Vom unbegrenzten Funktionieren müssen

Wer gerade einen Kummer durchlebt, einen großen Verlust erleiden musste oder von einer Flut negativer Ereignisse überrollt wurde, weiß was ich meine: Wir können nicht immer funktionieren. Immer weitermachen, als wäre nichts geschehen. Manchmal ist der Schmerz zu groß, die Verzweiflung steckt als wilder Schrei im Hals und der Alltag scheint unbewältigbar.
Während in manch anderen Kulturen noch ausreichend Platz eingeräumt wird für Trauer, für Seelenarbeit, gilt bei uns vielmehr: Zähne zusammenbeißen und durch. Die Welt geht nicht unter. Und vor allem: die Welt wartet nicht. Man kann doch nicht einfach der Arbeit fernbleiben, nur weil man Liebeskummer hat. Ein geliebtes Haustier verloren hat. Von seinen Sorgen erdrückt wird. In anderen Kulturen würde niemand erwarten, dass wir einfach weiterhin funktionieren, wenn wir gerade schlimme (Seelen) Schmerzen erleiden.
Trauerzeit, Auszeit, Rückzug, warten bis die Seele sich wieder erholt hat. Zeit lassen, um die Selbstheilung in Gang zu setzen. Das ist bei uns schon nahezu in Vergessenheit geraten. In unserer modernen Leistungsgesellschaft können wir uns das nicht mehr leisten. Wir müssen funktionieren, immer und überall – ob Todesfall, Trennung, Streit, Krankheit, Schmerzen, schlimme Nachrichten… der Alltag geht weiter, muss weitergehen, da gibt es keine Ausrede. Wegen ein bisschen Seelenschmerz bleibt man nicht zu Hause und jammert. Und leidet. Wir dürfen uns keine Schwäche erlauben. Wir müssen uns zusammenreißen.

Unsere Seele aber braucht Zeit und Ruhe zum Verarbeiten, um Widrigkeiten zu verdauen,
Vermutlich stehen deshalb Depressionen, Angsterkrankungen und Burnout bei uns so hoch im Kurs – der Preis für dieses ewige Funktionieren müssen, sich immer zusammenreißen müssen… bis es halt nicht mehr geht, bis manche halt rausfallen aus diesem unmenschlichen Spiel.

Es braucht einen Ort und ausreichend Zeit, wo Trauer, Kummer, Schmerz, Verzweiflung sein dürfen. Wir nicht so tun müssen also ob. Es ist ok, mal „auszulassen“, nicht mehr zu können, sich im Bett zu verkriechen bis der ärgste Schmerz nachlässt. Trauer braucht Zeit, Liebeskummer braucht Zeit, loslassen und sich neu finden braucht Zeit… der Schmerz kommt in Etappen, wütet und verebbt dann wieder. Kommt von neuem in einer wütenden, tobenden Welle, durchfährt uns bis in die Fingerspitzen und zieht wieder ab… wenn wir ihn lassen, kommen und gehen lassen, ihm den gebührenden Platz einräumen, ihm die Zeit geben, die es eben braucht. Eine Zeit, in der wir nicht funktionieren müssen, eine Ausnahmezeit, in der die Kaffeehäferl schmutzig am Tisch stehenbleiben dürfen und die Post sich ungelesen stapelt.
Aus dem Alltag geworfen, den Boden unter den Füssen verloren, vom Schmerz zerrissen – manchmal müssen wir durch durch diese Flut von Gefühlen. Manchmal hilft nur Zeit.

Hilfreich sind Freunde, die einfach nur da sind, die nicht drängen, uns nicht mit Weisheiten und guten Ratschlägen erschlagen. Freunde, die trösten, die in den Arm nehmen, die sich die gleiche Geschichte zum hundertsten Mal anhören und mitfühlend nicken. Die Kaffee kochen oder Tee und uns nicht übel nehmen, wenn wir jetzt gerade mal nicht so lustig und zuverlässig und unternehmungslustig sind wie sonst. Glücklich, wer in dieser Zeit einfach nur in den Arm genommen wird.
Die besänftigende Vision von der liebenden Mutter, die in schlimmen Zeiten den Kakao ans Bett serviert, die Decke glattstreift. Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus… und vielleicht summt sie dann ein Wiegenlied… so tröstlich durften wir vielleicht als Kind unseren Kummer ausleben.
Unsere Seele braucht Zeit um mit einem Kummer fertigzuwerden. Dann erst, wenn wir ihr die Zeit geben und gönnen, kann ein Selbstheilungsprozess in Gang kommen, kann sich unser erschöpftes Selbst allmählich Stück für Stück wieder instand setzen, wieder Hoffnung schöpfen, wieder zu Kräften kommen.

Natürlich, auch unser Alltag kann Halt geben in schlimmen Zeiten. Für manchen ist der tägliche Gang ins Büro die Struktur, die nötige Ablenkung von quälenden Gedanken. Es gibt nicht ein Patentrezept, aber eines ist dennoch gewiss: Wenn unsere Seele viel zu verdauen hat, wenn wir Seelenarbeit zu leisten haben, dann sollte dafür auch Platz sein dürfen. Wenn schwierige Zeiten kommen, tut es gut, ein bisschen Tempo rauszunehmen – wir können nicht nur funktionieren, wir sind Menschen, wir haben unser eigenes Tempo.

IN: KLIPP, 2012