Urlaub juchu: Jetzt geht der Stress erst richtig los!

Da freuen wir uns wochen- ja monatelang auf unseren wohlverdienten Urlaub – und dann führt dieser diretissima ins Fiasko. Es gibt Zoff mit Ehepartner, Kindern und sonstigen Anverwandten, die Anreise ist eine Qual, am Urlaubsort kollidieren lautstark die unterschiedlichen Bedürfnisse, der Erholungswert ist gleich null und wenn wir zurückkommen und uns Hals über Kopf in die (liegen gebliebene) Arbeit stürzen, fragen wir uns: Kann es das tatsächlich gewesen sein?

Nein. So sollte sich Urlaub sicher nicht anfühlen. Leider aber häufen wir unsere im Alltag untergegangenen Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse über lange Zeit an und erwarten naiverweise, in ein, zwei, drei Wochen alles schnell, schnell erfüllen, unterbringen zu können. Der Traum vom Urlaub hilft uns den Alltag zu überbrücken – dafür aber soll der Urlaub auch ein Traum werden – und endet gerade deshalb nicht selten als Alptraum.

Was aber kann ich tun, um die „schönste Zeit des Jahres“ auch tatsächlich genießen zu können? Urlaub heißt, für eine Weile aus dem Alltag auszusteigen. Es ist eine Zeit, in der wir einen Ausgleich schaffen, uns erholen, Kraft tanken, Neues sehen und erleben können. Wir können unsere Batterien aufladen, uns mal genüsslich treiben lassen, tun, wonach uns der Sinn steht. Je nachdem was wir brauchen, können wir uns mal eine Weile zurückziehen und der permanenten Reizüberflutung adieu sagen oder wir können bewusst unseren Geist und unsere Sinne mit neuen Eindrücken, Erlebnissen füttern. Wichtig ist, dass wir im Urlaub unsere Energiespeicher wieder auffüllen. Und mal wieder bei uns selbst ankommen. Das braucht Zeit und meist auch eine gewisse Vorbereitung.

Oft aber erleben wir gerade vor und auch im Urlaub extremen Stress. Warum? Weil wir vor dem Urlaub halt gern noch möglichst alles erledigen wollen, was bisher liegen geblieben ist und am liebsten gleich ein bisserl vorausarbeiten, um danach nicht sofort von den Alltagspflichten überrollt zu werden – das ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit und bringt ordentlich Stress mit sich. In den Urlaub selbst wollen wir dann möglichst all das stopfen, wozu sonst nie Zeit ist – Familie, Freunde, aktiv sein, kreativ sein, reisen, am Strand liegen, Nichtstun, Kultur erleben, die Beziehung pflegen und wenn´s geht, auch noch schnell den Arzttermin, die Autoreparatur und den Hausputz unterbringen. Da steht dann oft mehr auf der to-do-list als im gewöhnlichen Alltag. Und der ist meist schon stressig genug!

Reist man zu zweit, zu dritt, zu viert… dann heißt das auch, dass viele verschiedene Bedürfnisse zusammenkommen, die untereinander nicht immer kompatibel sind. Und deren Erfüllung oftmals gar nicht richtig ausgesprochen, sondern nur still und selbstverständlich erwartet wird. Na, das gibt Ärger, eh klar! Schließlich kommen noch die vielen, vielen Erwartungen an den Urlaubsort dazu – der soll schließlich genau so sein, wie man es sich daheim so vorgestellt hat. Pech, wenn das Leben mit anderen Realitäten aufwartet – und für Überraschungen sorgt. Was tun also?

Zunächst einmal: eine gute Vorbereitung kann hilfreich sein. Nicht zu viel in die Urlaubstage reinpacken. Wir sind so sehr daran gewöhnt unsere Tage voll zu stopfen, dass wir das in der Ferienzeit automatisch beibehalten. Also, lieber einen Gang runterfahren, Zeit zum Nichtstun, für Unvorhergesehenes einplanen. Bewusst überlegen: was ist mir wichtig, was kann, soll Patz haben? Was brauche ich diesmal als Ausgleich? Vielleicht ist der beste Ausgleich für mich einmal überhaupt nichts zu planen und spontan das zu tun, wonach mir der Sinn steht. Deshalb: besser weniger vornehmen als zu viel.

Wenn Paare, Familien in Urlaub fahren: Überlegen: wer möchte, braucht was? Die Interessen aller sollen berücksichtigt werden. Das kann vorweg besprochen werden. Jeder darf einmal einen Tag gestalten, für jeden soll etwas dabei sein. Auch die Beziehung ist gefordert: Endlich Zeit füreinander – das weckt Erwartungen! Leider meistens nicht bei beiden Partnern die gleichen! Und meist hat jeder einzelne schon so viel vor, vorweg geplant, erhofft, erträumt, dass kaum mehr Zeit und Luft bleibt um sich einzustimmen, abzusprechen. Beziehung kann nicht nur im Urlaub stattfinden, sie darf auch im Alltag gepflegt werden. Und das heißt, dass Paare schon vorweg klären, wie sie ihren Urlaub gestalten möchten, wie sie ihre (wahrscheinlich) unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse unter einen Hut bringen. Allerdings: Der schönste Urlaub kann nicht retten, was im Alltag schon verloren ist!

Ganz wichtig auch: Nicht aus der Arbeitshektik rein ins Auto und raus in den Stau, sondern lieber einen Tag zum Vorbereiten einplanen. Auch die Anreise ist schon Auszeit, Abenteuer, Neuland – treten wir sie mit offenen Augen und Ohren an und lassen wir uns überraschen. Ebenso danach: sich Zeit geben, um wieder daheim anzukommen. Nicht sofort wieder in den Alltag stürzen. Lieber einen oder zwei Tage früher heimfahren – und die Seele nachkommen lassen.

Wenn wir es schaffen, vorweg zu klären, was jeder einzelne will und braucht, wenn wir uns Zeit lassen, uns nicht zu viel vornehmen, die Dinge auch mal auf uns zukommen lassen und jedem seine Bedürfnisse und Wünsche gönnen – auch sich selbst – dann kann Urlaub gelingen! Darum lassen wir uns unser Unterwegssein zum Genuss werden…. egal, was passiert, es ist stets ein kleines Abenteuer, auf das wir uns da einlassen und es ist nicht immer alles vorhersehbar und genau so, wie wir es uns vorgestellt haben – genau das ist ja das Reizvolle. Lassen Sie sich überraschen. Und machen Sie das Beste daraus!

 

IN: KLIPP, Juli 2011