Von der Lust am Tanzen

Seit es den Menschen gibt, tanzt er. Tanzen ist gesund, gesellig und macht Spaß. Tatsächlich bedeutet Tanzen jedoch weit mehr: Es kann Unterhaltung sein, Ausdrucksmöglichkeit, Sport, Brauchtum, Ritual, Therapie, Kunst, Beruf, Leidenschaft oder einfach nur Freizeitbeschäftigung. Ein wahrer Allrounder sozusagen.

Ich gestehe: ich tanze für mein Leben gern. Angefangen hat alles im zarten Jugendlichenalter, als John Travolta in „Saturday Night Fever“ und meine ersten Tanzschulschritte zeitlich zusammenfielen. Da wusste ich: das ist es! Ich will tanzen können wie Johnny (und im Endeffekt natürlich: mit Johnny!). Manche starten im frühen Kindesalter mit Ballett oder rhythmischer Gymnastik und finden dabei ihren Weg zum Tanz – die große Mehrheit übt sich wohl erst in der Tanzschule in ersten zaghaften Walzerdrehungen und noch holprigen Cha-Cha-Chas. Und während die einen entnervt aufgeben, fangen die anderen so richtig Feuer – das Tanzfieber hat sie gepackt. Mich hatte es gepackt. Und ich frage mich heute, wie ich es so viele Jahre „ohne“ hatte aushalten können. Denn nach vielen Tanzschulkursen, den ersten Schritten im Turniertanz kam mir der Tanzpartner abhanden… ich wechselte über zu Modern Dance, Jazz Dance, Afro Dance, wo man in der Gruppe tanzt, keinen Tanzpartner braucht. Den Paartanz habe ich aus den Augen verloren. Und irgendwann einmal auch alles andere, das mit Tanzen zu tun hatte. Stattdessen bin ich durch die Landschaft gejoggt, habe mich bei Yoga in alle Richtungen verbogen, Schwimmkilometer hinter mich gebracht und mein Rad und mich malträtiert. Alles schön und gut, aber die große Begeisterung war nie wirklich dabei. Es war anstrengend und manchmal ein bisschen einsam…

Liebevoll packt Johann Swoboda (69) die schwarz glänzenden Tanzschuhe in den Schuhsack. Er bereitet sich wieder einmal vor für einen Ausflug in die Welt des Tango Argentino. Der großgewachsene Mann mit dem dichten weißen Haar lebt in München. Dort war er lange Jahre verheiratet, hat zwei Söhne großgezogen. Zum Tanzen gekommen ist er mit 19, als er noch in Wien gelebt hat. „Ich hab damals mit der Tanzschule begonnen, um ein bisschen von daheim wegzukommen“, lacht er. Sein Interesse ist jedoch geweckt, er besucht Kurse und tanzt schließlich bei der österreichischen Staatsmeisterschaft in der D-Klasse mit. Dann verschlägt es ihn aus beruflichen Gründen nach Kiel, später nach München, wo er seine künftige Frau kennenlernt – beim Tanzen natürlich! „Wir waren oft im „Tanzcafe Gondola“ in Ottobrunn bei München“. Nach der Geburt der beiden Söhne bleibt auch bei Johann Swoboda das Tanzen auf der Strecke. „Es blieb wenig Zeit, wir haben nur mehr bei diversen Festivitäten getanzt.“ 1995 stirbt seine Frau. „Da hatte ich anderes im Kopf als tanzen – wie kann ich meine Familie durchbringen?“ Aber der lose Kontakt zu ehemaligen Tanzfreunden in Wien hält über die Jahre. Schließlich organisiert der „General“, so sein Spitzname, ein Treffen in Wien: „Am 3.10. 1997 – es sind an die 35 Leute gekommen!“ Das bringt den Witwer zurück auf´s Tanzparkett. „2001 bin ich erstmals wieder auf einen Ball gegangen“. Dort erlebt er eine Mitternachtsshow mit dem österreichischen Staatsmeister in Tango Argentino – „die sind übers Parkett gefegt und ich dachte nur: das will ich auch können!“ Der damals 57-Jährige kauft sich Tango-CDs, besucht einen Tango-Kurs. Und seither hat ihn der Tango Argentino nicht wieder losgelassen.

Woher ich das alles weiß? Weil ich Johann kenne. Wir haben uns über eine Tanzpartnerbörse im Internet kennengelernt. Johann ist nach Graz gereist und wir haben hier das erste Mal miteinander Tango getanzt. Das machen wir jetzt öfter. Wir hatten Glück. Es ist nicht immer leicht, einen passenden Tanzpartner zu finden. Die Tanzpartnerbörsen im Internet bieten eine gute Möglichkeit. Hier kann man sich – meist kostenfrei – eintragen, nur mit Nickname oder mit eigenem Namen und Foto. Jeder entscheidet selbst, wie viel er oder sie von sich preisgeben möchte. Die Tanzbörsen bieten einiges an Information. Gelegentlich sollte man jedoch mit „Einfahrern“ rechnen. Manche antworten nicht. Mit anderen verabredet man sich und dann taucht niemand auf. Es gibt solche, die mehr auf Brautschau sind und nur in zweiter Linie einen Tanzpartner oder eine Tanzpartnerin suchen. Schließlich gibt es noch jene Kandidaten, die wohl zum vereinbarten Tanztreff kommen, dann aber leider nicht tanzen können. Weil der angegebene Goldkurs schon über zwanzig Jahre zurück liegt. Ja, und so sammelt man allerlei Erfahrungen. Das muss man wissen. Um nicht gleich entmutigt das Handtuch zu werfen. In den Tanzbörsen gibt es wie überall solche und solche. Und das Internet lädt nun mal dazu ein, mit seinen Daten zu schummeln. Dennoch: man kann sich gut umschauen nach Alter, Wohn- (und bevorzugtem Tanz-) Ort, Tanzvorlieben, Tanzkenntnissen und sonstigen Tanzwünschen. Man entwickelt ein gutes Gefühl im Lauf der Zeit und findet immer wieder nette Leute, knüpft Kontakte, erlebt wunderschöne Tanzabende. Manchmal funkt es sogar und aus einem Tanzpaar werden Liebende. Manchmal funkt es nur einseitig oder erst nach drei Jahren, manchmal entstehen kostbare Freundschaften… alles ist möglich und es ist immer wieder spannend. Das gleiche Interesse, die geteilte Leidenschaft am Tanz ist ein sehr tragfähiges, verbindendes Element, das Menschen zusammenschweißt.

Auch Anneliese Grietsch (58) kennt Johann Swoboda gut. Sie lebt ebenfalls in München und ist vor 15 Jahren zum „richtigen“ Tanzen gekommen. „Ich habe immer schon gerne getanzt. Ein guter Freund von mir hat dann versucht mir den Cha-Cha-Cha beizubringen – ich wollte den Tanz richtig beherrschen und daraufhin habe ich mich in der Tanzschule angemeldet“. Anneliese ist begeistert, macht alle Kurse, die es nur gibt. Sie findet einen fixen Tanzpartner, mit dem sie zehn Jahre regelmäßig tanzt. „Dummerweise musste er beruflich von München wegziehen und damit hat sich das Ganze zerschlagen“. Auch Anneliese hat sich in den Internet-Tanzportalen umgeschaut und bestätigt, „vieles bewegt sich eher in Richtung Partnersuche und die Profitänzer sind meist in einem Alter zwischen 20 und 30 Jahren“. Anneliese gibt nicht auf. Sie nutzt jede Gelegenheit, die sich ergibt. „Durch meine langen Urlaube in der Karibik habe ich schließlich die Liebe zu Salsa und Batchata entdeckt.“ Sie engagiert einen Privatlehrer vor Ort. „Für mich war das die reine Lebensfreude“. Mittlerweile ist sie auch zum Boogie gekommen, tanzt Tango Argentino und besucht so oft es geht Tanzveranstaltungen, Seminare, Workshops. „Ich verwende sozusagen die gesamte Freizeit, die ich zur Verfügung habe für das Tanzen. Tanzen ist für mich Leben, Bewegung, Freude, soziales Umfeld, Gehirntraining, geistige Flexibilität und vor allem: man kann es bis ins hohe Alter machen, bleibt fit, hat immer Anschluss, egal wo man sich auf der Welt befindet. Ich könnte mir ein Leben ohne Tanzen gar nicht vorstellen!“

Damit hat Anneliese Grietsch die wesentliche Vorteile des Tanzens auf einen Punkt gebracht: Tanzen hält fit. Es trainiert Geist und Körper, hält uns gesund. Und das in jedem Alter. Wer regelmäßig das Tanzbein schwingt, kräftigt sein vegetatives Nervensystem. Das wiederum so wichtige Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung, Stoffwechsel steuert. Rücken-, Bein-, Arm- und Schultermuskulatur werden gestärkt, Feinmotorik, Schnelligkeit und Koordination gefördert. Der Körper wird insgesamt beweglicher, das Körpergefühl besser. Tanzende lernen ihren eigenen Körper besser zu verstehen und ein gesundes Bewusstsein für ihn zu entwickeln. Die Körperhaltung wird aufrechter. Beim Tanzen steigt der Sauerstoffgehalt im Blut, als Ausdauertraining stärkt und stabilisiert es das Herz- und Kreislaufsystem. Natürlich hilft die Bewegung auf der Tanzfläche auch schlank zu bleiben oder unerwünschte Kilos los zu werden. Fett wird abgebaut, Muskeln werden aufgebaut, die Fettverbrennung generell angeheizt. Zusätzlich trainiert jeder Tanz noch spezielle Körperbereiche: Paso doble und Samba etwa sollen die Beckenbodenmuskulatur stärken, der Wiener Walzer ist vorteilhaft für unseren gesamten Stützapparat und der Jive sorgt für Kraft und Schnelligkeit.

Musik und Tanz können überdies Stimmung und Immunsystem positiv beeinflussen. Beim Tanzen werden weniger Stresshormone gebildet, das Glückshormon Endorphin wird ausgeschüttet. Wir können Stress abzubauen. Körperliche wie seelische Spannungen werden gelöst. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt, Leistungsfähigkeit und geistige Vitalität steigen. Zumindest ein- bis zweimal in der Woche eine Stunde tanzen sollte es für gesundheitliche Zwecke allerdings schon sein. Ärzte empfehlen generell regemäßige Bewegung, am besten dreimal die Woche mindestens 30 Minuten. Wer den Spaß und die Freude beim Tanzen entdeckt hat, wird sich aber ohnehin gerne aufs Parkett begeben.

Mit zunehmenden Alter wird das Tanzen schließlich zum „Wundermittel“ schlechthin: Es fördert Koordination, Raumorientierung und Gleichgewicht – wichtige Faktoren, die gerade im Alter vernachlässigt werden. Die Gelenkbelastung ist gering und es finden sich (wenn man es richtig macht) keine verletzungsträchtigen Bewegungen. Dass Tanzen für ältere Menschen Vorteile bringt, zeigen Studien: Frauen und Männer über 70, die regelmäßig an einem Tanzprogramm teilnehmen, haben mehr Freude am Leben insgesamt, ihr körperlicher Zustand verbessert sich, sie sind mobiler und können ihre Reaktionsgeschwindigkeit sowie ihre Stand- und Gehsicherheit steigern.

Selbst nach schwerer Krankheit ist Tanzen möglich: Es gibt Tänzer und Tänzerinnen mit künstlichen Gelenken, nach Krebserkrankungen oder Schlaganfall erholen sich Patienten rascher. Mittlerweile werden spezielle Tanzprogramme angeboten für Menschen nach Herzinfarkt, Unfällen, mit Bewegungseinschränkungen.
Tanzen hält aber beileibe nicht nur unseren Körper in Schuss: Es gilt als wirkungsvoller Denksport, da es das Gedächtnis trainiert und kognitive Leistungen fördert, wenn man Schrittfolgen und Tanzablauf einstudieren möchte. Studien belegen, dass die Bewegung am Parkett wirksame Vorsorge gegen geistigen Verfall und Demenz sein kann. Auf der Tanzfläche werden Anpassungs- und Improvisationsfähigkeit trainiert. Gut für das Gehirn, wenn es im Alter fit bleiben will. Forscher der Universität Bochum wiesen 2009 in einer Studie nach, dass die koordinierten Bewegungen beim Tanzen nicht nur den Alterungsprozess verlangsamen , sondern sogar bereits bestehende Defizite in der Gehirnleistung ausgleichen können.

Der Bundesverband Seniorentanz (BVST) e.V. mit seinen 15 Landesverbänden in ganz Deutschland und seinen rund 7000 Mitgliedern fördert und ermöglicht Seniorentanz – „damit Interessenten Gleichgesinnte treffen, neue soziale Kontakte knüpfen, fröhliche Gemeinschaft erleben – kurzum Lebensfreude und Lebensqualität erhöhen können“. Tanzleiter/innen werden ausgebildet, die Tanzgruppen in Einrichtungen der Erwachsenenbildung, in Kirchengemeinden, Sportvereinen, Alten- und Pflegeheimen anbieten. „Unsere Tanzleiter/innen bewegen in unzähligen Gruppen wöchentlich in Deutschland mehr als 200 000 Menschen“. Da die gesundheitsfördernde Wirkung anerkannt ist, werden aktive Tänzer/innen von einigen Krankenkassen im Rahmen ihrer Prämienprogramme mittlerweile mit Bonuspunkten belohnt.

Regelmäßige Bewegung steigert das Wohlbefinden. Immer mehr Menschen entdecken (wieder) die Lust an der Bewegung zu Musik. Tanzen stärkt die Eigen- und Sozialkompetenz, bietet Platz für Kreativität und Spontaneität. Darüber hinaus ist das Tanzen ein geselliger Sport. Aber Tanzen kann noch mehr: Eine Untersuchung an der Goethe Universität in Frankfurt belegt: Tanzen macht fit, glücklich – und sexy. Denn es beeinflusst die Ausschüttung von Stress- und Sexualhormonen. Die Psychologin Cynthia Quiroga Murcia ermittelte bei Tanzpaaren vor und nach dem Tango mittels Speichelproben den Hormonstatus. Und fand heraus, dass beim Tangotanzen das Stress-Hormon Cortisol reduziert wird, während der Testosteron-Spiegel (bei Männern und Frauen) ansteigt. Die messbaren positiven Ergebnisse sind auf Bewegung, Musik und den Körperkontakt mit dem Tanzpartner zurückzuführen. Paartherapeuten nützen dieses Wissen schon länger und setzen das Tanzen auch mal dazu ein, verfahrene Beziehungen zu retten.

Damit bewegen wir uns auch schon in den Bereich der Tanztherapie. So bezeichnet sich eine spezielle Form der Psychotherapie. Der frei improvisierte Tanz dient hier als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel, er soll Verstehen und Verarbeiten von Gefühlen und Beziehungen ermöglichen und erleichtern. Tanztherapie fördert die Körper- und Selbstwahrnehmung sowie die Integration von körperlichen, emotionalen und kognitiven Prozessen. Die Ursprünge der Tanztherapie liegen in den 1920er Jahren in Deutschland. Rudolf von Laban (1879–1958) und seine Schülerin Mary Wigman (1886–1973) gelten als Pioniere auf diesem Gebiet. In der Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen wurden seither kontinuierlich neue therapeutische Möglichkeiten des Tanzes entwickelt.

Die Deutsche Gesellschaft für Tanztherapie bietet dazu Aus- und Fortbildungen an sowie die Möglichkeit spezielle Methoden der „Integrativen Tanztherapie“ kennenzulernen. Tanzen hat also wichtige soziale Aspekte: es kann ein Paar (wieder) miteinander in Kontakt bringen, kann die Paarbeziehung fördern. Und es führt ganz allgemein in die Gemeinschaft mit anderen. Hilft Kontakte zu knüpfen. Ist Bewegung in Gesellschaft, gemeinsames Tun. Und natürlich auch Berührung, Körperkontakt, sich auf einen anderen einstimmen. „Tango ist die erlaubte Umarmung mit einer/m Unbekannten“, sagt ein schöner Satz von Mundo Burgos. Wir bewegen uns gemeinsam, finden einen gemeinsamen Rhythmus, spüren einander. Das tut gut.

Wer tanzen lernen möchte, findet heute ein riesiges Angebot an Tanzschulen. Eine davon, eine junge, frische, moderne und nebstbei eine der größten in Österreich ist die Tanzschule „Conny & Dado“ in Graz. Tanzlehrerin und Tanzschulchefin Conny Leban-Ibrakovic (33) erzählt von ihren Anfängen: „Ich habe in der Tanzschule meine Leidenschaft für Salsa entdeckt“. Mit 18 startet sie ihre Tanzlehrerausbildung und beginnt Tanzunterricht zu geben. „Es war eigentlich nur als Hobby vorgesehen“, erinnert sie sich. Dann lernt sie in einer Tanzbar Dado Ibrakovic (35) kennen. Die beiden beginnen miteinander Salsa zu tanzen und gewinnen 2004 auf Anhieb die österreichische Staatsmeisterschaft. „Danach ging es Schlag auf Schlag“, erzählt die zierliche Tänzerin. „Wir haben Salsakurse angeboten und „Salsa on the beech“ ins Leben gerufen. „Wir waren damit einer der ersten, die Tanzreisen ans Meer im Programm hatten.“ Mittlerweile gibt es ein beinahe unüberschaubares Angebot an Tanzreisen weltweit. Die beiden, längst auch privat ein Paar, beschließen 2007 eine Tanzschule aufzubauen. „Wir haben immer viel Wert auf Atmosphäre gelegt, wollen uns selber „zu Hause“ fühlen, das ist unser Qualitätsanspruch“. Der sich wohl auch bezahlt macht – die liebevolle Dekoration, das familiäre Klima, das breite Angebot wird geschätzt, „wir waren von Anfang an gut besucht“. Seither wurde kontinuierlich vergrößert, es gibt heute vier Säle, eine Bar, mehrere Garderoben, viele Sitzgelegenheiten, gemütliche Sofas. Als Tanzschulcredo gilt: Alle sind gleich. Titel, Alter, Beruf spielen keine Rolle. Man darf sein Alltagsgewand ablegen und nur Tänzer, Tänzerin sein. Das Angebot an Kursen und Tanzstilen ist einzigartig und vielfältig. Auch ihre Zielsetzung sei eine andere, erklärt Conny Leban-Ibrakovic: „Wir sehen uns als Unternehmer. Wir möchten unsere Tanzschule als modernes Unternehmen führen, bei dem die Leidenschaft des Tanzens und die Begegnung der Menschen an einem familiären Platz im Vordergrund steht.“ Sie selbst hat 2013 ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen, mit einer Masterthesis über „Die Tanzschule – ein Unternehmen im Wandel der Zeit“. Dafür hat sie viel Marktforschung betrieben. In Deutschland sei die „Tanzschule Gutmann“ mit Standorten in Freiburg, Hamburg und Karlsruhe eine der größten mit einem entsprechend umfangreichen Angebot. Sie organisiert auch das „Euro Dance Festival“, das alljährlich als größtes Tanz-Festival in Europa die Weltbesten in den Europapark Rust holt.

Was aus ihrer Sicht für das Tanzen spricht? „Es ist für alle geeignet, unabhängig vom Alter, es schließt niemanden aus, selbst wenn man körperlich eingeschränkt ist“. Wer behaupte, er oder sie könne nicht tanzen, weil unmusikalisch… „das sind dann meist die Besten“, lacht sie. Als Tanzlehrerin empfiehlt sie: „Einfach mal schauen, welche Musik mir gefällt. Jeder bewegt sich gerne zu Musik. Damit kann ich anfangen“. Außerdem sei es spannend, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, die Welt aus den Augen des anderen zu sehen. Und beim Tanzen Menschen kennenzulernen, die man sonst vielleicht nie kennengelernt hätte. Natürlich gebe es auch gesundheitliche Aspekte, so Conny Leban-Ibrakovic. Diese will sie aber gar nicht so im Vordergrund sehen, das sei eher ein angenehmer Nebeneffekt. Wichtiger ist ihr, dass man beim Tanzen in einen Dialog zu sich selbst tritt, die Körperwahrnehmung schult. „Deshalb ist auch die Gefahr für ein Burnout geringer, weil man lernt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen“. Generell „ändern sich Körper, Psyche und oft das ganze Leben“ mit dem Tanzen. Und: „im Tanzen kann man nicht lügen“. Wenn ein Paar sich nicht verträgt, sich nicht wirklich mag, das komme beim Tanzen heraus, „das lässt sich nicht verbergen“. Umgekehrt gibt es viele Paare, die sich beim Tanzen kennen- und lieben gelernt haben. So viele, dass Conny und ihr Mann Dado schon das nächste Projekt angedacht haben: „Tanzende Liebesgeschichten“ – sie möchten die Geschichten dieser Paare, die sich beim Tanzen gefunden haben in einem Buch sammeln. Mittlerweile haben ja auch schon einige Tanzschul-Babys das Licht der Welt erblickt.

Es gibt zahlreiche Geschichten, wo Tanzen das Leben verändert hat. Manche Menschen kommen nach Unglücksfällen, schlimmen Schicksalen, Scheidungen über das Tanzen erstmals wieder zurück ins gesellschaftliche Leben, knüpfen neue Kontakte. So manch einer hat sich seinen Liebeskummer oder sein Lebensunglück einfach weggetanzt. „Ich habe nach meiner Scheidung quasi auf der Tanzfläche gewohnt“, berichtet ein Tänzer.

In der Tanzschule kennen- und lieben gelernt haben sich 2007 auch Petra Mariella Stelzl (36) und Werner Deutschmeister (57). „Wir haben gemeinsam Salsa getanzt. Am Ende des Semesters passierte es dann bei einem Tanzabend – der Abend dauerte bis 6 Uhr früh“, lächelt der passionierte Tänzer. Seine Liebste fuhr dann allerdings drei Tage später für ein Monat nach Tibet. Doch das konnte der Liebe und dem gemeinsamen Tanzen nichts anhaben, denn „danach sahen wir uns täglich und ein halbes Jahr später sind wir zusammengezogen“. Heute gehen die beiden nach wie vor zweimal die Woche gemeinsam in die Tanzschule und hin und wieder auch in ein Tanzlokal. „Wir tanzen Salsa, Swing, Boogy und Lindy Hop.“

Tanzen hat in der Gesellschaft seit jeher wichtige Funktionen. Es drückt Zusammengehörigkeit und Gefühle aus, dient als feierlicher Initiationsritus. Ein Fest braucht Musik und Tanz. Dass der Tanz untrennbar mit der Menschheitsgeschichte verbunden ist, zeigen indische Höhlenmalereien, die mehrere 1000 Jahre v. Chr. entstanden sind. Im alten Ägypten gab es ebenso Tanzzeremonien wie bei den alten Griechen. Homer beschreibt circa im 8. Jh. v. Chr. in seiner Ilias den geselligen Tanz. Terpsichore, Tochter des Zeus, gilt als Muse der Tanzkunst. Der Tanz wird und wurde in religiösen Riten eingesetzt, es werden Götter damit gerufen, böse Geister abgewehrt. In Europa wurde vor allem in den unteren Schichten und bei den Festen der Bauern getanzt. Der Gesellschaftstanz entstand vermutlich an den europäischen Fürstenhöfen im frühen 15. Jahrhundert. Anfangs waren hier vor allem Prozessions- und Kreistänze üblich. Paartänze kamen erst etwa im 16. Jahrhundert auf – allerdings in einer noch sehr distanzierten Tanzhaltung. Man berührte sich, wenn überhaupt, nur an der Hand. Alles andere hätte als unschicklich gegolten. Mit Ende des 18. Jahrhunderts war der Gesellschaftstanz keine exklusive Angelegenheit mehr für die Fürsten- und Königshöfe. Es gab Bälle für die bürgerlichen Schichten und volkstümliche Schrittkombinationen eroberten das Tanzparkett. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts werden bestimmte lateinamerikanische Tänze und Standardtänze als „Gesellschaftstänze“ bezeichnet, die in den Tanzschulen heute zum fixen Programm gehören. Nach internationaler Definition gelten Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slowfox, Quickstep als Standardtänze. Zu den lateinamerikanischen Tänzen zählen: Cha-Cha-Cha, Samba, Rumba, Paso Doble, Jive. In den Tanzschulen des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes werden zudem meist noch Blues, Foxtrott, Discofox, Salsa und Rock`n Roll unterrichtet. Seit einigen Jahren finden auch Swing-Tänze aus den 1930er bis 1950er Jahren wieder Beachtung, sie werden teilweise zu den Gesellschaftstänzen gerechnet. Tanzen gehört heute nach wie vor unabdingbar zu Hochzeiten, Abschlussbällen, Festen – was wäre auch eine Silvesternacht ohne Wiener Walzer?

Zu den derzeitigen Trends in Mitteleuropa zählt Conny Leban-Ibrakovic Kizomba, einen sehr innigen, langsamen Tanz aus der afrikanischer Kultur, der aus den portugiesischen Kolonien zu uns gekommen ist. Bachata stammt aus der dominikanischer Republik und wird zu spezieller Bachatamusik getanzt. Dann gibt es noch die Mischung aus Bachata und Tango Argentino, den Bachatango. Ganz neu sei momentan Bokwa, eine Art Fitnessprogramm – „Aerobic neu vermarktet“. Durch die Globalisierung haben sich verschiedene Musikstile stärker vermischt, und es gäbe mittlerweile viel Austausch über Youtube etc. Auch Hip-Hop sei bei den Jugendlichen jetzt wieder sehr aktuell. Viele Trends blieben aber oft nur Eintagsfliegen, „gemacht, um schnell Geld damit zu verdienen“. Diese halten meist nicht lang, „vor allem, wenn sich kein Zusammenhang mit der eigenen Kultur und Entwicklung findet. Vieles entspricht eben nicht unserer Mentalität, während „der Discofox in Österreich immer läuft“.

Den Swing in all seinen Facetten haben Bärbl Kaufer (50) und Marcus Koch (46) in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt. „Wir beide lieben die Swingmusik der 30er und 40er Jahre und die Rock’n’Roll-Musik der 50er Jahre und haben uns dieser Musik und diesen Tänzen verschrieben“. Beide kommen aus München und tanzen seit 1991 zusammen. Marcus Koch war als Sportwart maßgeblich am Aufbau des Boogie Woogie im Deutschen Rock ’n‘ Roll- und Boogie Woogie-Verband beteiligt. Die beiden machten nicht nur viele Winkel der Welt mit Boogie bekannt, sondern brachten auch den Lindy Hop nach Deutschland. Und feierten Turniererfolge auf der ganzen Welt mit Boogie Woogie (Weltmeister 1993), Lindy Hop, Balboa, Shag und Charleston. Nebstbei veranstalten sie seit 2006 das weltbekannte „Rock That Swing Festival“ in München. Und führen seit 2011 ihre eigene Tanzschule im Herzen Münchens, den „Vintage Club“.

Das Besondere am Tanzen ist für Bärbl und Marcus, dass „Tanzen jung hält und fit. Man lernt viele Gleichgesinnte kennen, es hebt die Stimmung, macht fröhlich. Man kann sich ungezwungen bewegen und einander anfassen, ohne sich gleich belästigt zu fühle. Und man kann seine Sorgen vergessen“. Außerdem stärke es das Selbstbewusstsein: „Man verliert die Scheu, ist unter Leuten und kann leicht und ungezwungen Kontakt finden“.
Der Vintage Club bietet einmal im Monat einen Tag der offenen Tür, wo man kostenlos in Tänze wie Charleston, Lindy Hop, Boogie Woogie, Shag oder Balboa reinschnuppern kann. Auch hier werden in den Kursen die Partner gewechselt, so dass es kein Problem darstellt, wenn man alleine kommt. „Wir könnten uns nicht vorstellen, ohne diese Musik und die Tänze zu leben. Wir würden wahrscheinlich in ein tiefes schwarzes Loch fallen“, so die beiden Profi-Tänzer.

Wie es bei mir weiterging? Nach einem spontan besuchten Tanzseminar vor einigen Jahren wusste ich: egal wie, ich muss wieder tanzen! In der Tanzpartnerbörse fand sich der erste Herr. Ich ging wieder zu Übungsabenden und besuchte Kurse. Habe Salsa tanzen gelernt – da finden sich am schnellsten Tanzpartner – und Tango Argentino. Gelandet bin ich mittlerweile beim Tanzsportclub (TSC) Eden in Graz, gegründet 1927 und somit wohl einer der ältesten und traditionsreichsten Klubs in Österreich.

Dort trainiert auch die 24-jährige Laura Puchtler mit ihrem Tanzpartner Thomas Gruber (23) seit einigen Jahren. Die beiden sind im Turniertanz daheim und derzeit auf Platz 4 in Österreich in der Kombination, also in zehn Tänzen. Bei Laura war es die Mutter, die sie auf den Geschmack gebracht hat, hat diese doch schon als Jugendliche Turnier getanzt. „Es gab noch schöne Kleider und Fotos von damals, das hab ich sehr bewundert“. Auch Laura Puchtler ist – ganz klassisch – über die Tanzschule zum Tanzen gekommen. Dort erzählt ihr jemand vom Tanzsportclub, sie geht alleine hin, findet einen Tanzpartner. „Das war einer der schönsten Tage meines Lebens“. Sie fängt an, Standard und Latein zu trainieren. Schon nach drei Monaten fährt sie im Mai 2008 zu ihrem ersten Turnier, zu „Hessen tanzt“, weltgrößtes Amateurtanzturnier in Frankfurt. „Es gab dort eine riesige Halle, acht Tanzflächen, an die 7000 Tänzer und Tänzerinnen – ich hab geglaubt, ich bin im Paradies angekommen!“ Heute trainiert sie (mit einem anderen Tanzpartner) sechsmal die Woche zwei bis drei Stunden. Das Tanzpaar fährt regelmäßig zu Turnieren, „an die 20 pro Saison“, in ganz Österreich, Deutschland, Slowenien, Tschechien, Slowakei.

Die Unterschiede zur Tanzschule erklärt sie folgendermaßen: „Während man in den Tanzschulen Gesellschaftstanz lernt, findet hier im TSC die Vorbereitung und das Training für den Turniertanz statt. Es gibt dreimal die Woche Gruppentrainings. Und es wird viel in Einzelstunden mit den Trainern erarbeitet.“
Der Turniertanz ist streng geregelt. Es gibt verschiedene Tanz-Klassen, angefangen von der D-Klasse kann man sich hinaufarbeiten über die C-Klasse nach B, A und schließlich S, die Sonderklasse. Während es bei D- und C-Klassen noch ein begrenztes Figurenrepertoire gibt, das getanzt werden darf, sind die übrigen Klassen offen, das heißt die Tanzpaare können ihre Figuren frei wählen und zusammenstellen. In einem Startbuch werden alle Turniere eingetragen, ab einer gewissen Punktezahl steigt man in die jeweils nächste Klasse auf. Es gibt in der Frühjahrs- und Herbstsaison nahezu jedes Wochenende Turniere, die umfangreichen Turnierkalender finden sich auf den Seiten der Tanzsportverbände. Jedes Tanzpaar entscheidet dabei selbst, wann es wie oft und wohin fahren möchte.

Auch der Turniertanz kennt kaum Altersgrenzen. „Egal ob 10 oder 70, jeder kann hier zu tanzen anfangen“. Im offiziellen Reglement beginnen allerdings ab 35 bereits die Seniorenklassen. Die große Frage: Muss ich nicht schon gut tanzen können, wenn ich in einen Tanzsportclub komme? „Besser nicht!“, lacht Laura Puchtler, „in Tanzschulen gibt es eine ganz andere Zielsetzung, man lernt andere Sachen, und es ist schwer, alte Bewegungsmuster durch neue zu ersetzen“. Wenn man tanzen will, rät sie weiters, „muss man raus, dorthin gehen, wo die Tänzer sind, man muss sich in Tanzkreise begeben – denn wenn ich nur zuhause sitz, find ich bestimmt niemanden“.

Sie und Tanzpartner Thomas sind privat kein Paar. „Wir wollten von Anfang an privates und tanzen nicht vermischen, denn wenn privat etwas in die Brüche geht, dann hat man wenigstens den Tanzpartner noch.“ Natürlich entsteht beim Tanzen viel, oft haben sich Liebespaare gefunden, bestätigt aber auch die Turniertänzerin. Es sei sicher wunderschön als gemeinsames Hobby – „Man fährt zusammen zu einem Turnier auf Mallorca und kann danach noch eine Woche Urlaub anhängen“.

Wie aber lässt sich ein derart umfangreiches Training zeitlich unterbringen? „Wo ein Wille, da ein Weg“, lächelt Laura Puchtler. „Wir haben beide ein gutes Zeitmanagement, sind als Studenten flexibel.“ Laura hat ihr Wirtschaftsstudium im Vorjahr abgeschlossen, ist jetzt im Masterstudium, das sie im Sommer 2014 beenden will. Wie es dann weitergeht, weiß sie noch nicht. „Nur vom Tanzen zu leben ist schwierig, ich möchte nie vom Tanzen abhängig sein“. Aber: das Tanzen bleibt, „in welcher Form auch immer!“

Auch sie findet nur Vorteile beim Tanzen: „Es verbindet alles, Körper mit Geist, Arme und Beine, deine Finger, deinen Kopf, den ganzen Körper, es ist eine sehr ausgewogenen Tätigkeit, die geistig und körperlich fordert“. Dazu käme der sozialer Aspekt, der Partner, das Gruppentraining, „es ist eine Interaktion mit anderen, in Gemeinschaft. Tanzen kann man nur empfehlen, egal in welcher Form“, schwärmt sie voller Begeisterung. Natürlich sei es am Anfang vielleicht schwer, aber, „wenn man nur eine Stunde in der Woche tanzen geht, sind die Schwierigkeiten nicht auf mangelndes Talent, sondern auf mangelnde Übung zurückzuführen“. Es ist alles Übungssache, sagt sie, Übung und Wille. „Jeder kann tanzen lernen, wenn er möchte, Tanzen ist zu 20 % Talent, zu 80 % Schwitzen“.

Zurück zu Johann, dem Tangotänzer aus München. Er hat im Vorjahr die Tanzfestivals und -Reisen für sich entdeckt. „Ich wollte in Urlaub fahren und hab das „Summer Tango Festival“ in Porec gefunden“. Seither ist er auf den Geschmack gekommen. Mindestens einmal im Monat ist er irgendwohin unterwegs zum Tango tanzen. Ob nach Landsberg am Lech, nach Augsburg, in den Allgäu oder nach Wien, Graz, Ottensheim, Eschelberg, zum Bodensee in Österreich. Oder eben ans Meer nach Porec oder Rovinj. Tanzpartnerinnen findet er sich immer und überall, denn „ich bin in einer Altersklasse, wo es kaum noch Herren gibt, die besonders tanzfreudig sind, die meisten sitzen lieber daheim vorm Fernseher, deshalb bin ich oft der Hahn im Korb“, schmunzelt er. Tanzen ist für ihn mehr als ein Hobby, es ist seine große Leidenschaft. Und gesellig und gesprächig wie er ist, ist er mittlerweile auch „bekannt wie ein bunter Hund“. Egal wo er hinkommt, überall trifft er auf Bekannte. „Es gibt ja so viele Tanzlustige, die herumreisen“. Langweilig wird ihm sobald also sicher nicht, denn: wer sein Herz an den Tanz verloren hat, der hat für immer eine wunderschöne Betätigung gefunden.

 

IN: SALSANGO, Dez. 2013