ob man dann bitte die bestellung aufgeben könnte, kommt unisono aus drei kehlen: „nein, wir haben keine zeit!“ leicht verunsichert überlegt man sich, ob man irrtümlicherweise vielleicht doch nicht im restaurant, sondern womöglich im privaten familienkreis gelandet sei. aber angesichts der vollen tabletts und des knurrenden magens erwähnt man vorsichtig, das man nunmehr seit einer stunde im gastgarten säße und nun doch gerne bestellen würde. „wir müssen die gäste bedienen, die reserviert haben“, kommt es unfreundlich zurück. „wären sie früher gekommen, hätten wir mehr zeit gehabt!“ erstaunt kann man erwähnen, das man ja ohnehin schon seit einer stunde im garten sitzt, aber das lässt das wirtinnenherz auch nicht schmelzen. das schlichte problem, das man später wieder zum seminar müsse und nicht ewig zeit habe, löst die wirtin mit der aufforderung: dann ist es besser, sie gehen woanders hin zum essen“. und es ist empfehlenswert, diesem rat zu folgen, denn sonst sitzt man womöglich im winter bei eis und schnee noch auf der terrasse vom schloß kapfenstein – und wartet.

 

“müllmänner, die zum mond fliegen” (1993)

viele sind heute schon auf dem umwelttrip: wer in der geschäftswelt eine zukunft haben möchte, muß einfach umdenken. umweltverschmutzung, giftige chemikalien, plastik und illegale mülldeponien sind out. in ist alles, was den menschen und die natur schont. nicht so bei coca-cola! der riesige getränkekonzern hat anderes im sinn. man hört es munkeln, dass die cola-betreiberkünftig auf glas verzichten wollen und ihr kostbares gesöff nur mehr in alu und plastik anbieten. man kann ja auch plastik wiederbefüllen (ein-, zweimal), und die superleichten plastikflaschen, die es jetzt schon hauptsächlich im eineinhalb- bis zweiliterformat gibt (höhere gewinne!), sind halt leichter zu transportieren (die arme hausfrau, die ohnehin nicht zum zielpublikum gehört, braucht nicht mehr so schwer schleppen). und zersplittern können sie auch nicht, die plastik- und alubehälter (verrotten allerdings auch nicht). unschlagbare argumente? die dosen hat anno dazumal sowieso erst coca-cola so richtig ins rampenlicht gesetzt. wer würde sie nicht kennen, die roten dosen, die überall auf der welt gehsteige, strände und grünflächen verunzieren?
wer die gut inszenierte werbung des getränkegiganten kennt, weiß wie das zielpublikum für cola aussieht: jung, dynamisch, erfolgreich, attraktiv, lebenslustig, selbstbewusst, mit vielen hobbies („müllmänner, die zum mond fliegen“ oder so ähnlich). nur leider haben all diese tollen menschen – falls es sie gibt – einen fehler: sie denken offensichtlich nur an sich. und nicht an ihre umwelt, ihren müll, und ihre kinder (die im alu- und plastikmüll einmal ersticken werden). es sind nicht nur die konzerne, die unsere umwelt zerstören, es sind auch die konsumenten, die bedenkenlos nach plastik greifen – weil es halt so praktisch ist.

 

“betrifft: die andere seite” (1993)

natürlich wollen wir nicht einseitig sein. da haben wir ein bild von südafrika gezeichnet, das „ausschließlich so“ sicherlich nicht zutrifft. eigentlich waren wir bisher auch der annahme, dass selten etwas „ausschließlich so“ zutrifft. diesen anspruch haben wir gar nicht. aber das es meist doch „auch so“ ist, wie wir es schildern, darauf legen wir schon wert.
tatsache ist jedoch, das es leider immer wieder zu unliebsamen zwischenfällen kommt, und ich muß ehrlich gestehen, diesen nervenkitzel brauche zumindest ich nicht unbedingt in meinem urlaub. auch meine ich, nicht die einzige zu sein, die ihre freien tage nicht gerne in „normalen“ touristischen zentren verbringt. ich bevorzuge ausflüge „fernab von den touristischen routen“, aber das kann in dem fall brenzlig werden, wie auch das südafrikanische fremdenverkehrsamt zugibt. und abgesehen davon finde ich es fast ein wenig pervers, in einem land urlaub machen zu wollen, das gerade geschüttelt wird von unruhen und krisen. und das man die zahlungsfähigen touristen fein säuberlich von der harten realität in südafrika abschirmen will, ist zwar sicherlich nett gemeint, aber ich könnte mir vorstellen, dass gerade diese tatsache die emotionale aufruhr noch schürt. wenn „in den townships“ die menschen um ihre menschenrechte, vielleicht sogar um ihr leben kämpfen, müssen sie sich doch erst recht verarscht vorkommen, wenn sich einige kilometer entfernt satte, reiche weiße touristen in den swimmingpools tummeln. aber wie gesagt, es gibt natürlich immer mehr als nur eine seite, und es gibt sicher genug menschen, die gerade jetzt unbedingt nach südafrika wollen. die möglichkeit, einen straßenkampf vielleicht hautnah mitzuerleben, ist halt ungleich aufregender als die schon zur genüge bekannte safari.

 

“der unterschied macht´s“ (1993)

schwarz kontra weiß in südafrika, serben gegen kroaten im ehemaligen jugoslawien, christen gegen protestanten in irland, einheimische gegen ausländer in ganz europa, nazis gegen juden (einst?) unter hitler, und männer gegen frauen beinahe überall auf der welt. die liste ließe sich natürlich noch beliebig verlängern, aber es macht schon keinen spaß mehr. tatsache ist bloß, dass es im prinzip immer und überall das gleiche ist – manchmal ein bisschen blutiger, manchmal ein bisschen subtiler – der (kleine) unterschiede macht´s.
man könnte meinen, dass der mensch seit seinen anfängen nur darauf bedacht ist, unterschiede festzustellen, um sie dann sofort bekämpfen zu können. du bist nicht wie ich, also wetze ich besser gleich mal das messer.
es ist eigentlich schon fast irrelevant, ob die unterschiede durch äußere merkmale zustande kommen oder durch unterschiedliche glaubensprinzipien.
wodurch ich mich von meinem feind unterscheide, ist völlig egal, hauptsache ich unterscheide mich eindeutig von ihm (gleich ob dafür die anzahl der muttermale oder die meinung über die richtige zubereitung von kartoffelpüree herhalten muß).
so gesehen würde ich dafür plädieren, dass man sich zur abwechlung einmal einen anderen gegener sucht, vielleicht einen, den alle menschen gemeinsam haben – die marsmännchen beispielsweise. dann könnten wir uns endlich alle verbünden und hand in hand in den gemeinsamen kampf gegen die marsmännchen ziehen (die sich ja wirklich gravierend von der menschlichen rasse unterscheiden). und auf unserer erde sehe es dann vielleicht ein bisschen friedlicher aus.

 

“die anderen sind wir” (1993)

ich weiß ja nicht, wie es anderswo zugeht, aber in vielen europäischen ländern diskutiert man zur zeit über den bedenklichen rechtsruck, die wachsende fremdenfeindlichkeit und die gewalt gegen andere, die anders sind als wir. kluge köpfe haben dabei schon längst entdeckt, dass hass und gewalt gegen andere viel mit der eigenen angst zu tun hat. angst vor dem fremden, dem unbekannten, dem neuen, dem andersartigen. auf den einfachen nenner gebracht: je mehr angst, desto mehr gewalt. aber das würde natürlich keiner zugeben.
und da gibt es noch so ein phänomen, dass in der sozialpsychologie ausführlich untersucht und behandelt worden ist: dass der mensch zu gruppenbildung neigt, wobei die eigenen gruppe meist die gute und die andere gruppe meist die schlechte ist. wer sich seiner identität nicht sicher ist, wer vor allem seine eigenen dunklen seiten (die jeder hat) nicht akzeptieren kann, der schiebt sie halt gern dem anderen in die schuhe.
schon ein säugling muß irgendwann lernen sich abzugrenzen, sich als individuum wahrzunehmen, das anders ist als seine mutter und sein vater. abgrenzung in gewissen rahmen ist nötig, sogar lebensnotwendig.
wenn ein mensch es aber nie richtig gelernt hat, sich seine eigene identität aufzubauen, sich seines individualismus bewusst zu sein, dann wird er alles fremdartige als bedrohung seiner eigenen, unklaren, diffusen identität auffassen. dann wird er die abgrenzung zu weit treiben. er muß alles bekämpfen, was nicht er ist, alles, was anders ist.
und anders sind immer die anderen. das problem dabei ist, das man selbst für jeden anderen immer der andere ist. damit wird man leben müssen.

 

„politik – was geht mich das an?“ (1993)

abgesehen davon, dass lady di sich scheiden lässt, und bill clinton vermehrt minderheiten wie frauen, homosexuelle und schwarze an der regierung teilhaben lassen will, gibt es noch andere dramen, die die welt zur zeit erschüttern. religions- oder besser bürgerkriege, unruhen, hungerkatastrophen und auslaufende öltanker tragen dazu bei, dass unser erdball endlich in ein kleines paradies verwandelt wird.
es gibt wenige gastronomie- und hotelfachleute, für die politik mehr als ein abgedroschenes wort ist. verhungerte oder ermordete kinder, auslaufende öltanker, vergewaltigte frauen, verseuchte meere – mein gott, schrecklich, aber was geht mich das an? ich arbeite zwölf stunden am tag, das kann ich mich nicht auch noch um so was kümmern. klar, der gehaltsscheck am ende des monats ist wichtiger.
problematisch könnte es nur werden, wenn einmal ein hotel nach dem anderen zusperren muß oder in ein lazarett umfunktioniert wird, weil es a.) krieg gibt, b.) keine gäste mehr gibt, c.) kein geld für derartigen luxus mehr gibt, und / oder d.) die umwelt so zerstört ist, dass kein mensch mehr urlaub am „öl-schwarzen“ meer zwischen fisch- und vogelleichen machen will. aber man könnte die einstigen luxusherbergen ja irgendwann einmal (falls die menschheit das noch erlebt) in museen verwandeln – wo unsere urenkel dann bewundern können, was es auf unserer welt einmal gegeben hat: „früher einmal haben die menschen nicht einmal sauerstoffmasken gebraucht, und es hat sogar noch echte tiere und so grüne pflanzen gegeben“.
… naja, man darf ja nicht zu schwarz malen.

 

“angebot und nachfrage” (1992)

weltweit beschäftigen sich wissenschafter seit geraumer zeit mit ihm. wie schaut er aus, was unterscheidet ihn von anderen, wo gibt es ihn, und vor allem, welche überlebenschancen hat er? der mann ´93! keiner von der alten, verstaubten sorte, dem die einstudierte knigge-höflichkeit aus dem mittlerweile schütteren haar tropft. auch keiner dieser möchtegern-machos, die sich ihr bis zur behaarten brust aufgeknöpftes hemd inzwischen wieder zugeknöpft haben, weil es den inzwischen gewachsenen bauchumfang so unschön betont. selbst dem karrierebewußten yuppie-typ ist mittlerweile die puste ausgegangen. und die vorübergehende zeiterscheinung des softie, der karriere, politik und revolutionen den rücken gekehrt hat, um sich an mamis beschützender brust auszuruhen, hat auch längst ausgedient. doch es raschelt vernehmlich im gebüsch. der theologe und philosoph paul m. zulehner ist den noch undeutlichen lauten nachgegegangen. was tut sich in der heimischen männerwelt? in einer österreichweiten studie hat er ihn gefunden: den neuen mann. selbstbewusst ist er und liberal, er teilt arbeitsplätze und hausarbeit gleichberechtigt mit den frauen. eine frau als boß ist für ihn kein problem mehr. um seine kinder will er sich auch kümmern, und nicht die ganze erziehungsarbeit den frauen in die schuhe schieben. sagt er zumindest. ob´s auch stimmt, das konnte uns paul zulehner nicht versprechen. das vielleicht entscheidende kriterium sind dabei möglicherweise wir frauen. denn: der markt wird immer noch von angebot und nachfrage bestimmt. wenn genügend bedarf besteht, dann hat er vielleicht eine (über-)lebenschance, der neue mann. noch steckt er auf jeden fall in den kinderschuhen. wir können nur hoffen, dass er bald erwachsen wird….

 

single unterwegs (1992)

es ist jedes jahr dasselbe: bei den ersten frühlingssonnenstrahlen überkommt mich die unbändige reiselust. vom übermut gepackt eile ich ins nächste reisebüro, wo sich der verkäufer vor eifer beinahe überschlägt, um mir seine super-luxus-topangebote schmackhaft zu machen: da gibt es ein romantisches weekend in paris, oder diese traumhafte flitterwochen-kreuzfahrt durch die ägäis. vorsichtig erwähne ich die tatsache, dass ich eigentlich plane, alleine zu reisen. der reise-verkäufer erblasst. aber der mann ist geschult. nach einer schrecksekunde zaubert er wieder ein lächeln auf sein gesicht und meint charmant, in einigen der hotels gäbe es natürlich auch einzelzimmer, allerdings müsse ich mit einem zuschlag von 80 % rechnen. was wiederum zur folge hat, dass ich kurzfristig erblasse. dass dieser brocken noch das kleinste aller übel ist, merke ich zwei wochen später, als ich mich auf meinem trip durch die pazifische inselwelt befinde. in den hotels wird mir im gegensatz zu den verliebt-verlobt-verheirateten die besenkammer als schlafplatz zugeteilt. im speisesaal quetscht man mich erst zwischen ein griesgrämiges, älteres ehepaar, wobei mich die weibliche hälfte des duos nur noch misstrauisch fixiert, während ihr männlicher gegenpart sich mehr und mehr aufplustert wie ein gockel, ein anderes mal erhalte ich den katzentisch gleich neben der küchentür, die mir die eifrigen kellner in regelmäßigen abständen ans schienbein knallen. der boy an der rezeption scheint der irrigen ansicht zu sein, dass er mir unbedingt meine einsamkeit versüßen müsse, was sich an eindeutigen blicken und zuvielen händen auf meiner hose bemerkbar macht. eine beschwerde beim hotelmanager bewirkt, dass sich nun selbiger bemüßigt fühlt, mir die zwischenmenschlichen schönheiten fremder kulturen näherzubringen. und ich überlege mir ernsthaft, meinen nächsten urlaub wieder auf dem heimischen balkon zwischen petersilie und geranien zu verbringen.

 

“haben sie das nötig?” (1992)

gebratene rotkehlchen, schildkrötensuppe, oder schlangengulasch – auf manchen speisekarten wimmelt es nur so von außergewöhnlichen „spezialitäten“ „unsere gäste wünschen so exotische, extravagante speisen“, hört man von seiten der geschäftsführung. je ausgefallener und je teurer, desto besser.
und die restaurants richten sich ja bloß nach dem geschmack der gäste. der konkurrenzkampf ist halt hart. in italien hat der umweltminister jetzt ein machtwort gesprochen: schluß mit dem vogelmord. denn in italienischen restaurants zählen rotkehlchen, finken und andere singvögel zu den ganz besonderen spezialitäten. ein gesetz soll jetzt die jagd auf singvögel verbieten.
gastwirte und „feinschmecker“, die es nicht lassen können, ihr offensichtliches geltungsbedürfnis dadurch zu stillen, dass sie tun, was nicht jeder tut, müssen künftig mit saftigen strafen rechnen. was wahrscheinlich den reiz noch erhöht…
der hotelier beeinflusst mit seiner speisekarte durchaus den geschmack seiner gäste.
und der koch, der nicht fähig ist, mit den landesüblichen zutaten auszukommen, muß eben auf „exotische leckereien“ ausweichen.
damit aufsehen zu erregen und gäste anzulocken, ist kein kunststück. es gibt leider genug menschen, die gerne damit prahlen, im urlaub „katzenaugen auf seerosenpüree“ probiert zu haben.
aber haben sie als gastronom das wirklich nötig? als hotelier und gastronom bestimmen auch sie über neueste trends im kulinarischen bereich. haben sie das moralische rückgrat dazu? können sie es sich erlauben, ihren gästen keine „froschschenkel á la paris“ anzubieten? sind sie als koch so versiert, dass ihre gäste davon schwärmen können, wie delikat hier die üblichen fleischspeisen zubereitet sind? oder müssen sie sich mangels genügender kochkenntnisse auf gebratene singvögel spezialisieren?