Vom Festhalten des Augenblicks

„Himmel – das ist das Glück, weil es den Augenblick vergoldet. Hölle – ist auch das Glück, weil es nur einen Augenblick lang währt“, schreibt Andrea Sailer.

Lässt ein Augenblick sich festhalten? Und ist das denn wünschenswert?

„Verweile doch, du bist so schön…“

Wenn es Mephistopheles gelingt, den wissbegierigen Faust dazu zu bringen, nicht mehr weiter zu streben, vom Augenblick zu wünschen, er möge bleiben, dann solle der Faust ihm gehören, so die berühmte Wette der beiden. Denn dann „bin ich Knecht“, meint Goethes Faust, nicht mehr frei, nicht mehr wissbegierig, dann verlöre das Leben seinen Sinn.

Wer den einen Augenblick festhält, verliert den nächsten, so ist es doch. Der lebt nicht mehr im Augenblick, sondern in der Vergangenheit des vergangenen Augenblicks.

Wie der Zug, mit dem ich so gerne fahre. Was ich sehe, beim Fenster hinaus, ist eine Momentaufnahme – bevor noch ein Gedanke dazu entsteht, ist der Moment vorbei… eine Aneinanderreihung von Momenten also. Von Augenblicken. Im Zurückschauen erkenne ich (wenn auch aus anderer Perspektive) den vergangenen Moment. Und verliere dabei den gegenwärtigen. Manch eine Aussicht aber ist doch zu schön, da wollen die Augen sich nicht lösen, sie nehmen in Kauf, dass anderes dafür ungesehen bleibt. Was aber, wenn das Ungesehene noch schöner, noch wesentlicher wäre als das Festgehaltene?

Und die hässlichen, die unliebsamen Sachen? Momente, die man am liebsten gleich vergisst. Ja nicht festhalten, bloß schnell weiterziehen lassen. Obwohl wir doch so oft im Schmerzhaften, Traurigen uns verhaken, nicht loslassen wollen… und dabei so viele schöne Augenblick wieder verlieren, die vorüberziehen, ohne dass sie unsere Seele berühren konnten.

Wie will ich entscheiden, welcher Augenblick es lohnt festgehalten zu werden – um den Preis des verpassten nächsten Augenblicks? Kann auch der Schmerz sein Gutes haben? Kann es auch wichtig sein, der Trauer ihren Platz einzuräumen? Diesen Augenblick genauso anzunehmen? Und dann ziehen zu lassen? Im Kuss des Geliebten abzutauchen… und doch auch im nächsten (oder übernächsten) Augenblick wieder aufzutauchen, um andere Lebensmomente zu gestalten, um wieder Sehnsucht spüren zu können?

Wie hat doch die Tante Jolesch das Geheimnis ihrer heiß begehrten Krautfleckerl erklärt: Immer ein bisschen zu wenig. Nie zu viel. Genuss entsteht aus dem Moment. Der nicht unbegrenzt zu verlängern ist. Irgendwann schlägt der größte Genuss in Überdruss um. Weil es zu viel von einem ist. Weil es Festhalten bedeutet. Und Versäumen der Augenblicke, die folgen, die möglich sind.

Es ist wie im Zug sitzen. Ich kann aussteigen und verweilen. An diesem Ort. Aber wenn ich die Welt sehen und kennenlernen will, dann muss ich wieder einsteigen, weiterfahren. Von Augenblick zu Augenblick. Und mich überraschen lassen.

 

IN: Die FEDER, APRIL 2016